Tolino Tab 7 und 8.9: Kindle-Fire- Herausforderer im Test

5. Jänner 2014, 11:50
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Mittelklasse-Hardware und (fast) pures Android, aber fehlenden Unique Selling Points

Nachdem eine Reihe deutschsprachiger Verlagshäuser – darunter Thalia, Weltbild und Hugendubel – mit dem Tolino Shine einen potenten und offenen E-Reader gegen Amazons Kindle ins Rennen geworfen haben, folgen diese Wintersaison zwei Tablets unter der gleichen Marke. Das Tolino Tab 7 und das Tolino Tab 8.9 sind, wie ebenfalls unschwer zu erkennen ist, ein Versuch, dem Online-Handelsgiganten aus den USA zu trotzden. Der WebStandard hat beide Geräte getestet.

Wie die Namen der Geräte bereits verraten, liefern die Tabs Bildschirmdiagonalen von sieben bzw. 8,9 Zoll. Hergestellt werden die Geräte vom deutschen Elektronikproduzenten Trekstor. Während Amazons Kindle Fire-Tablets mit einem stark modifizierten Android-Fork (Fire OS) ausgeliefert werden, findet sich hier jeweils Android 4.2.2, das bis auf vorinstallierte Apps unberührt ist.

Ausstattung

Hardwareseitig baut man auf den chinesischen RK3188-SoC von Rockchip, dessen Quadcore-CPU mit 1,6 GHz taktet. Das Tolino Tab 7 verfügt über einen GB Arbeitsspeicher, das größere Tablet bringt zwei GB mit. Der interne Speicher beträgt jeweils 16 GB und ist per microSD erweiterbar.

Konnektivitätsseitig findet man auf den Geräten Bluetooth und ein Wifi-Modul (802.11n). Interessanterweise ist auch GPS-Satellitenpositionierung möglich, während gleichzeitig ein SIM-Slot für mobilen Datenfunk fehlt. Das Tolino Tab 8.9 kann sich laut Herstellerangaben kostenlos mit 12.000 T-Mobile-Hotspots weltweit verbinden. Beide Geräte verfügen über Stereolautsprecher sowie einen microHDMI-Ausgang.

Das Tab 7 bringt eine 2-MP-Frontkamera mit, das Tab 8.9 überdies eine Hauptkamera mit fünf Megapixel. Der Akku des kleineren Pads ist mit 3.900 mAh, jener der größeren Ausführung mit 6.500 mAh bemessen. 121,4 x 196 x 10 Millimeter betragen die Maße des Siebenzöllers bei einem Gewicht von 335 Gramm. Der Beinahe-Neunzöller kommt auf 152 x 241 x 10 Millimeter und 535 Gramm.

Displays

Unterschiede gibt es bei der Displayauflösung. Mit 1.440 x 900 Pixel (ca. 243 PPI) liegt jene des Tab 7 etwas höher als der noch aktuelle Durchschnitt von 1.280 x 800 Pixel und damit auch etwas höher als beim letztjährigen Kindle Fire. Die aktuelle Generation des Amazon-Tablets allerdings liefert 1.920 x 1.200 Bildpunkte, was auf eine diagonale von sieben Zoll sehr gute 323 PPI ergibt.

Das Tolino Tab 8.9 wiederum bietet 1.920 x 1.200 Pixel und liegt damit exakt am Niveau des letztjährigne großen Kindle Fire (ca. 248 PPI). Der aktuellen Ausgabe, dem Kindle Fire 8.9 HDX, ist es allerdings unterlegen, da dieses mit 2.560 x 1.600 Bildpunkten aufwarten kann.

In der Praxis liefern sowohl die große als auch die kleine Ausführung der Tolinos gute Farben und Kontraste, einzig die Farbintensität könnte eine Spur höher sein. Das Tab 7 liefert überdurchschnittliche Helligkeit, der Bildschirm des Tab 8.9 wird aber einen merkbaren Tick heller und ist auch in puncto Kontrasten etwas überlegen. Medienkonsum ist in Innenräumen aber bei beiden Modellen kein Problem, außerhalb gestaltet sich dies auch bei maximal eingestellter Helligkeit unter Sonnenschein schon wesentlich schwieriger.

Gute Verarbeitung mit kleinem Makel

Verarbeitungstechnisch setzt man auf Kunststoff. Die matte Rückseite vermittelt zwar nicht unbedingt Premium-Flair, ist dafür aber nicht anfällig für Fingerabdrücke. Eine wabenartige Oberflächenstruktur verleiht guten Halt. Neben den verschiedenen Ein- und Ausgängen sind die Tasten der Geräte (An/Aus bzw. Lautstärke) die einzige metallische Komponente.

Die Verarbeitung ist solide, lediglich das Spaltmaß auf der linken Seite beider Geräte (ausgehend davon, dass die Frontkamera oben platziert ist) weist Unregelmäßigkeiten auf.

Mittelklasse-Performance

Die Hardware der Tabs lässt sich insgesamt ins Mittelklasse-Segment einordnen. Im Antutu-Benchmark zur Erhebung der Allround-Leistung platzieren sich beide Geräte mit rund 19.200 Punkte auf dem Niveau von Samsungs Galaxy S3-Smartphone. Der Browser-Benachmark Vellamo bescheinigt ihnen mit etwa 1.500 Zählern eine ähnliche HTML5-Performance wie sie die diesjährige Ausgabe des Nexus 7 mitbringt.

Beim Epic Citadel 3D-Grafiktest zeigen sich kleine Unterschiede, die wohl darauf zurückzuführen sind, dass die Grafikeinheit beim Tab 8.9 (Schnitt von 29 Bildern pro Sekunde) aufgrund der höheren Auflösung mehr zu tun bekommt, als beim Tab 7 (33 Bilder pro Sekunde). Beide lieferten eine flüssige Darstellung mit fallweisen Einbrüchen in manchen Szenen.

Formfaktorfrage

Ist man nicht gerade darauf erpicht, die allerneusten Grafikkracher auf den beiden Pads zu spielen, reicht die Performance allerdings für alle Tätigkeiten aus. Full-HD-Filme laufen ebenso flüssig wie Casual Games, Browsen und diverse Produktiv-Apps. Gelegentliche, kleine Ruckler (betreffend vor allem die 8.9-Variante) trüben die Nutzungserfahrung nur wenig.

Insgesamt kann die Entscheidung zwischen den beiden Geräten bedenkenlos auf Basis des Formfaktors getroffen werden. Einzig und allein beim Öffnen vieler Apps profitiert das Tab 8.9 von der Verdoppelung des Arbeitsspeichers, praxisrelevant ist dieser Unterschied allerdings nur selten.

Pures Android mit Tolino-App

Softwareseitig wird für die Tolino-Tablets Offenheit versprochen. Wie bereits erwähnt, ist das Android-System unberührt, lediglich eine Reihe von Apps sind jedoch vorinstalliert. Eine davon ist die "Tolino"-App, in welche der Nutzer nach dem ersten Start automatisch geworfen wird.

Diese bietet Zugang zu lokalen Büchern, Musik und Videos nebst einfacher Verwaltungsfunktionen. Über die App lässt sich direkt auf die E-Book-Stores des jeweiligen Verlages (in Österreich sind dies Thalia und Weltbild) zugreifen, ein paar Bücher werden bereits kostenlos mitgeliefert.

Einfaches Interface, wenige Funktionen

Die E-Book-Reader-Funktion ist einfach gehalten und bietet jene Funktionalitäten, die man bereits vom Tolino Shine kennt, jedoch in einem etwas anders sortierten Interface. So lassen sich etwa Lesezeichen setzen und Textstellen markieren und später abrufen. Daneben kann die Schriftgröße geändert werden (nicht aber die Schriftart) und die Textansicht auf Schwarz-Weiß, Weiß-Schwarz oder Sepia konfiguriert werden. Adobes DRM für E-Books wird unterstützt.

Musik über 7digital

Neben der am Tablet-Speicher vorhandenen Musiksammlung bietet die Tolino-App auch hier einen integrierten Shop, nämlich jeden von 7digital. Musik kann in Sammlungen eingeteilt werden, die mehr dazu stehen einfache Filterfunktionen zum Auffinden von Stücken und Interpreten zur Verfügung.

Es kann allerdings passieren, dass einzelne Alben zu zwei gleichnamigen Einträgen gesplittet werden, die jeweils unterschiedliche Lieder enthalten. Einzelne Songs sind nicht in Sammlungen aufteilbar, eine Playlist-Funktion fehlt leider komplett. Ganze Alben können normal, in Dauerwiederholung oder Zufallsreihe wiedergegeben werden. Der Player selbst fällt unter die Kategorie "spartanisch", tut aber, was er soll.

Während des Tests fiel ein nerviger Fehler auf: Schickt der "Hangouts"-Messenger neue Notifications ans System, während man mit Kopfhörern hört, wird das aktuelle Lied neu gestartet. Mit anderen Apps wurde das Phänomen nicht getestet. Bei Lautsprecherwiedergabe tritt es allerdings nicht auf.

YouTube-Integration

Ähnlich rudimentär wie das Musikmanagement gestaltet sind auch die Verwaltungsfunktionen für Filme und Videos. Neben lokalem Content besteht hier allerdings keine Shopanbindung. Stattdessen wird YouTube in die App eingebunden, dort verfügbare Clips können ebenfalls markiert und in die eigene Gesamtsammlung aufgenommen werden. Der Videoplayer selber ist, analog zum Musikplayer, ebenfalls auf die absoluten Grundfunktionen beschränkt.

Verlässt man die Tolino-App landet man auf einem normalen Android-Homescreen, auf welchem (entfernbare) Widgets informieren, welche Bücher, Songs und Videos man zuletzt angesehen hat. Die Wiedergabe lässt sich über diese direkt wieder aufnehmen.

Offen

Im Gegensatz zu den Kindle-Tablets gewähren die Tolino-Devices von vornherein Zugriff auf Googles Play Store. Wer mit einem Kindle Fire aufgrund hoher Affinität zu Amazon liebäugelt, kann auch mit dem Tab 7 und 8.9 über die Kindle-App auf dortige Inhalte zugreifen – zumindest auf die eigenen E-Books.

Generell ist Googles Play Store aufgrund des größeren Angebots über Amazons App-Store zu stellen, aber auch dieser ließe sich via Sideloading nachträglich installieren.

Das ist durchaus eine anerkennenswerte. Während Amazon versucht, Nutzer mit seiner Fire OS-Plattform stärker an sich zu binden, in dem andere Ökosysteme ausgesperrt werden, lässt die Tolino-Allianz den Käufern der beiden Tablets die Wahl. Die installierte Tolino-App kann, muss aber nicht verwendet werden. Bücher und andere Inhalte können auch wo anders bezogen werden.

Während hier also von Anfang an kein "goldener Käfig" vorhanden ist, müssen Nutzer von Kindle Fire-Tablets eine Custom ROM aufspielen, um mit "echtem" Android arbeiten zu können. Ein Aufwand, der Durchschnittsusern üblicherweise nicht zumutbar ist.

Mäßige Kameras

Last but not least soll freilich auch noch ein kleiner Blick auf Kamera- und Soundperformance geworfen werden. Unter guten Lichtverhältnissen ermöglicht die Frontkamera Videotelefonie mit brauchbarer Qualität, die Hauptkamera des Tab 8.9 kommt nicht über mäßiges Schnappschussniveau hinaus. Unter Kunstlicht liefern beide Kameras nur noch sehr verrauschte Bilder.

Guter Sound

Während die Kameras eher Alibi-Zugaben darstellen, profitieren die Geräte dafür stark von den Stereo-Lautsprechern. Für Tablets liefern diese ordentlichen Sound, wenngleich die Qualität bei stärker erhöhter Lautstärke abnimmt und leichtes Scheppern auftritt.

Generell wäre es begrüßenswert, wenn sich brauchbare Stereolautsprecher auch bei günstigeren Tablets künftig als Standard etablieren. Geht es etwa darum, spontan das Wohnzimmer mit etwas Musik zu beschallen oder mehreren Leuten ein YouTube-Video vorzuführen, lohnt sich ein derartiges Upgrade wirklich.

Die Ausgabe über den Klinkenstecker lässt etwas an Klarheit vermissten und ist von leichtem Rauschen untermalt, das bei lauterer Wiedergabe nicht auffällt. Die Qualität hängt darüber hinaus hauptsächlich von den jeweiligen Kopfhörern ab.

Akku

Für beide Tablets werden bis zu 12 Stunden Akkulaufzeit versprochen. Dieser Wert ist bei leichter Nutzung (regelmäßiges Musikhören, gelegentliches Surfen) beim Tab 8.9 erreichbar, beim Tab 7 ist eher schon nach zehn Stunden Schluss. Bei normalem Gebrauch liegt die Akkulaufzeit bei beiden Geräten je nach Intensität bei sechs bis neun Stunden.

Fazit

Mit den Tolino Tabs sind zwei interessante Geräte im Handel gelandet, die über taugliche Hardware mitsamt guten Displays verfügen. Mit Anbindung an die eigenen Stores als auch Zugang zu einem praktisch unveränderten Android-System beweisen Hugendubel, Thalia und Weltbild Mut zur Offenheit.

Mit einem Preispunkt von 179 Euro liegt das Tab 7 allerdings nur knapp unter dem Kindle Fire 7 HDX 7 (229 Euro), der technisch deutlich überlegen, aber strikt an Amazons Ökosystem gekoppelt ist. Das Tab 8.9 wiederum ist mit 249 Euro deutlich günstiger als der Kindle Fire HDX 8.9 (379 Euro in der Wifi-Fassung mit 16 GB Speicher), muss sich aber hardwareseitig eher mit dem Vorgänger Kindle Fire HD um 229 Euro messen.

Während die Alternativen unter den Achtzöllern noch eher dünn gesäht sind und das Tolino Tab 8.9 hier eine überlegenswerte Alternative darstellt, sticht das Tab 7 trotz überdurchschnittlicher Auflösung und niedrigem Preispunkt erheblich weniger hervor. Denn dieses Segment ist bereits dicht besetzt. Neben den kleinen Kindle Fire-Modellen findet man dort auch Googles erste Generation des Nexus 7, das in der Wifi-Fassung mit 32 GB Speicher im gleichen Preisbereich angesiedelt ist, aber ohne HDMI-Ausgang und microSD-Slot auskommen muss. (Georg Pichler, derStandard.at, 05.01.2014)

  • Die Tolino Tabs 7 und 8.9 im Test.
    foto: derstandard.at/pichler

    Die Tolino Tabs 7 und 8.9 im Test.

  • Größenvergleich.
    foto: derstandard.at/pichler

    Größenvergleich.

  • Die Rückseite ist aus mattem Kunststoff, die durch Wabenmusterung guten Halt bietet.
    foto: derstandard.at/pichler

    Die Rückseite ist aus mattem Kunststoff, die durch Wabenmusterung guten Halt bietet.

  • Neben dem obligatorischen microUSB-Anschluss bieten beide Tablets auch einen microSD-Steckplatz sowie einen microHDMI-Ausgang.
    foto: derstandard.at/pichler

    Neben dem obligatorischen microUSB-Anschluss bieten beide Tablets auch einen microSD-Steckplatz sowie einen microHDMI-Ausgang.

  • Das Display des Tolino tab 8.9 liefert etwas bessere Kontraste und Helligkeit als jener des tab 7.
    foto: derstandard.at/pichler

    Das Display des Tolino tab 8.9 liefert etwas bessere Kontraste und Helligkeit als jener des tab 7.

  • Die Oberfläche der Tolino-App erinnert an den Startscreen der Kindle Fire-Tablets.
    foto: derstandard.at/pichler

    Die Oberfläche der Tolino-App erinnert an den Startscreen der Kindle Fire-Tablets.

  • Das Interface der E-Reader-Funktion ist einfach gehalten, bietet aber weniger Funktionen als der Tolino Shine.
    foto: derstandard.at/pichler

    Das Interface der E-Reader-Funktion ist einfach gehalten, bietet aber weniger Funktionen als der Tolino Shine.

  • Das Android-System selbst ist unverändert, voreingestellt sind Tolino-Widgets.
    foto: derstandard.at/pichler

    Das Android-System selbst ist unverändert, voreingestellt sind Tolino-Widgets.

  • Die Hauptkamera des Tab 8.9 liefert kaum mehr als Schnappschussqualität.
    foto: derstandard.at/pichler

    Die Hauptkamera des Tab 8.9 liefert kaum mehr als Schnappschussqualität.

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