Lauschangriff auf die Redseligkeit eines Mörders

12. Dezember 2013, 18:06
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Der Schweizer Milo Rau ließ jene Rede verlesen, durch die der Norweger Anders B. Breivik seinen Mord an 77 Menschen zu rechtfertigen versuchte

Wien - Die Tonanlage in der Aula der Akademie der bildenden Künste rülpst. Die Schauspielerin (Sascha Ö. Soydan) hinter dem Pult versichert sich der Frische ihres Kaugummis. Es kann losgehen. Soydan liest emotionslos die Rechtfertigungsrede des Norwegers Anders B. Breivik. Breivik hatte zum Zeitpunkt seiner Selbstdarstellung acht Menschen in Oslo in die Luft gesprengt. 69 weitere hatte er auf Utøya erschossen.

Die rund 70-minütige Rede, gehalten vor dem Osloer Amtsgericht am 17. April 2012, blieb natürlich kein Geheimnis. Breiviks Untaten sollten vor dem Hintergrund seiner Weltanschauung ihr Alleinstellungsmerkmal verlieren. Indem er sich zum Angehörigen eines Heeres von Widerstandskämpfern erklärte, unterstellte er seinem Handeln Vernunft. Breivik beging seine Morde kaltblütig. Er versuchte dadurch die Diktatur von "Kulturmarxisten" und Liberalen zu schädigen. Beide Gruppen seien im Wesentlichen schuld am Zustandekommen des Multikulturalismus. Breivik sagt: "ich und all die anderen ..." In Wahrheit bleibt Breivik als Mörder mit bornierten Ansichten ziemlich allein.

Das Problem des Abends Breiviks Erklärung liegt auch gar nicht in der niederschmetternden Durchschnittlichkeit ihres "Helden". Der Mantel der Theorie, den dieser arische Ritter über seine verabscheuungswürdigen Taten breitete, ist viel zu kurz. Seine Erwägungen stiften keinen Sinn. Sie plappern ein bisschen empirisches Material nach. Sie schließen auf unzulässige Weise vom Einzelereignis auf das große Ganze. Breiviks Werkzeug ist die Plattitüde. Man weiß nicht, was ihm Menschen mit Migrationshintergrund angetan haben könnten. Man will es auch gar nicht wissen.

Im Kreis der Ratlosen

Der Schweizer Milo Rau, Erfinder und Regisseur der Performance Breiviks Erklärung, ist im Kreis der Ratlosen gerne dabei. Ihn habe die "Durchschnittlichkeit" dieses rassistischen Geredes interessiert. Seine Aufführung (plus Diskussion) ist ein Stück Theater wider Willen. Mit Händen und Füßen wehrt die Darbietung sich dagegen, als Kunstwerk wahrgenommen zu werden. Ihr ergeht es wie jedem sympathischen Heuchler. Man sieht sie gerne, und man glaubt ihr kein Wort.

Schon die Wahl des Aufführungsortes beschreibt das Dilemma. Die Räumlichkeiten des Theaters Garage X wurden verworfen. Die Akademie am Schillerplatz kann sich halt damit brüsten, Hitler einst die Tür gewiesen zu haben. Die Uraufführung von Breiviks Erklärung fand 2012 in Weimar statt. Dort floh man aus dem Nationaltheater in ein benachbartes Kino. Wen wundert es denn, dass der öffentliche Raum voller Einschreibungen ist? Rau erzählte auch, wie man sich andernorts über die Performance erheitert habe. Schlimmer noch: "Man braucht nur 20 Sätze aus der Rede herausnehmen, und es ist keine Breivik-Rede mehr." Will heißen: Das Gros der von Breivik vertretenen Thesen sei gängige Mehrheitsmeinung. Das erinnert nun aber an das maßlose Erstaunen derjenigen, die nicht glauben können, dass Hitler gerne Kuchen aß.

Umgekehrt wird ein Stiefel daraus. Vom Theater borgt Milo Rauch, der gelernte Dramaturg, sich den Rahmen. In diesen stellt er Breiviks Verlautbarungen. Dabei nimmt er gerne in Kauf, für die Unzulänglichkeiten der Breivik'schen Selbstrechtfertigung ästhetisch belobigt zu werden. Das "Theater als selbstreferenzieller Raum", wie Standard-Autor Robert Misik sagte, verhandelt gerne politische Themen. Von sich selbst hätte es dabei lieber abgesehen. Das macht letztlich auch Breiviks Erklärung zu einer langweiligen Angelegenheit. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 13.12.2013)

Die Produktion des International Institute of Political Murder war nur einmal in Wien zu sehen.

  • Emotionslose Darbietung: Sascha Ö. Soydan verlas in der Wiener Akademie der bildenden Künste die Rechtfertigungsrede des Osloer Massenmörders Anders B. Breivik.
    foto: thomas müller

    Emotionslose Darbietung: Sascha Ö. Soydan verlas in der Wiener Akademie der bildenden Künste die Rechtfertigungsrede des Osloer Massenmörders Anders B. Breivik.

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