"Geschäftsführer des eigenen Lebens"

Interview22. Dezember 2013, 17:00
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Lebenslanges Lernen heißt die Devise. Welche Konsequenzen sich für das persönliche Weiterbildungsverhalten daraus ergeben, erläutert Bildungsforscher Erich Ribolits

STANDARD: Herr Professor Ribolits, Weiterbildung heute - welche Gedanken kommen dem Weiterbildungsforscher dabei in den Sinn?

Ribolits: Mit Verlaub gesagt, nicht nur die vielleicht erwarteten instrumentellen! Was derzeit mit Begriffen wie Neoliberalismus, postbürgerliche oder postindustrielle Gesellschaft, Postmoderne zu erfassen versucht wird, ist nach meinem Dafürhalten der Beginn eines fundamentalen gesellschaftlichen Umbruchs. Ich bin davon überzeugt, dass wir gegenwärtig die ersten Ansätze tiefgreifender Veränderungen hinsichtlich der geltenden sozialen Normalität, der Selbstwahrnehmung von Menschen sowie der gängigen Formen der Lebensgestaltung erleben. Unter anderem zeigen sich wesentliche Aspekte dieses Wandels schon recht deutlich in einer veränderten Haltung, mit der Menschen der Erwerbsarbeit gegenüberstehen, sowie in nicht bloß umfangreicheren, sondern vor allem qualitativ völlig neuen Anforderungen, mit denen sie hinsichtlich der Berufsausübung konfrontiert sind. Ein Stichwort für mich dazu lautet: unternehmerisches Selbst.

STANDARD: Und das besagt?

Ribolits: Das besagt, die Dynamik des angedeuteten Umbruchs erlaubt es heute nicht mehr, auf die von Generation zu Generation stattfindende Anpassung der Menschen zu warten. Umorientierungen und Neupositionierungen sind auch innerhalb eines Menschenlebens erforderlich. Oder genauer, für viele wiederholt erforderlich. In diesem Sinn stellt lebenslanges Lernen gewissermaßen den Versuch einer lebenslangen Adaption von Menschen an die sich kontinuierlich verändernden Bedingungen ihres Lebens dar. Dabei geht es um viel mehr als das bloße Bewältigen neuer Berufsanforderungen. Es geht beim aktuellen Wandel - dem auch die Forderung nach lebenslangem Lernen geschuldet ist - tatsächlich um eine veränderte Selbstwahrnehmung von Menschen.

STANDARD: In welche Richtung?

Ribolits: Menschen werden sich zukünftig immer mehr als Unternehmer ihrer selbst wahrnehmen und sich quasi als Geschäftsführer ihres eigenen Lebens verantwortlich fühlen müssen. In Bezug auf die Modernisierung, die Erweiterung und die Verwertung ihrer selbst als Humankapital. In diesem Sinn steht lebenslanges Lernen für erheblich mehr als nur für den Versuch einer lebenslangen Adaption an die sich kontinuierlich verändernden Bedingungen des beruflichen Lebens. Selbstverständlich geht es dabei insbesondere um das Erwerben von Kompetenzen hinsichtlich neu entstehender beruflicher Anforderungen. Allerdings zielt gesellschaftlich organisiertes und durchgesetztes Lernen immer auf mehr als das bloße Erwerben beruflicher Fähigkeiten. Es ist immer auch ganz zentrales Mittel der Sozialisierung im Sinne gesellschaftlicher Prämissen. Das heißt, die heute von allen Seiten geforderte Bereitschaft zur Weiterbildung soll Menschen in doppelter Hinsicht "fit für den Wandel" machen: Sie soll sie befähigen, die sich verändernden Bedingungen ihres Daseins anzunehmen und mit diesen zugleich auch konstruktiv umzugehen.

STANDARD: Welche innere Einstellung braucht es, um sich dieser Aufgabe stellen zu können?

Ribolits: Die Bereitschaft, dem Lernen grundsätzlich positiv gegenüberzustehen und es als Chance zu begreifen, in einer sich verändernden Welt Halt zu finden. So wie die Menschen der Vormoderne überzeugt waren, durch Beten ihr Leben zum Besseren wenden zu können, und die Menschen der Moderne dem Arbeiten die diesbezügliche Lösungspotenz zugeschrieben haben, geht es derzeit immer mehr um das Erwerben der Einstellung, dass sich die aktuellen Herausforderungen durch Lernen bewältigen lassen, dass sich durch anhaltendes Lernen das Persönliche zum Besseren wenden lässt.

STANDARD: Das heißt, sollen Weiterbildungsmaßnahmen im beschriebenen Sinn tatsächlich wirkungsvoll sein, sollte dahinter ein "Ich will" und kein "Ich muss" stehen?

Ribolits: Die freiwillige Bereitschaft, sich lernend neuen Lebens- wie Arbeitsbedingungen anzupassen, ist die Voraussetzung für das Gelingen einer Orientierung auf das Neue hin. Das Ich muss mich den Anforderungen des wirtschaftlichen Systems und seiner Bedingungen unterwerfen, war die typische Haltung des Arbeitnehmers des Fordismus. Der zunehmend gefragte kreative Selbstunternehmer will sich voll einbringen und seine kreative Potenz durch Lernen weiterentwickeln. Wer Weiterbildung, also kontinuierliches Lernen, heute immer noch als Zwang begreift, bei dem ist die Botschaft des lebenslangen Lernens noch nicht angekommen: Menschen sollen nicht lernen müssen - so absurd die Formulierung auch klingen mag: Sie sollen lernen wollen.

STANDARD: Dennoch gibt es auch bei der Weiterbildung eine Pflicht und eine Kür. Wo ziehen Sie zwischen beidem die Grenze?

Ribolits: Die Grenze bildet eine sich aus der Natur der Sache ergebende Tatsache: Lernen lässt sich nie völlig an die Kandare nehmen. Was das Erwerben neuen Wissens und das Trainieren des Denkens beziehungsweise eines neuen Denkens bei einem Menschen auslöst, lässt sich letztendlich niemals wirklich abschätzen. Auch dem Lernen, zu dem die Menschen mit dem Hinweis motiviert werden, im Verweigerungsfall Gefahr zu laufen, den gesellschaftlichen Anschluss zu verlieren, wohnt eine emanzipatorische Kraft inne. Lernen kann auch zu der Erkenntnis führen, dass die Lösung nicht in der Anpassung der Menschen an die gesellschaftliche Realität besteht, sondern in der Anpassung der gesellschaftlichen Realität an die vitalen Bedürfnisse der Menschen. Einiges, unter anderem die sich ändernde berufliche Einstellung, deutet auf letzteren Prozess hin.

STANDARD: Weiterbildung ist auch Pflicht. Wie weit ist dafür der Rahmen heute gesteckt?

Ribolits: Noch stehen wir am Beginn des skizzierten gesellschaftlichen Umbruchs. Noch ist es möglich, sich dem gesellschaftlichen Trend zu einem gewissen Grad zu verweigern. Was ich damit sagen will: Die Informations- und Kommunikationstechnologie hat den Menschen noch lange nicht vollständig von jenen Arbeitstätigkeiten verdrängt, die bloß fachlich korrektes "Funktionieren" erforderlich machen. Dementsprechend gibt es noch große Teile der Arbeitswelt, wo der Ruf nach dem kreativen Selbstunternehmer erst sehr leise aufkeimt. Deshalb ist es heute durchaus auch noch möglich, auf den Appell zum "Lernenwollen" eine Weile nicht zu reagieren. Aber niemand sollte dem Trend gegenüber blind sein, dass diese Teile schrumpfen. Bloßes "Funktionieren" wird immer weniger gefragt werden. Wer Weiterbildung als reine Pflicht versteht und ausübt, agiert aus einer bedenklichen Blindheit heraus.

STANDARD: Unverkennbar: Weiterbildung als Kür ist für Sie das Tor zur beruflichen Zukunft?

Ribolits: Generell zur Zukunft! Nach meiner Kenntnis der Dinge und der sich abzeichnenden Entwicklung ist das der einzig empfehlenswerte Weg zur Selbsterhaltung. Und zwar nicht nur der beruflichen. Wie schon gesagt, letztendlich sperrt sich Lernen gegen seine Indienstnahme im Sinne einer Unterordnung des Menschen unter gesellschaftliche Prämissen. Solange Menschen sich die derzeit stark aufkeimende Sehnsucht nach einem selbstbestimmten Leben nicht selbst verbieten, kann Lernen ihnen die Chance eröffnen, über die Grenzen des Status quo hinauszudenken und Utopien des guten Lebens, das mehr an einem selbsterkannten Sinn und weniger an einem auferlegten Nutzen orientiert ist, zu entwickeln.

STANDARD: Sagen Sie dazu bitte noch etwas mehr!

Ribolits: Zum lebenslangen Lernen müssen sich die Menschen nicht selbst motivieren, dafür wird gesellschaftlich ausreichend gesorgt. Wozu sie sich motivieren müssen, ist bei all dem Lernen, zu dem sie angehalten werden, zu dem sie sich vielleicht oft auch durchringen müssen, nicht ihre Sehnsüchte und Fantasien im Bereich von Lust, Liebe und Lebendigkeit zu vergessen. Wichtig scheint mir wie gesagt, auf Basis dieser Sehnsüchte auch den ganz persönlichen Aspekt von Lernen nicht zu unterdrücken, sondern ihn ganz bewusst zuzulassen und als Quelle von Kraft und Lebensfreude zu pflegen.

STANDARD: Herr Professor Ribolits, Ihr Schlusswort bitte.

Ribolits: Erlauben Sie dem Weiterbildungsforscher am Ende noch ein nachdenkliches Wort: Es kommt darauf an, sich der Tatsache zu stellen, dass Lernen spezifisch für das Ziel entlohnter Arbeit nur so lange erfolgreich sein kann, solange die auf Lohnarbeit beruhende Gesellschaft halbwegs funktioniert. Dass aber, sobald dieses Funktionieren Risse bekommt, nicht das "Ende der Zeit" erreicht ist, sondern es bloß Zeit für ein anders ausgerichtetes wirtschaftliches oder wirtschaftlich-gesellschaftliches System ist. Der technologische Fortschritt einerseits und der wettbewerbsbedingte Zwang zur Rationalisierung andererseits vernichten zwangsläufig immer mehr Arbeitsplätze. Wer den Mechanismus hinter technologischem Fortschritt, Rationalisierung und Arbeitsplatzsituation begreift, muss sich diesem zwar weiterhin stellen, ist aber in der Lage, ein eventuelles Scheitern im Konkurrenzkampf anders als durch Selbstentwertung zu verarbeiten. (FH-STANDARD, Dezember 2013)

Erich Robolits leitete bis 2008 die Forschungseinheit Aus- und Weiterbildung an der Uni Wien. Im Löcker-Verlag, Wien, erschien von ihm zuletzt: "Abschied vom Bildungsbürger. Über die Antiquiertheit von Bildung im Zeitalter der dritten industriellen Revolution".

  • Bildungsforscher Erich Ribolits
    foto: heribert corn

    Bildungsforscher Erich Ribolits

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