Reportage aus Kinderdorf: "Kinder früher weg vom Krisenherd"

Reportage15. Dezember 2013, 17:07
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Kindsein ist manchmal kein Kinderspiel. Wenn Eltern Probleme haben, ihr Leben in den Griff zu bekommen, sind meist die Sprösslinge die Leidtragenden. Im SOS Kinderdorf Altmünster heilen "blaue Flecken" an der Seele - bevor sie zum lebenslangen Problem werden

Altmünster - "Ab in den Urlaub" steht am 28. Dezember auf dem bunten Kinderkalender in der Küche. "Tunesien. Dort ist es sogar im Winter warm", nennt Felix (Name geändert, Anm.) den eigentlichen Grund des nachweihnachtlichen Abflugs aus Österreich. Mehr Details gibt der Achtjährige aber nicht preis - die Worte müssen im Mund dem gerade fertig gewordenen Zucchinikuchen Platz machen. Der Kuchenduft zieht auch Felix' Geschwister an, fünf weitere Naschkatzen fallen über das Backblech her. Mit erstaunlicher Gelassenheit beobachtet Simone Winkler die "Schlacht" am Kuchenbuffet. Aber als Mutter von sechs Kindern ist man eben so einiges gewohnt.

Und dabei ist die 33-Jährige erst vor sieben Jahren Mama geworden - von allen sechs Kindern. Simone Winkler ist Kinderdorfmutter im SOS Kinderdorf Altmünster. Die gelernte Malerin hat irgendwann einmal beschlossen, den Pinsel wegzulegen und "was mit Kindern zu machen". Geworden ist es aber letztlich nicht nur ein neuer Job, sondern gleich eine Lebensumstellung. Winkler hat ihr altes Leben aufgegeben und ist ins Dorf am Gmundnerberg gezogen.

Bunte Wände

Heute lebt sie mit ihren Kindern - vier davon sind Geschwister - auf rund 150 Quadratmetern. Die Wände in dem zweistöckigen Haus sind bunt bemalt ("Gelernt ist gelernt"), die Kinderzimmer dank einer Großspende neu eingerichtet. Als Rückzugsort bleibt dem Familienoberhaupt ein kleiner Raum. Und selbst der wird im Fall der Fälle mit einer Familienhelferin geteilt. Winkler ist eine Fünf-Tage-Mutter. Fünf Tage bei der Familie, dann zwei freie Tage: "Aber meist verbringen wir auch meine freie Zeit miteinander."

Tod und Krankheit

Innerhalb der Familie macht man gerade eine schwere Zeit durch. Bei Nesthäkchen Laura wurde ein Tumor in Kopf entdeckt. Zwei Operationen hat die Fünfjährige bereits hinter sich.

Nicht der einzige Schicksalsschlag in diesem Jahr. Erst im Sommer haben Laura und ihre drei Geschwister ihre leibliche Mutter verloren. Susanne Winkler hat auch sie begleitet: "Am Sterbebett hat sie gesagt, 'Ich gebe dir meine Kinder.' Da habe ich gewusst, dass es mehr als ein Job ist." Winkler möchte trotz Kinderschar auch noch eigene Kinder: "Es ist Platz im Haus." Und Spielgefährten gibt es genug: Derzeit finden im Kinderdorf Altmünster in elf Familien 50 Kinder ein Zuhause.

Häuptling im Dorf

Auch Dorfleiter Gerhard Pohl wohnt mit seiner (eigenen) Familie am Arbeitsplatz: "Wir fangen Kinder in schwierigen Situationen - Missbrauch, Verwahrlosung, Gewalt - auf und geben ihnen eine Lebensperspektive."

Kritik übt der Experte übrigens an der gängigen Praxis, die Kinder möglichst lange in ihren Herkunftsfamilien zu betreuen: "Ein Fehler. Kinder müssen früher weg vom Krisenherd. Nur so kann ein Neustart gelingen." (Markus Rohrhofer, DER STANDARD, 16.12.2013)

  • Simone Winkler im Kreise ihrer "Wahlfamilie". Die 33-jährige Kinderdorfmutter gibt sechs Kindern ein Gemeinschaftsgefühl zurück. Zu Silvester entspannt die Großfamilie aus Altmünster übrigens im fernen Tunesien.
    foto: wjd

    Simone Winkler im Kreise ihrer "Wahlfamilie". Die 33-jährige Kinderdorfmutter gibt sechs Kindern ein Gemeinschaftsgefühl zurück. Zu Silvester entspannt die Großfamilie aus Altmünster übrigens im fernen Tunesien.

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