Schwierige Ferien mit den Enkelkindern

Kolumne15. Dezember 2013, 17:00
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Warum es oft schwierig ist, liebevolle Gedanken in liebevolles Handeln zu verwandeln

Frage: Vor einiger Zeit hatte ich meiner Tochter angeboten, dass wir einen Kurzausflug in die nächste große Stadt machen – gemeinsam mit ihren beiden Kindern. Ich würde den Aufenthalt bezahlen, und sie fährt uns. Einfach damit sie und ihre Kinder mal eine Abwechlsung erleben. Der erste und der zweite Tage waren sehr angenehm. Ich übernahm also die Kosten für diverse Fahrkarten und die Verpflegung. Meine Tochter bezahlte den Eintritt zu einem Kinderpark und beschwerte sich die ganze Zeit darüber, wie teuer das war.

Am dritten Tag mussten wir unseren ursprünglichen Plan änderen, weil mein älterer Enkel nicht beim geplanten Ausflug mitmachen wollte. Wir mussten also eine Alternative finden und unsere Wahl fiel auf ein Museum. Für den Großen war es sehr interessant, aber nicht für den Kleinen. Das führte dazu, dass mein kleiner Enkelsohn immer lauter wurde, bis sogar die Dame am Eingang mich ansah, ihren Kopf schüttelte und mir eindeutig ihren Unmut signalisierte. Zu Ende des Museumsbesuches schlug meine Tochter vor, Essen zu besorgen, was wieder an mir hängen blieb, weil sie ja mit den Kindern beschäftigt war. Ich habe dazu nichts weiter gesagt, weil ich keine schlechte Stimmung verursachen wollte.

Als wir nach einem langen und auch anstrengenden Tag in die Unterkunft zurückkamen, schlug der Große plötzlich dem Kleinen ohne Grund in den Bauch. Das war der Punkt, an dem ich anfing laut zu werden - der Beginn einer Auseinandersetzung. Der Ältere ging in sein Zimmer und begann zu weinen und schrie, dass er nicht anders konnte. Der Kleine, der geschlagen wurde, saß am Boden und weinte ebenfalls. Ich war sehr aufgebracht darüber, dass meine Tochter meine Reaktion nicht unterstützte. Anstatt dessen verließ sie mit den Kindern das Hotel und kam erst um 22.30 Uhr zurück. Am nächsten Tag fuhren wir nachhause. Die Atmosphäre war gedrückt und mürrisch. Trotzdem war das Ankommen zuhause schön und alle haben gemeint, dass die Tage ganz nett waren.

Aber nun hört meine Tochter nicht auf damit, von unserem Konflikt zu erzählen. Sie spricht sogar mit den Kindergärtnerinnen über den Vorfall und lässt sich dabei darüber aus, dass ich mürrisch und bedrückt war. Ich finde es nicht gut, dass sie nun andere in unsere Geschichte hineinzieht und ich hätte gerne ihre Meinung dazu, wie ich mit meiner negativen Reaktion umgehe, und dass sie anderen von unserem Konflikt erzählt.

Jesper Juul antwortet:
Ihr Reaktion in Bezug auf Ihre Enkelkinder war zugegeben "politisch" nicht korrekt, dennoch auch verständlich, wenn man dabei bedenkt, aus welchem Beweggrund die Einladung zu dem Mini-Urlaub ausgesprochen wurde. Es war als eine freundliche Einladung gedacht, auch wenn die wirtschaftlichen Prämissen etwas unklar erschienen, so war die Atmosphäre zwischen Ihnen und Ihrer Tochter von Anfang an angestrengt. Der ältere Enkel, war der Erste, der darauf reagierte als er - wie sie es beschreiben - "ungezogen" war. Im Grunde war es ein "Ich fühle mich ganz sicher nicht wohl!". Manche würden das auch als aggressiv bezeichnen.

Nicht geliebt fühlen

Das passiert uns allen, wenn wir uns (akut oder über eine längere Zeit hin) nicht geliebt oder wertvoll fühlen für diejenigen, die wir lieben, so wie wir es gerne hätten. Der Unterschied zwischen Ihnen, Ihrem Enkel und Ihrer Tochter war in diesem Fall, dass Sie und Ihr Enkel ihre Frustration explosiv und direkt ausdrücken, wohingegen Ihre Tochter einen anderen Weg wählt – nämlich sich zurückzuziehen.

Es bedarf einer moralischer Überlegung dazu, was Sie wirklich möchten. Die Kultur in Ihrer Familie scheint so zu sein, dass es falsch ist, sich aufzuregen. Entweder wird dem Kind die Schuld gegeben, dass es nicht beim elterlichen Projekt mitmacht, oder die Großmutter macht etwas falsch, weil sie meint die Mutter macht etwas falsch, indem sie mit einer dritten Partei spricht. Diese Kultur wird ihre Beziehung zu Ihrer Tochter zerstören und auch jene zu Ihren Enkelkindern. Vermutlich wird Ihre Tochter die Verbindung abbrechen mit der (oder unter anderem der) Erklärung, dass Sie ihre Kinder nicht gut behandeln. Genau das hat immer schon viel Unbehagen für künftige Generationen bedeutet, solange bis jemand die Verantwortung für sein eigenes Handeln übernommen hat. Dabei meine ich Verantwortung und nicht Schuld!

Das passiert nicht nur in Ihrer Familie. Es ist eines der häufigsten Dramen im heutigen Spiel zwischen Eltern und deren erwachsenen Kindern. Über viele Generationen hinweg gab es sehr strikte Regeln, wie sich die einzelnen Parteien in diesem Netz von Pflicht, Schule, Liebe und Hass verhalten sollen – aber diese funktionieren nicht mehr. Deshalb zeigen auch die Statistiken, dass immer mehr erwachsene Kinder den Kontakt zu Ihren Eltern abbrechen.

Was können nun Sie oder andere tun, um diesen schmerzvollen Konflikten ein Ende zu setzen? Sie können Ihre Tochter um ein ernstes Gespräch über Ihre Beziehung zueinander bis sie erwachsen war, bitten. Wenn sie Glück haben und Sie sich öffnet, dann wird sie sehr viel erzählen, das Ihnen unangenehm ist. Sie wird auch sagen, dass Sie sie nie verstanden haben, dass sie unfair behandelt wurde, aber Sie müssen ihr zuhören und nicht in einen Machtkampf über "die Wahrheit" treten.

Irritationen

Wenn es um Geld und andere Dienstleistungen zwischen Eltern und Ihren erwachsenen Kindern geht, dann seien Sie konkret und spezifisch. Ihre Urlaubsgeschichte zeigt, dass Sie nicht bereit waren, so viel zu geben, wie ihre Tochter angenommen hat. Ich weiß, dass das jetzt Irritation (auch wieder Aggression!) auslöst. Es sickert durch, dass Ihre Tochter Sie das meiste hat bezahlen lassen. Wir sollten niemals Liebe mit Geschäft verwechseln, außer es ist die Gewissheit in der Liebe. Wenn wir Liebe durch finanzielle Großzügigkeit ausdrücken, macht es Sinn hier besonders vorsichtig zu sein.

Ist es denn nicht möglich einem erwachsenen Kinde und deren Kinder einfach Geld zu geben, ohne im Beiseins eines Buchhalters? Nur, wenn Sie sich sicher sind, dass  das bedingungslos für den Empfänger geschieht und er es nicht zurückzahlen muss, wie etwa in Form von Gefühlen, Hilfe, Rücksichtnahme, Dankbarkeit, etc. Die andere Möglichkeit ist, dass beide Seiten ihr Spiel weiter spielen und sich weiterhin konkurrieren, wer wen zuerst anruft, einlädt oder "Entschuldigung" sagt. Auf diese Art und Weise wird das große Drama einfach vertagt. (Jesper Juul, derStandard.at, 15.12.2013)

Jesper Juul, geboren 1948 in Dänemark, ist Lehrer, Gruppen- und Familientherapeut, Konfliktberater und Buchautor. Er studierte Geschichte, Religionspädagogik und europäische Geistesgeschichte. Statt die Lehrerlaufbahn einzuschlagen, nahm er eine Stelle als Heimerzieher und später als Sozialarbeiter an und ließ sich zum Familientherapeuten ausbilden. Er ist Begründer des Family Lab.

Auf derStandard.at/Familie beantwortet Jesper Juul alle zwei Wochen Fragen zu Erziehung, Partnerschaft und Familienleben. Die nächste Kolumne lesen Sie am 29.12. 2013.

  • Familientherapeut, Autor und derStandard.at-Kolumnist Jesper Juul.
    foto: family lab

    Familientherapeut, Autor und derStandard.at-Kolumnist Jesper Juul.

  • Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich.
    foto: family lab

    Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich.

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