"'King Lear' mit tragischem Ende gab es lange nicht"

13. Dezember 2013, 18:11
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Der Anglist und Shakespeare-Experte Ludwig Schnauder über Übersetzungsarbeit und "Werktreue "

STANDARD: Wie hätte "King Lear" im alten Globe Theater ausgesehen?

Ludwig Schnauder: Die Aufführungen begannen am Nachmittag - Tageslicht war wichtig. Die Bühne wäre wohl recht leer gewesen. Keines der Shakespeare-Stücke verlangt nach einer besonderen Ausstattung, die Requisiten waren eher emblematisch, also ein Bett deutet ein Schlafgemach an. Die Figuren erklären oft selbst die Szene - "Es ist Nacht". Länger als zwei, drei Stunden hätte die Vorstellung damals nicht gedauert. Sie haben gekürzte Fassungen aufgeführt. Beim Lear gibt es zum Beispiel die Szene "auf der Heide", aber diese "Heide" ist nur eine Aufführungskonvention, sie steht nirgends im Originaltext. Viele solche "stage directions" sind später von Herausgebern hinzugefügt worden. Der King Lear von 1608 kommt gar ohne Szenenunterteilungen aus! Die Fassungen sind voller Unterschiede. Die meisten Regisseure nehmen heute dann eine Fassung, die so viel King Lear wie möglich enthält.

STANDARD: Wer Shakespeare heute auf Deutsch liest, was liest er/sie?

Schnauder: Die meisten Menschen lernen Shakespeare über die Übersetzung von August Wilhelm Schlegel und Ludwig Tieck kennen, Autoren der Romantik. Tieck hat aber gar nicht selbst übersetzt, sondern seine Tochter Dorothea Tieck sowie Wolf Graf Baudissin. Die klassische, unter dem Namen Schlegel/Tieck publizierte Übersetzung des King Lear stammt von Baudissin.

STANDARD: Wie sehr weicht sie vom Original-Shakespeare ab?

Schnauder: Wer Shakespeare im Original liest, ist überrascht, wie anders vieles ist. Jede Übersetzung ist ein Produkt ihrer Zeit, und die Zeit war damals eben die deutsche Klassik. Baudissins Lear ist eine großartige Übersetzung, aber doch sehr geglättet. Das Raue an Shakespeares Sprache geht verloren.

STANDARD: Übersetzungen von heute haben das wieder hereingeholt.

Schnauder: Ja, Autoren wie Thomas Brasch haben das Rüde an Shakespeare wieder betont, manchmal auch überbetont. In Maß für Maß ist aber tatsächlich jedes zweite Wort in den Rüpelszenen eine sexuelle Anspielung, deutschsprachige Theaterbesucher können das kaum glauben.

STANDARD: Angesichts der Übersetzungslage ist der Begriff der Werktreue, mit dem am Theater oft argumentiert wird, doch vage?

Schnauder: Man kann sich natürlich bei Andrea Breths Hamlet-Inszenierung (Burg-Premiere war im September, Anm.) fragen, was hier genau zelebriert wird: Shakespeare oder doch die deutsche Klassik? Manche Ausdrücke sind sehr veraltet und verblasst.

STANDARD: Welche zum Beispiel?

Schnauder: Wenn Hamlet ausruft "Bube" oder "Büberei!", dann waren das Ende des 18. Jahrhunderts passende Begriffe. Heute entspricht das dem Wort "villain" bzw. "villainy" nicht mehr.

STANDARD: Wie würden Sie das übersetzen?

Schnauder: Zumindest mit Schurkerei. Allerdings muss man Andrea Breth und dem Burgtheater zugutehalten, dass sie die Einzigen europaweit sind, die das so machen können. Welches andere Theater stellt einen sechsstündigen Shakespeare auf die Beine, der vom Publikum gestürmt wird?!

STANDARD: Welche zeitgenössische Übersetzung schätzen Sie?

Schnauder: Die von Frank Günther ist wohl die beeindruckendste. Nennen könnte man noch die Erich-Fried-Übersetzung. Man sollte unterscheiden zwischen den Übersetzungen, die von Dramaturgen oder Regisseuren für ein jeweiliges Aufführungskonzept angefertigt werden, und solchen, die wirklich auf philologischen Prinzipien beruhen. Die also den Unterschied zwischen Prosa und Vers berücksichtigen und die mit einer Kenntnis über die Sprache der Renaissance herangehen.

STANDARD: Was halten Sie von Slang-Übersetzungen wie jenen von Feridun Zaimoglu und Günther Senkel?

Schnauder: Eine philologische Übersetzung ist es nicht, aber spannend finde ich das schon. Die englische Aufführungstradition ist im Vergleich dazu doch ziemlich gefangen im Korsett der Originalsprache. Es wäre in England - zumindest auf größeren Bühnen - völlig inakzeptabel, die Originalsprache zu modernisieren. Man doktert an Goethe ja auch nicht herum.

STANDARD: Ist die Originalsprache auch für einen Muttersprachler befremdend?

Schnauder: Ja, schon. Die Stücke sind größtenteils im Blankvers geschrieben, ungereimter jambischer Pentameter. Es ist also von vornherein eine stilisierte Sprache, die mit Alltagssprache nicht viel zu tun hat. Viele Wortspiele sind heute nicht mehr verständlich. Das Wissen ging verloren.

STANDARD: Shakespeare hatte einen gigantischen Wortschatz und hat viele Worte erfunden.

Schnauder: Er hat die Sprache deutlich erweitert und beeinflusst. Wenn man im Oxford English Dictionary, dem Standardwerk für die englische Sprache, nachsieht, dann ist bei vielen Worten die Erstverwendung in einem Shakespeare-Drama verzeichnet. Aber man muss generell sagen, dass die Renaissance eine Zeit war, in der sich die englische Sprache sehr entwickelt hat. Englisch war eine Volkssprache, die man als Literatursprache fit machen wollte. Somit waren die Dichter gezwungen, neue englische Begriffe zu entwickeln.

STANDARD: Sie forschen zur Aufführungsgeschichte Shakespeares am Burgtheater. Was ist da über "King Lear" zu sagen?

Schnauder: Das Burgtheater war eine der ersten deutschsprachigen Bühnen, die King Lear aufgeführt haben, 1780. Das ist sehr früh. 1822 ist King Lear dann wieder inszeniert worden von Burgtheaterdirektor Joseph Schreyvogel, und zwar mit einem sogenannten Wiener Schluss, einem Happy End! Aufgrund der Zensur und des Publikumsgeschmacks wäre es nicht wünschenswert gewesen, dass der König am Ende stirbt. Das war sogar in England so. King Lear mit einem tragischen Ende gibt es erst im frühen 19. Jahrhundert.

STANDARD: Wie hat Shakespeare am Globe gearbeitet?

Schnauder: In der Theaterkultur der Renaissance war es üblich, dass Dramatiker im Team arbeiteten. Der eine hat Liebesszenen übernommen, der andere die Kampfszenen, je nach Talent. Das interessiert derzeit auch die Forschung: Hat Shakespeare wirklich so viel allein geschrieben? Wo hatte er seine Finger noch im Spiel? Die Stücke wurden leider nicht gezielt veröffentlicht, denn dann hätte sie ja eine andere Company nachspielen können. Das Copyright lag beim Verleger, nicht beim Autor. Dramen galten eben nicht als qualitätvolle Literatur. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 14./15.12.2013)

 

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Es wäre in England völlig inakzeptabel, Shakespeares Originalsprache zu modernisieren.

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(DER STANDARD, 14.12.2013)

  • "König Lear" (Baudissin-Übersetzung), Premiere am 21.12., 18 Uhr, Burgtheater
  • 2009 entdeckte man in diesem Gemälde ein Bildnis William Shakespeares (1564-1616).
    foto: ap photo/lefteris pitarakis

    2009 entdeckte man in diesem Gemälde ein Bildnis William Shakespeares (1564-1616).

  • Ludwig Schnauder (39) ist Assistent am Institut für Anglistik und Amerikanistik der Universität Wien. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen die britische Literatur der Renaissance und des späten 19. / frühen 20. Jahrhunderts. Er arbeitet derzeit an einer Studie zu Aspekten der Aufführungsgeschichte Shakespeares am Burgtheater.
    foto: privat

    Ludwig Schnauder (39) ist Assistent am Institut für Anglistik und Amerikanistik der Universität Wien. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen die britische Literatur der Renaissance und des späten 19. / frühen 20. Jahrhunderts. Er arbeitet derzeit an einer Studie zu Aspekten der Aufführungsgeschichte Shakespeares am Burgtheater.

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