Der liebe, starke Bub und sein Traum von Gold

Porträt13. Dezember 2013, 19:01
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Stephan Hegyi ist 15 Jahre alt und will Judo-Olympiasieger werden

Wien - "Das ist der Stephan", sagt der Axel, und acht kleine Kinder machen sechzehn große Augen. Stephan Hegyi (15) ist den Vier- bis Sechsjährigen, die sich in der Hakoah-Halle im Wiener Prater versammelt haben, altersmäßig gar nicht so weit voraus. Doch sein Körper? Aber hallo! 105 Kilogramm verteilen sich auf 185 Zentimeter, Stephan ist ein Bär von einem Buben. Heute ist er ein bisserl früher zum Training gekommen als sonst, so kriegen die Kleinen noch etwas mit von ihm, den die Hakoah ihren "erfolgreichsten Nachwuchssportler der Nachkriegszeit" nennt. Stephan legt hierzulande die meisten 19-Jährigen aufs Kreuz. Er ist unheimlich fokussiert auf den Sport, außer Schule (BHAS Pernerstorfergasse) gibt's nur Judo für ihn. "Ich will zu Olympischen Spielen", sagt er, "dort will ich Erster werden." Und es ist weniger der Bub denn der Bär, der da spricht.

Der Axel heißt auch Eggenfellner, er war in den 90ern einer der besten Judoka Österreichs. Jetzt kümmert sich Eggenfellner gemeinsam mit Filip Sarafov, der 2012 für Mazedonien an den Olympischen Spielen teilnahm, um den Nachwuchs der Hakoah. Das schließt Vierjährige, die vor allem noch wie narrisch Fangerl spielen, das schließt aber eben auch Stephan mit ein. Neben Technik wird jeden Montag und Dienstag eher Kraft, jeden Donnerstag und Freitag eher Ausdauer trainiert. Allein am Mittwoch ist Kadertraining im Budocenter statt Hakoah angesagt, nur da also kann sich Stephan mit anderen messen, die seine oder gar eine größere Kragenweite haben.

"Genau das", sagt Peter Seisenbacher, "ist Stephans Problem." Bei Seisenbacher hat Stephan seit seinem sechsten Lebensjahr trainiert, und als Seisenbacher zur Hakoah übersiedelte, übersiedelte Stephan mit. Dass er selbst kein Jude ist, war weder für ihn noch für die Hakoah ein Problem. Dageblieben ist er, als Seisenbacher 2010 nach Georgien und 2012 nach Aserbaidschan ging. "Der Peter", sagt Stephan über den Olympiasieger 1984 und '88, "ist mein großes Vorbild." Seit drei Jahren ist Seisenbacher oft sehr weit weg, aber wiederum nahe genug, um zu wissen, was vor sich geht. "Stephan ist ein lieber Bub, sehr motiviert und körperlich weit. Aber er hat zu wenige Trainingspartner, er wird zu wenig gefordert. Dabei sollte er pausenlos gefordert werden. Das ist das Problem."

Energie ohne Ende

Wie so viele kleine Kinder ist Stephan Hegyi seinerzeit beim Judo gelandet, weil er Energie ohne Ende hatte, sich austoben sollte. Das war vor allem der Plan von Stephans Vater Marcus, dem Judo bis dahin Jacke wie Hose gewesen war. Jetzt sitzt Herr Hegyi fast jeden Tag im Auto, um seinen Sohn vom Training abzuholen. Und am Wochenende geht's oft und oft zu Turnieren. "Heuer sind wir wohl fast 15.000 Kilometer wegen Judo gefahren", sagt Vater Hegyi, es klingt eher stolz denn angestrengt. Marcus Hegyi filmt auch Wettkämpfe seines Sohnes und listet dessen Erfolge penibel auf. Allein in diesem Jahr wurden auf dieser Liste ein österreichischer sowie vier Wiener Meistertitel und Spitzenresultate bei Turnieren bis hinauf in die U21-Klasse vermerkt.

Die Hegyis - der Vater ist Elektriker, die Mutter Einzelhandelskauffrau - wohnen in Inzersdorf. Da liegt die Hakoah nicht wirklich ums Eck. In der Früh fährt Stephan öffentlich zur Schule, von der Schule fährt er öffentlich ins Training, Bus, U1, U2. Zwischendurch wird immer wieder gegessen, ordentlich gegessen. Die Nahrungsaufnahme ist beinahe Teil des Trainings. "Nächstes Jahr will ich 110 Kilogramm haben", sagt Stephan, also achtet er darauf, dem Körper täglich 5500 Kalorien zuzuführen. "200 Gramm sollten Eiweiß sein." Auch so will er die Basis zu einer erfolgreichen Karriere legen. "Der Sport ist mir wichtig", sagt er. "Der Sport verschafft mir einen Ausgleich", sagt er. "Durch den Sport hab ich einen Plan", sagt er auch.

Die Spezialität O-goshi

Was ihm am Judo am besten gefällt? "Der Wettkampf. Sich mit anderen zu duellieren, zu sehen, wie weit man ist." Er nennt sich "ziemlich stark, aber für meine Gewichtsklasse auch schnell". Und seine Spezialtechnik ist ein spezieller Hüftwurf oder O-goshi, wie die Japaner sagen.

Aber natürlich will Stephan die Schule fertigmachen, und das soll er auch, sagen der Vater und der Mentor. "Selbst wenn er ein Lionel Messi des Judosports ist", sagt Seisenbacher, "wird er nach seiner Karriere noch arbeiten gehen müssen." Auch Eggenfellner und Sarafov, die sich bei der Hakoah um Stephan kümmern, sind durch Seisenbachers Schule gegangen. "Sehr gute Leute", sagt er. Aber? "Ein 15-jähriger Eishockeyspieler geht nach Nordamerika, versucht es dort. Ein 15-jähriger Judoka müsste nach Japan, das ist ein Eck weiter weg, und die sprachliche Hürde ist höher."

Im Sommer hat Stephan Hegyi fünf Wochen lang bei Seisenbacher in Aserbaidschan trainiert, das war eine ganz andere Judo-Welt, eine Welt mit zweimal Training am Tag und mit etlichen Weltklassepartnern. Doch diese Welt spielt es derzeit nur in den Ferien. Seisenbacher sagt, theoretisch werde Stephan auch nach dem Schulabschluss sehr viel aufholen können, etwa mit längeren Aufenthalten in Japan. "Diesen Weg bin ich damals auch gegangen." Doch ob sich ein quasi neuer Seisenbacher ausgehen kann? Es steht in den Sternen. Fix sind derzeit, wenn der Stephan in die Judo-Halle kommt, nur die großen Augen der kleinen Kinder. (Fritz Neumann, DER STANDARD - 14.12. 2013)

Tipp: Im Ö1-Radio-Feature "Hakoah, Maccabi und Co." von Alois Schörghuber und Helmut Neundlinger am Sonntag (18.15 Uhr) geht es um jüdischen Sport in Wien.

  • Im Sommer hat Stephan Hegyi Peter Seisenbacher, sein Vorbild, in Baku besucht.
    foto: privat

    Im Sommer hat Stephan Hegyi Peter Seisenbacher, sein Vorbild, in Baku besucht.

  • Stephan Hegyi im U15-Bewerb des Zagreb Open 2012, erste Runde.

  • Zagreb Open 2012, Stephan Hegyi im Finale.

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