Listig-lüsterne Liaison

13. Dezember 2013, 17:35
posten

Eine in New York gezeigte Retrospektive ergibt neue Erkenntnisse in der diskursiven Sicht auf das kontroverse Werk des Avantgardisten Balthus

Im Stil eines romantischen Dandys - selbstbewusst, aristokratisch, hochmütig, die Rechte in die Hüfte gestützt, die linke Hand am Revers des Jacketts; am safrangelben, allzu engen Hosenbein reibt sich hingebungsvoll eine getigerte Katze - stellte sich der junge Balthus (1908-2001) in einem Selbstporträt anno 1935 dar. Interpretierbar ist diese selbstverliebte Perspektive eher als melancholisch-anmutiger Habitus eines Dichters denn als provokanter Maler, als der er zu diesem Zeitpunkt berühmt-berüchtigt war. Als zurückgewonnenes Selbstbewusstsein wird dies frühe Kernstück des Schaffens des als Balthasar Klossowski in Paris geborenen Künstlers rezipiert, hatte er, der sich hier in einer Inschrift als König der Katzen apostrophierte, ein Jahr zuvor mit dezidiert obsessiven, hocherotischen und bewusst subtil provozierenden Werken in der Galerie Pierre Loeb einen Skandal überstanden.

Bereits als Elfjähriger hatte Balthus in einer Serie aus Federzeichnungen die Katze Mitsou erfunden. Das am Ende des präpubertären Zyklus weinende Alter Ego kehrte in Balthus' OEuvre öfters wieder. Zusammen mit jungen Mädchen - an der Schwelle zur Pubertät, traumwandelnd zwischen Unschuld, erotischer Fantasie und Versuchung. Anhand von 35 Gemälden aus der kreativen Epoche zwischen 1935 und den 50er- Jahren geht Sabine Rewald, Kuratorin am New Yorker Metropolitan Museum of Art, erstmals diesem kontroversiellen Thema nach. Parallelen zu Thomas Mann, Lewis Carroll, Cocteau, Rilke und Nabokov werden aufgezeigt, erhellend Balthus' Faszination für die ambivalenten und dunklen Seiten in historisch-literarischem Kontext.

Katzen und Mädchen, in erratischer Konstellation zueinander, bilden die Hybris seines Schaffens. La leçon de guitare beispielsweise stellt eigenartige Details dar: Die Komposition der böse blickenden Lehrerin - sie hat die Züge seiner Mutter - mit einem halbnackten Mädchen entspricht der des toten Christus der Pietà de Villeneuve-les-Avignon im Louvre.

Die oft mit einer devoten, aber neugierig-wachsamen Katze gemeinsam dargestellten Mädchen, meist freizügig und "unschicklich" sitzend, namens Thérèse, Georgette, Odile und Jeanette existierten allesamt real, saßen ihm Modell. Auf Balthus' Bildern mutierten sie zu archetypischen Nymphchen, die von einem Voyeur betrachtet werden. Diese Perspektive wurde anfangs nüchtern, bei Retrospektiven in den 1980er-Jahren zunehmend zwielichtig und suspekt betrachtet.

Die gesellschaftliche Ambivalenz respektive das Tabu unterschwelliger juveniler Sexualität ist heute anders gelagert als zur Zeit der Entstehung. Eine Diskussion über Pädophilie entstand aber eher subjektiv im Auge des Betrachters. Bezüge zu Schiele, Munch, Dix oder Kirchner ergeben posthum hochinteressante Perspektiven. Cats & Girls: verstörend, provokativ? Ob figurativ-augenzwinkernde Erotika, sexuelle Perversion oder "formale Studien", sie sind das Thema, das Balthus zeit seines Lebens obsessiv beschäftigte, mit dem er sich schon früh den Zorn von Moralisten zuzog und in die Kunstgeschichte einschrieb. Im Original zu überprüfen in New York - oder angesichts einer bibliophilen, penibel recherchierten Monografie. (Gregor Auenhammer, Album, DER STANDARD, 14./15.12.2013)

Balthus, "Cats and Girls". € 52,- / 192 S., SchirmerMosel-Verlag 2013. Ausstellung im Metropolitan Museum NY bis 12.1.2014.

  • Artikelbild
    cover: schirmer/mosel
Share if you care.