US-Geistliche kämpfen in Europa gegen die Waffenlobby

14. Dezember 2013, 17:00
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Initiative versuchte Waffenhersteller zu besuchen - mit dem Appell, Waffen sicherer zu machen

New York/Wien – Am 14. Dezember ist es ein Jahr her, dass ein junger Mann in einer Volkschule in Newtown, Connecticut, 26 Menschen erschoss. Der Amoklauf ließ die Diskussion um liberale Waffengesetze in den USA um ein Neues aufflackern, doch selbst Präsident Barack Obama vermochte es nicht, Änderungen im Kongress durchzusetzen. Zu groß ist die Angst der Amerikaner vor staatlichen Eingreifen, zu mächtig die Waffenlobby National Riffle Association (NRA).

Eine Initiative US-amerikanischer Geistlicher nimmt den Jahrestag von Newtown zum Anlass für einen neuen Anlauf – und zwar über Europa, von wo ein Großteil der Waffen in den USA stammt. Zu fünft reisten sie in dieser Woche durch Österreich, Frankreich, Deutschland und Italien, klopften an die Türen der großen Waffenhersteller, um ihre Botschaft zu verbreiten. "Europa exportiert jedes Jahr eine Millionen Schusswaffen in die USA – das ist nicht nur unser Problem, sondern auch eures", sagt Pastor Bishop I. Miles in Wien. "Und ihr könnt Teil der Lösung sein." Normalerweise predigt der 64-Jährige in seiner Kirche in Baltimore. Allein in diesem Jahr seien dort 220 Menschen durch Kugeln gestorben, die Stadt hat knapp 620.000 Einwohner.

Erschwerung des Schwarzmarkthandels

Es gehe ihm und der Bewegung nicht darum, Waffen zu verbieten. Er weiß um die reflexartige Sorge seiner Landsleute, wenn schärfere Regeln diskutiert werden. "Es geht darum, die Waffen sicherer zu machen, damit Kinder sie nicht beim Spielen auslösen und nur derjenige damit schießen kann, dem sie gehört." Wie das aussehen könnte, hat er bei seinem Besuch in München bei der Sicherheitsfirma Armatix gesehen: Mit einer kleinen technischen Adaption kann die Waffe nur von autorisierten Personen abgefeuert werden. Identifiziert werden sie über einen Chip, etwa am Armband. Wird die Sicherung manipuliert, zerstört sie die Waffe.

Armatix wirbt in einer Präsentation damit, dass somit auch bei Diebstahl oder bei einem Kampf niemand anderer die Waffe einsetzten könnte. Das würde auch den Schwarzmarkt erheblich erschweren. Kostenpunkt wären bei Massenproduktion rund 50 Euro, rechnet Miles vor. "Jeder könnte seine Waffe nachrüsten und sicherer machen". Die Polizei von Singapur und Indonesien haben das System gerade bestellt.

Glock bei vielen Amokläufen

Etwa 320 Millionen Schußwaffen gibt es in den USA, bei 313 Millionen Einwohnern. Miles legt eine Liste auf den Tisch. Bei den acht Amokläufen seit 2011 wurde bei sieben davon eine Glock benutzt. 72 Menschen wurden insgesamt erschossen. Auch Waffen des italienischen Herstellers Beretta und der deutschen Sig Sauer GmbH finden sich auf der Liste.

Sie haben alle drei Firmen kontaktiert, um mit ihnen über Sicherheitsaspekte zu sprechen. Sig habe gar nicht reagiert, bei Beretta wurden sie zuerst empfangen und dann plötzlich gebeten zu gehen. "Ganz so, als wären wir weltfremde Friedensaktivisten", erzählt der Pastor und schnaubt.

"Wir wollen ja gar kein Verbot, wir wollen über Sicherheit sprechen". Und darüber, dass die europäischen Hersteller sich aus der amerikanischen Politik raushalten sollen. Mindestens zwei Millionen Dollar hat die NRA an Spenden von den drei europäischen Herstellern kassiert.

"Erfahrung mit Dingen, die unmöglich erscheinen"

Das Marketingdepartment von Glock hat ihnen geantwortet: Der Waffenhersteller schätze ihr Engagement, sei aber der Auffassung, dass die großen rechtlichen Unklarheiten schon in den 1990er-Jahren gelöst wurden. Treffen gibt es also keines, dafür wurden sie in der US-amerikanischen Botschaft in Wien empfangen, am Freitag waren sie in Berlin im Auswärtigen Amt.

Miles engagiert sich seit Jahren in der zivilen Initiative Metro-IAF, einer der Community-Bewegungen, der auch Barack Obama entsprungen ist. Dieses Jahr haben sie für den Bau und die Renovierung von Schulen in der Region eine Milliarde US-Dollar erkämpft. "Ich habe Erfahrung mit Dingen, die unmöglich erscheinen", sagt er augenzwinkernd.

Im neuen Jahr wollen er und seine Mitstreiter, darunter ein Rabbi, dessen Vater erschossen wurde, wieder nach Europa kommen. In der Delegation werden auch Vertreter von Polizei und Militär mitreisen. "Gute Kunden von den Waffenherstellern. Vielleicht lassen sie von denen überzeugen in moderne Sicherheitstechnik zu investieren", hofft Miles. (Julia Herrnböck, DER STANDARD, 14./15.12.2013)

  • So wie Glock-Exemplare stammen die meisten Waffen in den USA aus Europa.
    foto: ap photo/jim mone

    So wie Glock-Exemplare stammen die meisten Waffen in den USA aus Europa.

  • Bishop Douglas I. Miles von der Initiative Metro-IAF.
    foto: julia herrnböck/der standard

    Bishop Douglas I. Miles von der Initiative Metro-IAF.

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