Zermatt und das Geheimnis der Burger

17. Dezember 2013, 16:23
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Matterhorn und Zermatt haben vor 150 Jahren den Alpintourismus der Moderne eingeläutet. Das wirkt bis heute nach

Der Berg ist wirklich ein Geschenk der Natur. Den Gegenwert könnten die Marketingabteilungen von Toblerone oder Ricola gar nicht bezahlen, und auch nicht das groß gewordene Dorf, das in seinem Schatten liegt. Alle werben hier mit seiner unverwechselbaren, imposanten Silhouette, die Sportgeschäfte, die Bars, die Galerien. Man könnte glauben, der Ort lebt vom Matterhorn allein.

Wobei es ungerecht wäre, den Schweizer Winter- und Sommerferienort auf diese eine Spitze seiner alpinen Kulisse zu reduzieren. Es gibt oder, wie man hier sagt, es hat auch ein freundliches und noch dazu autofreies Tal, es hat Wanderwege, Wälder und Wiesen - "zer Matt" heißt schließlich "bei der Wiese".

Aber es waren die Viertausender, die das Dorf aus seiner bäuerlichen Inselexistenz geholt haben. Genauer, es war "der Beginn des Tourismus als Tragödie", wie es ein Einheimischer unverblümt formuliert hat: als nämlich der englische Bergsteiger Edward Whymper 1865 in einer Art Wettrennen mit einer Mannschaft, die von der italienischen Seite aufgebrochen war, den Gipfel des Horns als Erster erreichte, aber auf dem Abstieg vier Männer seines Teams wegen eines Seilrisses verlor.

Die Presse berichtete von dem Unglück und auch von dem Ort, aus dem die meisten Bergsteiger kamen. Bald - und obwohl oder weil in ihrer Heimat ein Bergsteigeverbot erwogen wurde - kamen die Engländer in Scharen. Die paar Gasthöfe und Pensionen machten ersten großen Hotels Platz. Die Bahn erschloss das Tal und machte schließlich die Autos überflüssig. Die Anreise in den Panoramawagons des Glacier-Express, von Chur oder Sankt Moritz, zählt übrigens selber zu den Highlights eines Urlaubs in der Südschweiz.

2015 wird ins Horn geblasen

Heute erklimmen jährlich Aberdutzende von Gruppen und Einzelgängern das Horn, dessen Erstbesteigung bald 150 Jahre zurückliegen und 2015 mit enormem Aufwand zelebriert werden wird.

Im Winter blüht dieser Ort an sprachlichen (Deutsch, Französisch, Italienisch) und nationalen (Schweiz, Italien) Grenzen aber meist erst richtig auf. "Erschlossen" ist dabei gar kein Ausdruck: Skifahrer haben fast 360 Kilometer Pisten vor sich, in Höhen bis über 3800 Meter, alle unkompliziert zugänglich. Die Gornergratbahn etwa sieht aus wie eine altmodische Tramway, befördert aber bis zu 2400 Personen pro Stunde neun Kilometer lang durch den Schnee, von 1600 auf über 3000 Meter Höhe.

Wer vor lauter Carven, Schussfahren und Matterhorn-Bewunderung müde geworden ist, findet mehrere, wiederum in Rekordhöhe gelegene Après- und Skihütten sowie Restaurants. Vier von ihnen haben Gault-Millau-Hauben aufgesetzt bekommen; das macht der Walliser Region nicht so schnell jemand nach.

Burger und Qualität

Billig, das weiß Pascal Gebert vom Zermatt Tourismus ebenso gut wie jeder Besucher der Schweiz, "billig ist das nicht. Womit wir eben punkten können, ist die Qualität." Die Burger, erzählt er weiter, "schauen darauf, dass in Zermatt ein gewisses Niveau gehalten wird." Tatsächlich Burger, nicht Bürger, aber etwas Ähnliches war gemeint: Das sind die alteingesessenen Familien, die offen oder hinter den Kulissen den Ort lenken. Sie haben zum Beispiel verhindert, dass eine Hotelkette hier einen neuen Bau hinstellt, und diese Möglichkeit lieber einem einheimischen Familienbetrieb zugeschanzt.

So oder so, gebaut worden ist genug; 120 Hotels, 6000 Betten, 111 Restaurants, 50 Bars, um genau zu sein. Wie dies trotzdem nicht in endlosen Trubel ausartet, sondern überschaubar bleibt, ist vielleicht eines der Geheimnisse der Burger. Mitten im Ort liegt zudem eine Oase erstaunlicher Ruhe: die letzten Häuser des alten Zermatt, aus von der Zeit geschwärztem Holz, mit winzigen Fenstern, bewohnt und kulturgeschützt, ein Museum seiner selbst.

Ein Museum gibt es außerdem noch. Es bietet statt Folklorekitsch eine klug kuratierte Lokalgeschichte. Natürlich dreht sich vieles um die Schönheit des Matterhorns. Aber es sind auch genagelte Schuhe und Eispickel ausgestellt: letzte Spuren von Zermattern und Zugereisten, die den Berg nicht geschafft haben. (Michael Freund, DER STANDARD, Album, 14.12.2013)

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Die Reise wurde von Schweiz Tourismus Österreich, von Zermatt Tourismus und von der Rhätischen Bahn unterstützt.

  • Vom Gornergrat, auf den eine elektrisch betriebene Zahnradbahn führt, ist der ikonische Berg besonders gut zu sehen.
Link
www.zermatt.ch
    foto: swiss-image.ch / stephan engler

    Vom Gornergrat, auf den eine elektrisch betriebene Zahnradbahn führt, ist der ikonische Berg besonders gut zu sehen.

    Link

    www.zermatt.ch

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