Wo kluge Lebensplanung beginnen sollte

Gastkommentar15. Dezember 2013, 18:34
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Andreas Salcher erklärt im Kontext des Berufslebens, warum er sich mit den Anleitungen des Jesuiten Baltasar Gracián beschäftigt hat

Für ein glückliches Leben brauchen wir das Gefühl, dass unsere Talente wertvoll sind und anerkannt werden. Je intensiver wir unsere Talente ausüben können, umso größer wird die Freude werden und auch der Nutzen für unser Unternehmen. Positive Bestätigung führt dazu, dass wir uns noch mehr anstrengen. Kluge Vorgesetzte wissen das. Was also tun, wenn wir nicht mit einem solchen, sondern mit einem engstirnigen oder einem psychopathischen Chef zu tun haben? Erdulden, kämpfen oder gehen?

Wenn wir darüber nachdenken, ist es gut zu wissen, dass Menschen dazu tendieren, sich unbefriedigende Arbeitssituationen schönzureden. Grund dafür ist, dass wir solche Fragen nach der Zufriedenheit mit etwas, was wir nicht oder nur schwer ändern können, immer positiv beantworten. Wir sind ja keine Masochisten. Was wir nicht ändern können oder wollen, damit finden wir uns ab, damit sind wir zufrieden.

Befragt man Menschen, die wegen eines unerträglichen Betriebsklimas den Wechsel gewagt haben, nach einem Jahr über ihre frühere Situation, erhält man dagegen weit ehrlichere Antworten. Sie können sich gar nicht mehr vorstellen, wie sie es so lange aushalten konnten. Von sich aus zu gehen ist eine Alternative, das Dilemma mit einem ungeeigneten Vorgesetzten zu lösen.

Überlebenskampf

Die Mehrheit der Menschen kämpft auf mäßig bezahlten Arbeitsplätzen ihren täglichen Überlebenskampf. Viele sind in die Resignation gezwungen, weil die bestmögliche Perspektive ist, dass alles so bleibt und nicht noch schlechter wird. Ihr Berg, den sie bezwingen müssen, erscheint jeden Tag höher. Ein falsches Wort gegenüber ihrem Vorgesetzten oder einmal zu spät zur Arbeit kommen, weil das Kind noch zum Arzt gebracht werden musste, und man verliert den Job. Nur eines können Menschen nie verlieren, solange sie ihre Seele nicht von der Angst auffressen lassen - ihre Selbstachtung. Sie zu verteidigen ist für das Lebensglück wichtiger als der Job.

Nimmt man einem Menschen, der sein bisheriges Leben erfolgreich dafür verwendet hat, eine bestimmte Position zu erreichen, diese weg, dann verliert er nicht nur den Titel auf seiner Visitenkarte, sondern den für ihn wesentlichen Teil seiner Identität. Wer immer nur vom Urteil anderer abhängig war, wird völlig unvorbereitet auf sich selbst zurückgeworfen.

Die Ahnung, dass er die Wertschätzung im Leben nicht seiner Person, sondern seinem beruflichen Status und der damit verbundenen Macht verdankt, wird plötzlich Wirklichkeit. Das löst einen heftigen inneren Protest aus. Die Art, wie er die Welt bisher gesehen hat, stimmt plötzlich nicht mehr. Die Illusion der Unverwundbarkeit wird zerstört.

Menschen mit Selbstachtung messen sich an ihren eigenen Maßstäben. Sie fragen sich immer wieder: Wie hoch ist mein eigener Qualitätsanspruch an meine Arbeit? Strebe ich Meisterschaft an oder reihe ich mich ein in die Kultur der Mittelmäßigkeit? Gehe ich noch immer mit Begeisterung an meine Aufgaben heran?

Hohe moralische Ansprüche

Baltasar Gracián rät uns nicht nur, wie wir mit arglistigen Vorgesetzten umgehen sollen, sondern er stellt hohe moralische Ansprüche an den Träger eines wichtigen Amtes. Die persönlichen Eigenschaften müssen die Obliegenheiten des Amtes übersteigen und nicht umgekehrt. So hoch auch der Posten sein mag, stets muss die Person sich als ihm überlegen zeigen. Um anerkannt zu werden, reicht es nicht, sich auf die formale Autorität einer Position zu berufen, sondern die Kraft der Persönlichkeit soll sie ausformen, und zwar zum höheren Nutzen aller.

Wir erhalten bei unserer Geburt leider keine Gebrauchsanleitung dafür, uns klug in einem gefährlichen Umfeld zu bewegen. Wir können diese Fertigkeit aber lernen. Heute geht es darum, die Absichten seiner Vorgesetzten zu erahnen und ihre Gesten richtig zu deuten. Allen widersprechen, alle übertreffen wollen und andere Torheiten sorgen mit Sicherheit dafür, dass man nie weiterkommt. Sich von den Gleichgestellten abzusondern, ihre kleinen Bosheiten nicht großzügig übersehen zu können oder ganz ungeniert Ansprüche zu stellen, wird einen zum bevorzugten Ziel von Intrige und Missgunst machen. Wer diese Gefahren begriffen hat, geht behutsam seinen Weg.

Die meisten laufen ihr Leben lang Erfolgsvorstellungen nach, die sie von anderen vorgegeben bekommen haben. "Auf einem Dampfer, der in die falsche Richtung fährt, kann man nicht sehr weit in die richtige Richtung gehen", hat Michael Ende so wunderbar gesagt. Kluge Lebensplanung beginnt daher mit einer Frage, die man sich gar nicht früh genug stellen kann: Was macht mich aus? (Andreas Salcher, DER STANDARD, 14./15.12.2013)

Andreas Salcher: "Erkenne dich selbst und erschrick nicht", Ecowin-Verlag 2013, ISBN 978-3-7110-0050-7

  • Diesmal mit altem Wissen der Jesuiten am Buchmarkt: Andreas Salcher.
    foto: standard/urban

    Diesmal mit altem Wissen der Jesuiten am Buchmarkt: Andreas Salcher.

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