Jeder siebente Österreicher ist psychisch krank

12. Dezember 2013, 19:14
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Doch ein Drittel der Erkrankungen wird nicht diagnostiziert - Psychische Erkrankungen bleiben oft unbehandelt

Salzburg - 900.000 Menschen in Österreich werden zurzeit psychologisch oder psychiatrisch behandelt. 840.000 davon nehmen Psychopharmaka. Die Dunkelziffer der psychisch erkrankten Menschen dürfte aber weitaus höher sein: "Man kann davon ausgehen, dass 1,2 Millionen Österreicher psychisch krank sind", sagt Manfred Stelzig, Leiter des Sonderauftrags für psychosomatische Medizin am Universitätsklinikum Salzburg. Denn bei einem Drittel der Betroffenen wird die Erkrankung nicht diagnostiziert.

Der Grund: Vielen praktischen Ärzten würde der klinische Blick für die Psychosomatik fehlen. "Patienten werden organisch nach allen Regeln der ärztlichen Kunst abgeklärt, und wenn nichts herauskommt, werden sie oft alleingelassen", kritisiert Stelzig. Krankheitsbilder wie Angststörungen, Depressionen, Suchtkrankheiten oder somatoforme Störungen, bei denen Patienten körperliche Symptome aufweisen, die medizinisch nicht erklärbar sind, würden häufig nicht in Betracht gezogen werden. Vielen Patienten würden so wirksame Therapiemethoden vorenthalten.

"Im Schnitt vergehen fünf Jahre, bis ein Patient behandelt wird", sagt Stelzig. Nach oft monate- oder jahrelangem Leiden finden Betroffene oft nur über Umwege in die psychische Behandlung: "Viele meiner Patienten sind erst auf Empfehlung eines Freundes zu mir gekommen", sagt der Psychiater und Psychotherapeut.

Eine derartige Nichtdiagnose könnte aber vermieden werden, wenn eine Hinzuziehung eines Psychotherapeuten fix in den Behandlungsablauf aufgenommen werden würde, meint Stelzig.

Zahlreiche Studien belegen die mangelnde Diagnosestellung, etwa im stationären Bereich von allgemeinmedizinischen Krankenhäusern oder bei niedergelassenen Ärzten. Für Stelzig ein systemisches Problem: In der Turnus-Ausbildung sind auch nur zwei Monate für psychische Krankheiten vorgesehen. "Eine intensivere Beschäftigung mit psychischen Erkrankungen müsste Standard in der Ausbildung sein."

Die Nichtdiagnose psychischer Erkrankungen hat auch wirtschaftliche Folgen: "Mit einer konsequenten Behandlung könnten 35 Prozent der langfristigen Behandlungskosten eingespart werden", sagt Stelzig und verweist auf eine deutsche Studie von Manfred Zielke.

In der groß angelegten Versuchsreihe wurden 300 Patienten für sechs Wochen stationär behandelt. Eine ebenso große Vergleichsgruppe wurde nur beobachtet und nicht behandelt. Die Folgen nach einem Untersuchungszeitraum von drei Jahren: In der behandelten Gruppe sanken die Krankenhausaufenthalte um 50 Prozent, die Krankenstände wurden um 15 Prozent weniger und das Krankengeld um 20 Prozent.

Therapie auf Krankenschein

Weshalb Stelzig sich erneut für die altbekannte Forderung nach Psychotherapie auf Krankenschein starkmacht. "Obwohl das gesamtgesellschaftliche Einsparpotenzial durch psychosomatische Medizin durch zahlreiche Studien belegt ist, wehren sich Kassen und Gesundheitspolitik mit Händen und Füßen", kritisiert Stelzig. Derzeit würde auch eine vermehrte Diagnose von psychischen Erkrankungen keine große gesellschaftliche Besserung bringen, da sich viele Patienten die Behandlung schlichtweg nicht leisten könnten. (Stefanie Ruep, DER STANDARD, 13.12.2013)

  • Nach oft monate- oder jahrelangem Leiden finden Betroffene oft nur über Umwege in die psychische Behandlung.
    foto: apa/julian stratenschulte

    Nach oft monate- oder jahrelangem Leiden finden Betroffene oft nur über Umwege in die psychische Behandlung.

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