Putin'sche Dörfer: Gleichschaltung der Nachrichtenagentur Ria Novosti

Blog15. Dezember 2013, 17:13
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"Ria Novosti" ist also abgewürgt und zu Grabe getragen. Schade. Die in mehreren Sprachen geführte Agentur war eine wichtige, klug differenzierende, amtliche Nachrichtenquelle

"Ach Wladimir, ach Wowa, ach Lapotschka, war das wirklich notwendig?" mögen sich manche in Russland gefragt haben, nachdem vergangene  Woche über Nacht die neue staatliche Nachrichtenagentur "Russland heute" aus dem Boden gestampft wurde. Per Präsidentendekret schluckte diese die bisher liberal geführte Nachrichtenagentur Ria Nowosti  samt den Sender "Stimme Russlands". Statt Swetlana Mironjuk ist nun Hardliner Dmitri Kisseljow Chefredakteur.

Kisseljow ist in Russland einer der bekanntesten und zugleich umstrittensten Journalisten. Er sieht seine Aufgabe darin, „in der Welt wieder ein gerechtes Bild von Russland aufzubauen." Bleibt die Frage, was war in der internationalen Berichterstattung bisher ungerecht und wie soll gerade solch ein Hardliner das bisher entstandene Bild verrücken können?

"Ria Novosti" ist also abgewürgt und zu Grabe getragen. Schade. Die in mehreren Sprachen geführte Agentur war eine wichtige, klug differenzierende, amtliche Nachrichtenquelle. Absehbar ist, was von "Russland heute" zu erwarten ist:  Mediale Gleichschaltung im Sinne des Herrn Ministerpräsidenten und Schönfärberei. Spötter sprechen bereits  von  Putin'schen medialen Dörfern. Dies in Anlehnung an die Potemkischen Anno 1787.  Seitdem sind zwar 326 Jahre vergangen, aber die Rezeptur passt offenbar noch immer.

Was damals ausgetüftelt wurde, war eine perfekt gestylte Vordergrund-Inszenierung. Ein Schelmenstück, durchgezogen von Grigori Potjomkin, seines Zeichens Feldmarschall,  Reichsfürst und Zwischenzeit-Geliebter der die Macht in vollen Zügen genießenden Zarin Katharina II.

Anlässlich Katharinas Reise in damals jüngst eroberte, "neurussische" Gebiete - aus heutiger Sicht pikanter Weise auch die Ukraine – hatte er entlang der Reiseroute Kulissendörfer errichten lassen, um das tatsächliche, das erschütternde Elend der Bevölkerung unsichtbar zu machen. Immerhin ging er dank dieser, seiner Potemkinschen Dörfer in die Geschichte ein.

Sicher, all die pro-EU-Demonstrationen in der Ukraine sind für Moskau unangenehm. Die Ukraine brennt, ein Großteil der Bevölkerung ist noch immer auf den Barrikaden, seit die Regierung im allerletzten Moment die EU-Verhandlungen brüsk abgebrochen hatte. Ein wohl nicht ganz freiwilliger Affront, um Moskautreu bleiben zu können. Russlands Mainstream-Medien spielen die Proteste als westliche Feind-/ Fehlinterpretation herunter. „Russland heute" macht da nun sicher auch mit.

Grund Nummero 2 für Putins jüngsten Coup d'Etat im Medienbereich:

Die Eröffnung der  22. olympischen Winter-Spiele im an der "russischen Riviera" gelegenen Sotschi steht vor der Tür. Im Februar 2014 soll das  nationale Prestigeobjekt reibungslos über die Bühne gehen. Erwünscht sind ausschließlich Jubelberichte. Es ist schon ärgerlich genug, dass während der Vorbereitungen an die Öffentlichkeit gelangte, dass da in Sotschi  mancherlei aus dem Ruder gelaufen war. Von Umweltproblemen war die Rede und von so genannten Umschichtungsprojekten. Erst dieser Tage wurden wieder Sotschi-Kritiker vorübergehend in Gewahrsam genommen. Nur keine Wellen.

"Russland heute" wird solche sicherlich nicht schlagen. Das bisherige Ria Novosti Team bleibt bis zum Ende der Olympischen Winterspiele noch unter Kontrakt. Dann wird man, wie es so schön heißt, weitersehen. "Don't kiss me Dimitri" wird zum geflügelten Wort. Niemand will von Kisseljow den Todeskuss erhalten. Für den Publizisten Iwan Sassurski  ist die Situation eindeutig: "Ria Nowosti kehrt mit Kisseljow zu den ehemaligen Wurzeln als Sowjet-Informationsbüro zurück."

Übrigens: Lapotschka war jener intimer Spitzname Wladimir Putins, den seine von ihm inzwischen geschiedene Ehefrau Ludmilla liebevoll verwendet haben soll. Lapotschka, "mein Tätzchen," ist ein in Russland gängiger Kosename für Haustiere jedweder Art: für Katzen, Hamster, aber auch Schlangen. Nomen est Omen. Manche hochrangige westliche Politikerinnen und Politiker haben bereits ihren Sotschi-Besuch abgesagt. Offenbar soll kollegiales Händeschütteln mit  dem Tätzchen vermieden werden.  Allfällige Demonstranten dürfen übrigens in Sotschi laut IOC-Chef Thomas Bach in Demo-Ghettos,  in so genannten Protestzonen, vor sich hin demonstrieren. O-Ton Bach: "jeder kann seine freie Meinung äußern". (Rubina Möhring, derStandard.at, 15.12.2013)

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  • Per Präsidentendekret schluckte "Russland heute" die bisher liberal geführte Nachrichtenagentur Ria Nowosti  samt den Sender "Stimme Russlands". 
    foto: ap photo/alexander zemlianichenko

    Per Präsidentendekret schluckte "Russland heute" die bisher liberal geführte Nachrichtenagentur Ria Nowosti  samt den Sender "Stimme Russlands". 

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