Ludwig Laher: Welche Reife prüft sie?

15. Dezember 2013, 08:00
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Die neue Zentralmatura bedeutet nicht nur Fortschritt: In Deutsch müssen zum Beispiel zwei Seiten Textkenntnis eines Romans genügen, um ihn als Ganzes zu beurteilen

Standardisierung, Objektivierung und Vergleichbarkeit, diese Modebegriffe halten die Schule auf Trab. Da wird getestet und gerankt, was das Zeug hält, Kompetenzen sind hui, Wissen ist pfui. Zusammenhänge spielen in diesem Zusammenhang eine untergeordnete Rolle, Kreativität kann man bei den meisten Testverfahren, allen voran die Zentralmatura, vergessen.

Ja, natürlich gibt es Fächer und Teilbereiche, für die landesweit einheitliche, qualitätvolle Reifeprüfungsaufgaben nicht nur kein Problem darstellen, sondern einen Fortschritt gegenüber früher bedeuten. Denn das Gelbe vom Ei waren, seien wir ehrlich, die so unterschiedlichen Maturaanforderungen je nach Können und Laune der Lehrperson sicherlich nicht.

Nur: Subjektivitätsexzesse von Lehrerseite ließen sich auch anders vermeiden, etwa durch von der Fachkonferenz einer Schule erstellte Aufgaben oder eine gemeinsame Notenfindung mit einem zugelosten Fachkollegen jedweden Geschlechtes.

Die Schriftstellerinnen und -steller dieses Landes warnen durch ihre Interessenvertretung seit Langem vor der Schnapsídee, Deutsch bei der Matura textsortenorientiert zentral prüfen zu wollen, teilweise sogar die zu vertretenden Meinungen vorzugeben. Ist jemand dann reif, wenn er oder sie, statt selbständig zu denken, gekonnt nachbetet? Und wie darf man sich eine weitgehend standardisierte Auseinandersetzung mit Literatur vorstellen, wenn keine Kenntnis zu Romanen und Stücken mehr vorausgesetzt werden kann, Kafka und Jelinek womöglich unbekannte Namen sind?

Nun, das gutdotierte Bundesinstitut für Bildungsforschung, Innovation und Entwicklung des österreichischen Schulwesens (BIFIE) hat Musterthemenpakete geschnürt und 2013 für Versuchsschulen sogar schon eine schöne neue Matura gezimmert.

Nicht alles davon ist misslungen, aber was daneben ging, lässt die Alarmglocken läuten. Da wird ein Eichendorff-Gedicht mit Quellenangabe korrekt nach Wikipedia zitiert, das heißt: prompt fehlerhaft, weil das Onlinelexikon eben so verlässlich ist wie seine Beiträger, nämlich unterschiedlich, also nicht. Da verkünden die groß angekündigten Infokästen zum Autor ganze eineinhalb Zeilen Plattitüden, etwa, er sei viel gereist.

Andererseits hält das BIFIE 270 bis 330 Wörter, also rund 30 Zeilen für ausreichend, um eine Untersuchung des Titels, Inhalts, Aufbaus und der dargestellten Welt eines Textes, eine Analyse seiner typischen sprachlichen Merkmale und Hypothesen zur möglichen Intention abliefern zu können.

Nicht genug damit: Bei der zentralen Deutschmatura müssen gut zwei Seiten Textkenntnis eines Romans genügen, um ihn als Ganzes zu beurteilen, und zwar zwangsweise wohlwollend. Sie glauben, ich übertreibe?

Dem verstörendsten Originalbeispiel des BIFIE habe ich die Kurzgeschichte Saskia funktioniert schlecht gewidmet, die ich mir als literarisches Maturathema recht gut vorstellen kann. Die Leitfragen liegen auf der Hand.

Saskia funktioniert schlecht

Sie habe, wenn sie denn das literarische Thema der schriftlichen Deutschmatura ins Auge fassen wolle, mit 405 bis 495 Wörtern Zivildienern sowie freiwilligen Helfer(inne)n in der Altenbetreuung Arno Geigers Roman Der alte König in seinem Exil zu empfehlen, in welchem der Autor die fortschreitende Alzheimer-Erkrankung seines Vaters beschreibe. Saskia, die für ihr Leben gern liest, sitzt vor den Blättern mit den Aufgabenstellungen und schäumt. 779 Wörter, steht da weiters, umfasse der beigelegte Textausschnitt aus Geigers Buch.

Saskia funktioniert schlecht. Schon in der Volksschule wollte sie nicht und nicht einsehen, warum sie seitenweise üben musste, was sie längst beherrschte. Wenn sie sich, selten genug, den Eltern gegenüber Luft machte, kamen ihr jedes Mal die Tränen. Die schmeckten nach einer Mischung aus Zorn und Verzweiflung über das anscheinend unabänderliche Widersinnige. Der Vater gab dann meist zu bedenken, Menschen müssten lernen, sich zurückzunehmen und einzuordnen. Sie möge sich doch einfach vorstellen, das zu üben statt das Dividieren. Hilfe war das keine.

Am liebsten würde Saskia jetzt die Deutschprofessorin in ein Gespräch verwickeln. Wie oft hat sie aus Frau Zechmeisters Mund das Wort 'Zivilcourage' gehört, besonders im Literaturunterricht, wenn etwa Herr Biedermann vor den Brandstiftern hartnäckig den Kopf im Sand vergrub, oder erst jüngst wieder, als Ingeborg Bachmanns Zeilen von der Verleihung des armseligen Sterns der Hoffnung für den Verrat unwürdiger Geheimnisse in aktuellem Zusammenhang zu interpretieren waren.

Je länger sie nachdenkt, desto sicherer ist Saskia sich. Sie wird unter keinen Umständen auf andere Aufgaben ausweichen, dazu ist sie viel zu empört. Ihr Kopf ist völlig eingenommen von dem, was sie da schwarz auf weiß vor sich liegen hat. Sie beschließt, Frau Zechmeister direkt darauf ansprechen, und zwar sofort. Weil das in der Prüfungssituation mündlich nicht möglich ist, wird sie es schriftlich tun. Sie wird zur Reifeprüfung statt der geforderten Textsorte Empfehlung die Textsorte Brief wählen und in Kauf nehmen durchzufallen, sie wird im Herbst wiederkommen, das ist es ihr wert, das muss es ihr wert sein.

Saskia ist natürlich bewusst, dass ihre Professorin für die Aufgabenstellungen keine Verantwortung trägt, sie kommen direkt aus dem Ministerium in Wien, und Tausende sitzen in diesem Augenblick wie sie im ganzen Land über denselben drei zentral festgelegten Themenpaketen. Aber Frau Zechmeister gibt sich offenbar her für diese Zumutung, und zwar gegen ihre Überzeugung, wenn das, was sie jahrelang gepredigt hat, nicht bloße Lippenbekenntnisse waren. Saskia ist maßlos enttäuscht.

Die Kandidatin atmet tief durch und beginnt, Notizen zu machen:

"Journalisten, haben Sie einmal gesagt, Frau Professor, müssen ihre Geschichten gut recherchieren, genau wissen, worüber sie schreiben. Tun sie das nicht, handeln sie gegen ihr Berufsethos. Unsere Urteile, etwa bei Textinterpretationen, sollten wohlbegründet ausfallen, haben Sie immer wieder gemeint. Ein Roman wie der von Arno Geiger dürfte, schätze ich, mindestens zweihundert Seiten lang sein. Ich habe ihn nicht gelesen. Auf der Grundlage von höchstens einem Hundertstel seines Umfangs muss ich das Buch nun in der Altenbetreuung tätigen Menschen empfehlen. Das ist doch ein Witz. Ich will das mit einem Vergleich belegen: Im Fach Bildnerische Erziehung haben wir uns vor kurzem mit Picassos Monumentalgemälde Guernica beschäftigt. Kann ich über das ganze Bild eine Aussage treffen, wenn ich nur den Pferdekopf als Ausschnitt vorgesetzt kriege?

Und wenn es mir nicht gefällt, dass einer seinen Vater, der sich nicht mehr wehren kann, als Dementen vor den Vorhang zerrt? Wie gesagt, ich kenne das Buch ja nicht, aber das könnte doch sein, oder? Wie kann man mir zumuten, einen Roman, den ich nicht gelesen habe, empfehlen zu müssen, obwohl er mir vielleicht gegen den Strich ginge, wenn ich ihn lesen würde?

Ist es tatsächlich die Krönung unserer Schullaufbahn, keine eigene Meinung haben zu dürfen, sondern eine geliefert zu bekommen, die ich anwenden muss? Sind wir, Frau Professor, womöglich erst dann reif (maturus/matura) und nützlich für die Gesellschaft, wenn wir uns perfekt verleugnen, wenn wir uns damit abgefunden haben, um jeden Preis Positionen zu vertreten, mit denen wir uns überhaupt nicht identifizieren können, wenn wir überzeugend schwafeln, ohne halbwegs Bescheid zu wissen und dahinter zu stehen? Sind das die Kompetenzen, die wir erwerben müssen, vergleichbar und standardisiert? Und weshalb haben Sie uns all die Jahre das genaue Gegenteil vermittelt?

Unter meine Arbeit werden Sie höchstwahrscheinlich ein 'Nicht genügend' schreiben müssen, weil ich hier mache, was Sie mir beigebracht haben. Oder wehren wir uns gemeinsam? Zum Beispiel, indem Sie die vorgesehenen Beurteilungskriterien Beurteilungskriterien sein lassen und mit mir in einem Boot sitzen, wenn Sie mir keinen Fünfer geben."

Bevor sie sich an die Reinschrift macht, zählt Saskia brav die Wörter. Noch zwei, drei Füllselzeilen mehr, und sie wird wenigstens den angegebenen Korridor einhalten. (Ludwig Laher, Album, DER STANDARD, 14./15.12.2013)

  • 2009 hat die Zentralmatura noch zu Protesten geführt, 2013 wird sie an Versuchsschulen praktiziert.
    foto: robert newald

    2009 hat die Zentralmatura noch zu Protesten geführt, 2013 wird sie an Versuchsschulen praktiziert.

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