Wenn das Kind nicht trocken wird

12. Dezember 2013, 17:00
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Zehn Prozent aller Siebenjährigen bettnässen: Zwei Experten über die Ursachen und wie geholfen werden kann

Wien – Es ist ein großer Schritt in der Entwicklung eines Kindes: Die Windeln sind weg, die Hose bleibt trocken. Aber manchmal wird das Bett plötzlich wieder nass, und das häufig wieder im Alter von etwa fünf Jahren - manchmal sogar zweimal pro Nacht. Das kann zermürben. Dabei gibt es professionelle Hilfe. "Es ist leider ein Tabuthema. Eltern reden nicht gerne darüber", sagt Alexander Springer, Kinderurologe in der Abteilung für Kinderchirurgie am Wiener AKH und Mitorganisator eines Kongresses über Inkontinenz im Kindesalter, der gerade in Wien stattgefunden hat.

"Ist das Bett jede Nacht nass, wird das für alle Beteiligten zur Belastung. Vor allem auch für ältere Kinder", sagt der Mediziner. "Wenn ein Kind mit fünf oder sechs Jahren immer noch ins Bett macht, sollte der Grund dafür gesucht werden", empfiehlt Ursula Wenninger, Kinderärztin im St.-Anna-Kinderspital. Das Problem kennen gar nicht so wenig Familien: Mindestens 60.000 Kinder sollen in Österreich betroffen sein, lauten die Schätzungen. So leiden etwa zehn Prozent aller Siebenjährigen darunter.

Zu viel Harn

Warum Kinder ihren Harn nachts nicht halten können, erklärt Springer unter anderem damit, dass es "wohl daran liegt, dass sich die Schlaffunktion im Gehirn nicht gleichzeitig mit der Blasenfunktion entwickelt hat." Oft werde in der Nacht "zu viel Harn produziert. Und die Kinder schlafen zu tief." Auch eine genetische Komponente gibt es, sagt er. Kinderärztin Wenninger spricht von einem "sehr komplexen Problem". Ob es auch psychische Ursachen haben könnte? "Natürlich kann das auch der Fall sein, etwa stressbedingt. Kinder müssen ja viel verarbeiten, dann kann es passieren, dass sie in der Nacht sozusagen loslassen", sagt die Ärztin. Oft müsse man bei Symptomen beginnen, "welche die Eltern gar nicht erkennen". Manchmal sei beispielweise der Tag nämlich "das Problem. So kann die Ursache fürs Bettnässen in der Verdauung liegen – viele Kinder sind verstopft‘. Oder aber die Blase hat sich daran gewöhnt, schon bei den kleinsten Mengen, geleert zu werden, weil die Kinder am Tag ständig auf die Toilette laufen".

Helfende "Klingelhose"

Aber was können die Eltern tun? "Zuerst sollte man schauen, dass das Kind abends weniger trinkt und dann auch brav aufs Klo geht", sagt Kinderurologe Springer. Wenn das nichts nützt, könnten auch Medikamente helfen, welche die Harnproduktion in der Nacht drosseln: "Sie wirken sehr gut. Das einzige, was man beachten muss, ist, dass die Kinder dann nicht so viel abends trinken, wenn das Medikament eingenommen wird." Im AKH werden die Familien vor diesem Schritt aber aufgefordert, "ein Harnprotokoll über ein oder zwei Wochenenden zu führen – also wann trinkt das Kind und wann geht es aufs Klo. Auch die Harnmenge wird gemessen". Eine andere Methode ist die so genannte "Klingelhose", die eigentlich gar keine Hose ist, sondern ein Sensor, der im Bett versteckt wird. Er surrt, sobald die Unterlage nass wird. Das Kind wacht von diesem Geräusch auf. "Mit der Zeit lernt das Gehirn dadurch mit, dass es bei einer vollen Blase das Programm 'Aufwachen!' einschalten soll", erklärt Springer. Was gar nicht geht, sagt Wenninger: "Schimpfen darf man mit den Kindern sicher nicht. Sie können ja nichts dafür." (Peter Mayr, derStandard.at, 12.12.2013)

  • "Ist das Bett jede Nacht nass, wird das für alle Beteiligten zur Belastung. Vor allem auch für ältere Kinder", sagt der Kinderurologe Alexander Springer.

    "Ist das Bett jede Nacht nass, wird das für alle Beteiligten zur Belastung. Vor allem auch für ältere Kinder", sagt der Kinderurologe Alexander Springer.

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