Radfahrer: "Abbiegen bei Rot in einem Pilotprojekt testen"

Interview13. Dezember 2013, 17:56
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Der Wiener Radbeauftragte Martin Blum glaubt nicht, dass sich die Zahl der Radfahrer in Wien wie anvisiert bis 2015 verdoppeln wird. Warum Verkehrsdebatten oft zum "Glaubenskrieg " ausarten, sagte er zu Elisabeth Mittendorfer und Rosa Winkler-Hermaden

STANDARD: Wie wird die Bürgerbefragung zur neuen Mariahilfer Straße ausgehen?

Blum: Da will ich keine Prognose abgeben. Die verkehrsberuhigte Mariahilfer Straße hat jedenfalls gezeigt, welche Auswirkungen es hat, wenn sich Radfahrer sicher fühlen. Die Zahl der Radler hat sich mit rund 5000 an schönen Tagen im Vergleich zu davor verdoppelt. Das ist ein Signal dafür, was möglich wäre, wenn es mehrere solche Straßen gäbe.

STANDARD: In dem Votum wird auch die Frage gestellt, ob die Radfahrer auf der Mariahilfer Straße bleiben sollen. Wie groß wäre die Niederlage, wenn sie weichen müssen?

Blum: Es ist keine Frage von Sieg oder Niederlage, ich fände es schade. Internationale Beispiele zeigen, dass Radfahren in der Fußgängerzone möglich ist. In der Stadt gibt es in der Verkehrspolitik einen Paradigmenwechsel von einer auto- zu einer menschengerechten Stadt. Dieser Prozess braucht aber ein bisschen Zeit. Das ist wie bei neuen Schuhen, die am Anfang nicht sofort passen.

STANDARD: Haben Sie damit gerechnet, dass die Diskussion über die Umgestaltung der Mariahilfer Straße über Monate so dominant sein wird?

Blum: Die Verkehrspolitik ist zum politischen Spielball geworden, mit starken Kontroversen. Das gehört zu einer Demokratie dazu und ist legitim. Die Diskussion zeigt aber auch, dass Radfahren ein Thema ist, das die Leute beschäftigt.

STANDARD: Im Zusammenhang mit Verkehrsfragen haben Sie das Wort "Glaubenskrieg" verwendet.

Blum: In den 70er-Jahren war das Auto noch sehr stark mit Status verbunden. Man hat es sozusagen geschafft, wenn man ein Auto besitzt. Noch 1993 wurden 40 Prozent der Wege in Wien mit dem Auto zurückgelegt, heute sind es 27 Prozent. Dass es einen Glaubenskrieg gibt, liegt auch an der emotionalen Aufladung des Themas, die in den vergangenen Jahrzehnten stattgefunden hat. Ich orte aber auch eine Diskrepanz, weite Teile der Bevölkerung sind nämlich schon sehr weit.

STANDARD: Radfahrer - man liebt sie oder hasst sie?

Blum: Das würde ich nicht so sagen. Untersuchungen der Statistik Austria zeigen, dass 55 Prozent der Wiener mit dem Fahrrad fahren. Eine Mehrheit nutzt es also grundsätzlich, wenn auch nur selten. Radfahren ist durchaus mehrheitsfähig und kein Minderheitenprogramm.

STANDARD: Bis 2015 soll die Zahl der Radfahrer in Wien auf zehn Prozent gesteigert, also fast verdoppelt werden. Kann dieses Ziel erreicht werden?

Blum: Das Ziel einer Verdoppelung des Radverkehrs ist schon sehr ambitioniert. Derzeit halte ich es für wahrscheinlicher, dass es nicht erreicht wird. Wenn das Ziel einer Verdoppelung der Radler in Wien bis 2015 erreicht werden soll, braucht es einen Ruck in der Radinfrastruktur.

STANDARD: Warum ist Wien schon fahrradfreundlich, warum nicht?

Blum: Es ist natürlich immer eine Frage des Standpunktes. Wenn ich das aus Amsterdam betrachte, würde ich Wien nicht unbedingt als Fahrradstadt bezeichnen, wenn ich in Moskau bin, aber schon. Wien hat schon sehr viel an Fahrradfreundlichkeit. Wir brauchen natürlich noch eine bessere Infrastruktur, speziell wenn wir Leute fürs Radfahren erreichen wollen, die jetzt noch sagen: Es ist zu gefährlich. Ich denke an mehr geschützte Radwege, Fahrradstraßen, Begegnungszonen. Da ist noch viel Potenzial vorhanden. Das Fahrrad hat auch einen wesentlichen Auftrag in den nächsten Jahren, nämlich die Öffis kostengünstig zu entlasten. Damit man sie weiterhin attraktiv hält, da sie jetzt schon oft sehr voll sind.

STANDARD: Ihre Statistik über Winterradler war fehlerhaft. Nach der Veröffentlichung hat es viele hämische Kommentare gegeben.

Blum: Wir haben klar kommuniziert, dass ein Fehler passiert ist. Ich denke, da haben einige schon darauf gewartet, dass uns das einmal passiert. Ich wurde als Person angegriffen, mich hat empört, dass mir Lügen und absichtliche Fälschung unterstellt wurden. Da wurde eine Grenze überschritten.

STANDARD: Fahrradvereine fordern, dass Radfahrer bei roter Ampel rechts abbiegen dürfen. Gibt es Pläne in diese Richtung?

Blum: Es ist in einigen Städten erlaubt, in Paris zum Beispiel. Auch in Wien gibt es manche Stellen, wo man sich fragt: Warum muss ich da jetzt stehenbleiben? Die Erlaubnis, bei Rot abzubiegen, müsste in der Straßenverkehrsordnung verankert werden, Wien kann da wenig tun. Ich würde es aber interessant finden, das in einem Pilotprojekt zu testen.

STANDARD: Wo könnte man ein solches Pilotprojekt durchführen?

Blum: Man muss ein Forschungsvorhaben definieren und einige Kreuzungen, die sich besonders dafür eignen, auswählen. Wie in Paris müsste man diese kennzeichnen. Es wird ein Taferl mit einem Fahrradsymbol und einem Pfeil angebracht, der nach rechts weist. Der zeigt, dass Radfahrer bei Rot abbiegen dürfen.

STANDARD: Die grün eingefärbten Radwege kosteten 15.000 Euro, weitere sollen folgen. Steht die Summe dafür?

Blum: Die Untersuchung hat ergeben, dass die Einfärbung wirkungsvoll ist, die Konflikte verringern sich. Man wird die farbigen Radwege punktuell einsetzen. Wichtig ist, dass Verkehrsteilnehmer aufeinander Rücksicht nehmen. Stadt ist per se eine Begegnungszone, es passiert viel auf engem Raum.

STANDARD: Auf Bundesebene wird es wieder eine Koalition von SPÖ und ÖVP geben. Ist das Radfahren im Regierungsprogramm gut verankert?

Blum: In den letzten beiden war das Ziel festgeschrieben, den Radverkehr österreichweit zu verdoppeln. Dieser Punkt wurde jetzt offenbar gestrichen, ich hoffe, es geht trotzdem etwas weiter. In der abgelaufenen Legislaturperiode wurden Fahrradstraßen und Begegnungszonen ermöglicht, da ist Österreich durchaus ein Vorreiter. (Elisabeth Mittendorfer, Rosa Winkler-Hermaden, DER STANDARD, 14./15.12.2013)


MARTIN BLUM (37) ist seit zwei Jahren Radbeauftragter für Wien. Davor arbeitete er beim Verkehrsclub Österreich.

  • In Wien bräuchte es einen Ruck in der Radinfrastruktur, findet der Radbeauftragte Martin Blum.
    foto: andy urban

    In Wien bräuchte es einen Ruck in der Radinfrastruktur, findet der Radbeauftragte Martin Blum.

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