Schwangere kommen durch jede Tür

16. Dezember 2013, 14:36
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Schwangere Frauen können genau einschätzen, wie viel Platz ihr wachsender Körperumfang benötigt

Heidelberg/New York - Trotz ihrer veränderten Körpermaße können Schwangere genauso gut wie andere Menschen einschätzen, ob ihr Körper durch Zwischenräume wie etwa eine Tür passt oder nicht. Diese Fähigkeit beruht auf der sogenannten perzeptuellmotorischen Anpassung. Sie hilft dem Menschen, die räumliche Wahrnehmung ihrer Umgebung an ihre veränderten Körpermaße und körperlichen Fähigkeiten anzupassen. Das sagen John Franchak und Karen Adolph von der New York University in den USA. Ihre Ergebnisse erscheinen online in der Springer-Fachzeitschrift Attention, Perception, & Psychophysics. Es ist die erste Studie, bei der diese besondere Fähigkeit der Anpassung mit Menschen und nicht im Experiment untersucht wurde.

Bei der Ausführung bestimmter Handlungen zeigt sich das Zusammenspiel zwischen Körper und Umgebung, allgemeinhin  als Affordanz bezeichnet. Verändert sich der Körper in Bezug auf die Umgebung, dann ändert sich auch die Affordanz. Der Mensch unterliegt diesem Prozess sein ganzes Leben. Mit zunehmendem Alter verändern sich die motorischen Fähigkeiten, der Körperumfang sowie die Morphologie. Schwangerschaft oder Krankheit beispielsweise führen zu Veränderungen des Körperumfangs und der Körperform, die sich jedoch nur für eine begrenzte Zeitspanne auf die Handlungen eines Menschen auswirken.

Hinter dem tatsächlichen Umfang

Die Wissenschaftler untersuchten die Vermutung, dass die Affordanz-Wahrnehmung während der Schwangerschaft beeinträchtigt sein könnte. Sie wollten herausfinden, ob Schwangere ihre Einschätzungen auf Basis ihrer ursprünglichen Körpermaße vor der Schwangerschaft treffen oder ob die Frauen bei der Einschätzung der aktuellen Körpermaße immer ein wenig hinter dem tatsächlichen Umfang ihres Körpers liegen.

Vom ersten Experiment, an dem elf Frauen während ihrer Schwangerschaft teilnahmen, konnten die Wissenschaftler ableiten, dass sich Schwangere vollständig an verändernde Umstände anpassen, wenn sie durch eine Tür hindurchschreiten. Die Fehlerrate war vergleichbar mit der nicht schwangerer Erwachsener. Mit zunehmendem Bauchumfang passten sie diesem auch ihre Einschätzungen an, was die Größe von Türöffnungen betraf und ihre Möglichkeiten, diese seitlich zu durchqueren.

Angepasstes Verhalten

Da sich der Körperumfang bei Schwangeren nur langsam verändert und deshalb der Vorteil besteht, sich auf den veränderten Körper einzustellen, wurde ein weiteres Experiment durchgeführt. Dabei trugen die Teilnehmer einen künstlichen Schwangerschaftsbauch, der etwa dem neunten Monat entsprach. Zunächst kam es bei den Teilnehmern zu deutlichen Fehleinschätzungen bei der Affordanz und zur Überkompensation des zusätzlichen Körperumfangs. Nachdem sich die Teilnehmer allerdings bewegen und üben durften, konnten sie die erforderlichen Änderungen vornehmen und passten ihr Verhalten an. Die Bewegung ermöglichte eine präzisere perzeptuellmotorische Anpassung.

"Schwangere können genau einschätzen, wie viel Platz sie für ihren zunehmenden Körperumfang benötigen", schreibt Franchak. Er betont, dass Veränderungen des Körpers in Bezug auf eine Aufgabe und eine Umgebung gesehen werden müssen und darauf, was möglich ist und was nicht.

"Die Erfahrung einer Gewichtszunahme oder eines Gewichtsverlustes ist vergleichbar mit einer Schwangerschaft. Wahrscheinlich ist auch hier Erfahrung erforderlich, um sich an die veränderten Körpermaße anzupassen. Der Mensch muss immer wieder lernen auszuloten, wie sein Körper sich an spezielle räumliche Erfordernisse anpassen kann", fügt Karen Adolph hinzu. (red, derStandard.at, 16.12.2013)

 

  • Mit zunehmendem Bauchumfang passen Frauen ihre Einschätzungen an, was die Größe einer Türöffnungen betrifft.
    foto: apa/patrick pleul

    Mit zunehmendem Bauchumfang passen Frauen ihre Einschätzungen an, was die Größe einer Türöffnungen betrifft.

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