Malta: Viele Autos und Angst vor den Flüchtlingsströmen

Blog15. Dezember 2013, 14:18
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Malta ist hochgradig katholisch. In der Diskussion um Zuwanderung wird aber das Christentum in erster Linie dazu verwendet, um zu verdeutlichen, dass die anderen anders sind

Malta: 28 Kilometer lang, 13 Kilometer breit. Wien ist deutlich größer. Nach einer Woche auf diesem Felsen im Meer beginnen wir die Enge zu spüren. Die Sehnsucht nach einem ruhigen Platz wächst. Mit dem besseren Wetter hat sich auch der Wind gelegt, der unglaublich dichte Strassenverkehr rückt dadurch noch näher, Abgase und Staub steigen in die Nase. Wir verlassen Valletta, aber den Häuserfluchten entkommen wir nicht. Einzig die befestigte Anlage der Stadt Mdina bietet für eine Weile Schutz vor dem Verkehr. Von dort überblickt man die Insel, die kaum unverbautes Land zeigt. 

Viele Gespräche

Hier scheint alles zu kondensieren. Die Gespräche der letzten Tage beschäftigen mich. Wir haben viel über den nun seit über 10 Jahren anhaltenden Flüchtlingsstrom gehört, haben mit dem Leiter des UNHCR in Malta gesprochen, mit der Ministerin für Soziales und anderen, Vertretern sowohl von NGOs wie auch von Regierungseinrichtungen. Und zuletzt habe ich mit einigen jungen Leuten gesprochen.

Auf engstem Raum drängen sich Vorurteile, subjektive Wahrnehmung und Fakten - und widersprechen einander vehement. Malta ist ein wohlhabendes Land, das sieht und spürt man überall. Die Arbeitslosigkeit liegt bei rund 6,5 Prozent, paradiesisch niedrig verglichen mit anderen südeuropäischen Ländern. Die insgesamt rund vierhunderttausend Maltesen betreiben dreihunderttausend PKWs, sie sind "autoverrückt", wie uns bestätigt wird. Dabei gibt es hier nicht mal eine Schnellstrasse, wozu auch und wohin sollte sie führen? 

Angst vor den Flüchtlingen

Die jungen Maltesen, mit denen ich spreche, haben Angst. Angst, keinen Job zu bekommen, Angst abends allein nach Hause zu gehen, Angst, dass ihnen ihre Kultur genommen wird. Sie haben Angst vor den Flüchtlingen. Die dreiundzwanzigjährige Laura meint zu wissen, dass es mittlerweile fünfundreißigtausend sind.

Maria Pisani von der Uni Malta hingegen stellt klar, dass in den letzten 13 Jahren etwas über achtzehntausend Flüchtlinge hierher gekommen sind, wovon rund sechstausend in Malta geblieben sind. Viele wurden von den USA, Kanada und Australien aufgenommen, viel mehr jedenfalls als von Europa. So mitteleuropäisch alles wirkt, von den Hotels über die Speisekarten bis zur Kleidung, so ist Europa doch viel weiter entfernt, als ich es für möglich hielt.

Glenn ist 22 und arbeitet in einer Fabrik, die Autoteile herstellt. Europa soll uns mehr Geld geben und die Flüchtlinge nehmen. Wir haben keinen Platz hier. Seine Sätze sind unreflektierte Worthülsen und er erzählt von Videos, die er im Internet gesehen hat, auf denen Moslems Christen töten. Hier in Malta?, frage ich, nein, sagt er, anderswo. Seine Freunde bekämen keine Jobs, weil die Flüchtlinge billigere Arbeitskräfte seien und der neunzehnjährige Designstudent Dasser stimmt ein. Ich frage, ob die Flüchtlinge denn so hoch qualifiziert wären. Noch nicht, meint er, aber es kämen ja auch andere, Russen beispielsweise, oder Rumänen.

Hilfskräfte

Mir raucht der Schädel. Malta hat ein hervorragendes Bildungssystem, jeder Hochschulstudent bekommt monatlich Geld dafür, dass er studiert. Während wir durch die Straßen von Valletta, Paceville oder The Three Cities gehen, sehen wir kaum Menschen mit dunkler Hautfarbe und wenn, dann arbeiten sie als Hilfskräfte in den hinteren Bereichen der Lokale.

Unten bei den Docks gibt es eines der "offenen" Lager. In diese Lager kommen die Flüchtlinge, nachdem ihre Identität festgestellt wurde, spätestens jedoch nach 18 Monaten. Nach ihrer Rettung aus dem Meer kommen sie aber zuerst in ein Internierungslager.

Leerstehende Wohnungen

Andre Callus, Anthropologe und Aktivist, erzählt uns, dass über siebzigtausend Appartments in Malta leer stünden - Spekulationsobjekte - also könne es mit dem Platzmangel nicht so schlimm sein. Und er fragt, warum man Menschen internieren müsse, um ihre Identität festzustellen? Rassismus und Xenophobie seien nichts, was uns in die Wiege gelegt wird, meint er, sie seien nicht "natürlich", sondern das Resultat von Angst. Künstlich geschürter Angst.

Selten ist mir so deutlich aufgefallen, wie wenig die Möglichkeiten der Europäischen Union, eines Europäischen Denkens oder gemeinsamer, europäischer Werte kommuniziert werden. Wie, frage ich mich, kann man den leisen Stimmen einer Maria Pisani Gehör verschaffen, die daran erinnern, dass es um Menschen geht, die unglaubiche Risiken auf sich nehmen, um aus ihrer Heimat zu fliehen, die als "Illegale" bezeichnet werden und denen andauernd ihre Würde genommen wird?

Christen versus Muslime

Malta ist hochgradig katholisch. In dieser Diskussion wird aber das Christentum in erster Linie dazu verwendet, um zu verdeutlichen, dass die anderen anders sind, also Muslime, und hier nicht hergehören.

Senkrecht stürzen die Klippen der Südküste, der letzen Kante Europas, in die Tiefe. Kaum ein Boot hat es jemals aus eigener Kraft bis hierher geschafft. Und selbst wenn, was dann? 

Dabei gehört Malta ja eigentlich zu Afrika, geologisch zumindest. Und es hat mit Sicherheit zu viele Autos. (Fabian Eder, derStandard.at, 15.12.2013)

  • Mario Schembri leitet die Internierungslager, in die jeder Flüchtling kommt, bis seine Identität festgestellt wird.
    foto: eder

    Mario Schembri leitet die Internierungslager, in die jeder Flüchtling kommt, bis seine Identität festgestellt wird.

  • Strasse in den Docks.
    foto: eder

    Strasse in den Docks.

  • Valletta: Autos, Autos, Autos.
    foto: eder

    Valletta: Autos, Autos, Autos.

  • Glanz einer Europäischen Metropole bei Nacht.
    foto: eder

    Glanz einer Europäischen Metropole bei Nacht.

  • Marie Louise Coleiro-Preca, Ministerin für Soziales:"Ganz Malta ist gerade einmal so groß wie der Stadtteil einer Europäischen Metropole - unsere Ressourcen sind äußerst begrenzt. Wir brauchen einfach die Solidarität aller anderen Europäischen Länder. Das ist nicht notwendigerweise ein finanzielles Problem, dieses Bewusstsein muss sich auf allen Ebenen durchsetzen."
    foto: eder

    Marie Louise Coleiro-Preca, Ministerin für Soziales:"Ganz Malta ist gerade einmal so groß wie der Stadtteil einer Europäischen Metropole - unsere Ressourcen sind äußerst begrenzt. Wir brauchen einfach die Solidarität aller anderen Europäischen Länder. Das ist nicht notwendigerweise ein finanzielles Problem, dieses Bewusstsein muss sich auf allen Ebenen durchsetzen."

  • Andre Callus: "Muss man Menschen einsperren, um ihre Identität festzustellen?"
    foto: eder

    Andre Callus: "Muss man Menschen einsperren, um ihre Identität festzustellen?"

  • Mons. Philip Calleja: "Die unterschiedlichen kulturellen Hintergründe, die verschiedenen Religionen stellen enorme Herausforderungen dar. Wir müssen begreifen, dass wir in einem großen Umbruch leben. Europa braucht die Zuwanderung. Andererseits müssen alle versuchen, aufeinander zuzugehen. Integration kann nur mit der Bereitschaft von beiden Seiten funktionieren."
    foto: eder

    Mons. Philip Calleja: "Die unterschiedlichen kulturellen Hintergründe, die verschiedenen Religionen stellen enorme Herausforderungen dar. Wir müssen begreifen, dass wir in einem großen Umbruch leben. Europa braucht die Zuwanderung. Andererseits müssen alle versuchen, aufeinander zuzugehen. Integration kann nur mit der Bereitschaft von beiden Seiten funktionieren."

  • Mit Maria Pisani: "Es gibt für die Flüchtlinge praktisch keinen anderen Weg um Asyl anzusuchen, als in überfüllten Gummibooten übers Meer zu fahren. Lassen Sie mich dieses Bild verwenden: Jemand läuft aus einem brennenden Haus, und kaum ist er draußen, stoßen wir ihn wieder hinein. Wir wissen, dass das falsch ist. Und trotzdem tun wir es."
    foto: eder

    Mit Maria Pisani: "Es gibt für die Flüchtlinge praktisch keinen anderen Weg um Asyl anzusuchen, als in überfüllten Gummibooten übers Meer zu fahren. Lassen Sie mich dieses Bild verwenden: Jemand läuft aus einem brennenden Haus, und kaum ist er draußen, stoßen wir ihn wieder hinein. Wir wissen, dass das falsch ist. Und trotzdem tun wir es."

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