"Söllan schaffa go wia alli andra"

Reportage12. Dezember 2013, 15:05
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Arbeitskampf in Vorarlberg: Schüler und Lehrer mit Trillerpfeifen für bessere Bildung - Österreichweit demonstrierten Tausende

Dornbirn –  Da waren selbst die Veranstalter überrascht: Trotz Temperaturen unter null gingen am Donnerstag Tausende in Dornbirn auf die Straße, um für eine bessere Bildungspolitik zu demonstrieren. Am Vormittag hatte die Sozialistische Jugend zur Protestkundgebung aufgerufen, am Mittag schlossen sich die Lehrergewerkschaften an. Rund 3500 kamen.

Der Boykott der ÖVP-nahen Schülerunion nützte wenig, rund 1500 Schülerinnen und Schüler protestierten lautstark gegen die "unausgegorene Zentralmatura" und forderten mehr Geld für Bildung. "Auch wenn das Ganze in diesem österreichischen Staat eh nix bringt", wie bibbernde Jugendliche zu derStandard.at sagten. Warum streiken sie dann, nur wegen schulfrei? "Nein, wer heute nicht dabei ist, der hat kein Recht, später zu schimpfen. Man muss alles versuchen", erklärte ein Gymnasiast.

"Wenn die Gewerkschaft es will, stehen alle Räder still", wandelte Eugen Lampert, Vorsitzender der Gewerkschaft Öffentlicher Dienst (GÖD) in Vorarlberg, den Text des alten Arbeiterkampflieds ab und verwies auf den Stau auf der Stadtstraße. Eine Stunde nach den Schülerinnen und Schülern legte der Protestzug der Lehrerinnen und Lehrer höherer Schulen den Verkehr auf der Dornbirner Hauptverkehrsstraße erneut lahm. Rund 2000 waren gekommen, um gegen das neue Lehrerdienstrecht und für eine bessere Bildungspolitik mit Transparenten und Trillerpfeifen zu demonstrieren. Nicht zur Freude aller Passanten: "Söllan schaffa go  wia alli andra" (Anm.: Sollen arbeiten wie alle anderen), war mehrmals zu hören.

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"Stellen- und Bildungsabbau" betreibe die Regierung mit dem neuen Dienstrecht, kritisierte Gerhard Rüdisser, Obmann der Unabhängigen Bildungsgewerkschaft, die den Lehrerstreik durch Druck auf die GÖD initiiert hatte. Das neue Dienstrecht sei irreparabel, "wir fordern einen Neustart". Eine grundsätzliche Reform wie die gemeinsame Schule würde sich mit diesem Dienstrecht nicht spielen, sagte Rüdisser. Nachdenken über ein neues Bildungssystem forderten weitere Gewerkschaftsvertreter ein, und immer wieder wurde Kritik am Sparkurs der Regierung laut.

Kein gutes Standing hat bei den Lehrern Ministerin Gabriele Heinisch-Hosek. Kaum wurde ihr Name erwähnt, folgten Buhrufe und Pfeifkonzerte. Ihre Bemerkung, das neue Dienstrecht ermögliche den Lehrern, mehr bei den Kindern zu sein, wurde von Lehrergewerkschafter Robert Lorenz zerpflückt: "Wir werden nicht mehr bei den Schülern sein, sondern bei mehr Schülern. Also weniger bei den Schülern." Dass Heinisch-Hosek die neue Unterrichtsministerin wird, war während der Demonstration noch nicht bekannt.

Alltag einer Junglehrerin

Wie der Arbeitsalltag einer Junglehrerin aussieht, schilderte Martina Netzer, die im ersten Dienstjahr Englisch und Deutsch unterrichtet. Sie habe einen Fulltimejob, sagte die junge Pädagogin. Dass künftig Lehrende neben einer 24-Stundenverpflichtung auch noch bei Kollegen hospitieren, verpflichtende Kurse und nebenbei die Masterausbildung abschließen sollten, sei grotesk. „Eine massive Überforderung, eine Zumutung und Verheizung von Junglehrern" nannte Netzer das neue Dienstrecht. Netzer über ihre aktuellen Arbeitsbedingungen: "Ich habe eine Unterstufen- und vier Oberstufenklassen. Ich stehe 18 Stunden im Klassenzimmer, wenn ich Vor- und Nachbereitung, die Korrekturen dazuzähle, komme ich auf 45 bis 50 Wochenarbeitsstunden." Noch mehr Klassen würden die Zeit für die einzelnen Schülerinnen und Schüler dramatisch reduzieren. "Das geht auch nicht mit der größten Motivation", sagte Netzer unter Applaus.

Frenetischen Applaus bekam auch ein junger Mann. Florian Keller, Landessekretär der Sozialistischen Jugend, rief zum "gemeinsamen Kampf von Schülern und Lehrern auf". Das Schülerplenum berate über weitere Kampfmaßnahmen, ließ er wissen. Und auch die Vorarlberger Pflichtschullehrer hielten sich nicht zurück. Ihre Dienststellenversammlungen begannen um 16 Uhr. (Jutta Berger, derStandard.at, 12.12.2013)

Tausende demonstrierten österreichweit

Nicht nur in Wien wurde protestiert. Österreichweit Tausende Schüler sind am Donnerstag dem Aufruf linker Jugendorganisationen gefolgt und gegen die Zentralmatura auf die Straße gegangen. In Wien demonstrierten 4.000 (Polizei) bzw. 5.000 (Organisatoren) Personen. Auch in Salzburg (bis zu 1.500 Schüler), Linz (3.000 bzw. 12.000 Teilnehmer), Innsbruck (lt. Polizei 900), Dornbirn (1.500 bzw. 2.500) und Klagenfurt (300) gab es Proteste.

"Red Revolution"

Bei der von Aktion Kritischer SchülerInnen (AKS), "Red Revolution", Sozialistischer Linkspartei (SLP) und "Funke" organisierten Veranstaltung in Wien zogen Schüler mit Pfeif- und Kreischkonzert und einzelnen Böllerschüssen vom Parlament zum Bundeskanzleramt, wo gerade die abschließenden Verhandlungen zwischen SPÖ und ÖVP zum Koalitionspakt liefen. Die SJ sah in den Demonstrationen laut einer Aussendung ein "klares Zeichen für notwendige Reformen". (APA, 12.12.2013)

  • Lehrer und Schüler demonstrierten in Vorarlberg. 
 
    foto: jutta berger

    Lehrer und Schüler demonstrierten in Vorarlberg.

     

  • In Wien demonstrierten Schüler auf der Wiener Ringstraße vor dem Parlament gegen das Benotungssystem der Zentralmatura
    foto: apa/schlager

    In Wien demonstrierten Schüler auf der Wiener Ringstraße vor dem Parlament gegen das Benotungssystem der Zentralmatura

  • Das Bundeskanzleramt am Wiener Ballhausplatz wurde von der Polizei abgeschirmt
 
    foto: apa/schlager

    Das Bundeskanzleramt am Wiener Ballhausplatz wurde von der Polizei abgeschirmt

     

  • Nicht nur für die Polizei war der Donnerstag Großkampftag. Die Müllabfuhr musste nach der Demo ausrücken, um den Ballhausplatz wieder zu säubern
    foto: apa/schlager

    Nicht nur für die Polizei war der Donnerstag Großkampftag. Die Müllabfuhr musste nach der Demo ausrücken, um den Ballhausplatz wieder zu säubern

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