Direktflug: Armenien-Türkei in 35 Minuten

Blog12. Dezember 2013, 16:27
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Nach vier Jahren Diplomatie-Pause kam der türkische Außenminister wieder zu Besuch nach Armenien. Ankaras Furcht vor einer Grenzöffnung hat auch ein türkisch-armenisches Geschäftsduo zu spüren bekommen: Ihr Projekt eines Direktflugs von Van nach Eriwan war dieses Jahr gescheitert.

"Ich möchte Ihnen dieses Flugzeug zeigen", sagt Arsen Ghasaryan. "Mit einer türkischen Fahne", fügt er hinzu. Geht zu einer Vitrine in seinem Büro und holt ein Flugzeugmodell heraus. Es ist eine der Turboprop-Maschinen von Borajet, einer privaten türkischen Fluggesellschaft, die vorwiegend von Ankara aus einige Provinzstädte bedient (und Nordzypern). Im April dieses Jahres hätte auch Van-Eriwan starten sollen. 35 Minuten Flug, 120 Dollar hin und zurück, erzählt Arsen Ghasarjan, Großspediteur und Chef des armenischen Unternehmerverbands UMBEA. Den Kooperationsvertrag unterschrieb er in seinem Büro in Eriwan mit Borajet-Eigentümer Yalcın Ayaşlı, am selben Tisch, an dem er nun das Flugzeugmodell in der Hand hält. "Alles war bereit, die Tickets für die ersten Flüge verkauft, dann sagte das türkische Außenministerium nein".

Zu geringes Interesse

Denn zwischen Van und Eriwan liegen weit mehr als die 212 Kilometer Luftlinie: unaufgearbeitete Geschichte, verbockte Diplomatie und eine gemeinsame Grenze, die die Türkei seit 20 Jahren geschlossen hält, zuerst aus Solidarität mit, später auch aus Abhängigkeit von Aserbaidschan und dessen Öl- und Gasreserven.

Dem türkischen Publikum ist im Frühjahr eine andere Geschichte über die Borajet-Flüge präsentiert worden. Das Interesse sei zu gering gewesen, erklärte etwa der Vize-Gouverneur der Provinz Van im Südosten der Türkei. Nur die Hälfte der 68 Tickets eines Flugs seien verkauft worden. Borajet hätte selbst die Entscheidung getroffen, hieß es.

"Türkische Business-Community ist wie wir"

Ghasarjan sieht das anders und verweist - wie auch die Tourismusagenturen in Van - auf Geschäftsinteressen in beiden Ländern, die eine direkte Flugverbindung zwischen den zwei Städten profitabel machen. Van gehört zum alten armenischen Siedlungsgebiet, die - vom türkischen Staat - restaurierte armenische Heilig-Kreuz-Kirche auf der Insel Akdamar im Van-See zieht auch viele Besucher aus Armenien oder der armenischen Diaspora an. 

Der Spediteur Ghasarjan geht es eher praktisch an. Er glaubt an die Geschäftsmöglichkeiten in einer Region, die wirtschaftlich einmal zusammengehört hat. "Die türkische Business-Community ist wie wir", sagt er, "sie machen bei ihrer Regierung Lobby für Geschäfte mit Armenien." Auf 215 Millionen Dollar soll sich 2012 der Handel zwischen den beiden Ländern belaufen haben, die keine diplomatischen Beziehungen mehr haben. Vor Ghasarjans Bürofenster am Stadtrand von Eriwan liegt der Umschlagplatz seines Speditionsunternehmens, den auch türkische Lastwagen benutzen; es ist Zollgebiet - Ghasarjan hat es arrangiert. 70 Kilometer ist die türkische Grenze entfernt, die Fahrer müssen trotzdem den langen Umweg über Georgien machen.

Keine Entschärfung in Sicht

Donnerstag war nun Ahmet Davutoglu in Eriwan - Regierungsdirektflug aus Ankara. Dem Grüppchen von protestierenden Nationalisten vor dem Mariott Hotel in Eriwan hat der türkische Außenminister gar nicht erst die Freude gemacht. "Stop Denial of the Armenian Genocide" oder "Stop Occupation of Armenian Lands" stand - praktischer Weise auf Englisch für die internationale Medienverarbeitung - auf Schildern von Anhängern der Daschnak-Partei und Mitgliedern von Studentengruppen, die Ahmet Davutoglu in der armenischen Hauptstadt in Empfang nehmen wollten. Der türkische Außenminister soll durch einen Hintereingang das Hotel betreten haben, schüttelte kurz die Hand seines armenischen Kollegen Eduard Nalbandian und nahm dann an der Sitzung der BSEC teil. Erster Besuch eines hohen türkischen Regierungsvertreters nach dem Debakel der Zürich-Protokolle von 2009, als Davutoglu erst die Normalisierung der Beziehungen zwischen der Türkei und Armenien unterschrieb und dann - auf Druck Aserbaidschans - neue Bedingungen nachlieferte: erst Fortschritt bei den Verhandlungen um eine Beilegung des Karabachkonflikts zwischen Armenien und Aserbaidschan, dann Grenzöffnung.

"Ich glaube nicht, dass dieses Problem gelöst wird, so lange Erdogan an der Macht ist. Und so, wie ich die Türkei kenne, wird er lange an der Macht sein", sagt Arsen Ghasarjan. Die Idee mit der Flugverbindung nach Van will er aber nicht aufgeben: "Ich versuche es im nächsten Frühjahr wieder." (Markus Bernath, derStandard.at, 12.12.2013)

  • Der armenische Unternehmer Arsen Ghasarjan und die Turboprop-Maschine von Borajet. Nächstes Frühjahr will er mit türkischen Partnern einen neuen Anlauf für einen Direktflug zwischen Eriwan und Van im Südosten der Türkei machen.
    foto: standard/bernath

    Der armenische Unternehmer Arsen Ghasarjan und die Turboprop-Maschine von Borajet. Nächstes Frühjahr will er mit türkischen Partnern einen neuen Anlauf für einen Direktflug zwischen Eriwan und Van im Südosten der Türkei machen.

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