Jung, muslimisch, europäisch

Interview13. Dezember 2013, 05:30
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Über Herausforderungen der muslimischen Jugend in Europa spricht die Aktivistin Hajar Al-Kaddo

"European to the core", so sieht sich Hajar Al-Kaddo. Die in Irland aufgewachsene Engländerin interessiert sich für alles, was "europäisch" und "grün" ist. Nach einigen Jahren in der Jugendarbeit arbeitet sie nun im Wohltätigkeitssektor. Al-Kaddo ist Vorstandsmitglied der muslimischen Jugendorganisation FEMYSO und  setzt sich für die Partizipation muslimischer Jugendlicher europaweit ein. Über die Rolle, die Werte, Probleme und Chancen der jungen muslimischen Europäern sprach mit ihr Nermin Ismail.

daStandard.at: FEMYSO steht für Forum europäisch- muslimischer Jugend- und Studentenorganisationen und wurde 1996 nach einer Konferenz zum Thema "Islam in Europa" in Schweden gegründet. Wie ist  FEMYSO heute, 18 Jahre später, aufgestellt.

Hajar Al-Kaddo: FEMYSO ist die einzige Organisation die auf europäischer Ebene die muslimische Jugend vertritt. Wir sind davon überzeugt, dass die muslimische Jugend eine besondere Rolle in Europa hat, durch ihren Beitrag in der Wissenschaft, in den Medien, in der Politik und im Umwelt- und in anderen Bereichen. Wir haben bisher hunderte muslimische Jugendliche ausgebildet, all diese Fähigkeiten zu nutzen, um ihre eigenen kreativen Ideen zu entwickeln.

daStandard.at: Können Sie konkretere Beispiele für eines ihrer Projekte nennen?

Al-Kaddo: Derzeit läuft die Kampagne "Green up my community". Dieses Projekt soll junge Muslime inspirieren einen klaren Blick auf ihren Konsumbedarf und die Auswirkungen auf die Umwelt und die wirtschaftliche Gerechtigkeit zu werfen. Sie sollen erkennen, dass ihre tagtäglichen Entscheidungen anderswo auf der Welt einen großen Einfluss haben. Die Kampagne läuft bereits in neun europäischen Ländern. Ihr Ziel ist es muslimische Gemeinden und Moscheen umweltbewusster zu erziehen, sie auf Recyclinganlagen, Fair-Trade-Produkten aufmerksam zu machen. Ein weiteres Ziel ist es, die Jugend über den Umweltschutz aufzuklären und ein Bewusstsein darüber zu schaffen, dass eine kleine Veränderung in unsere Gesellschaft eine positive Auswirkung auf unsere gesamte Umwelt haben kann.

daStandard.at: Wie würden Sie die Rolle der muslimischen Jugend in Europa beschreiben? Unterscheidet sie sich von einem Land zum anderen?

Al-Kaddo: Ich bin der Meinung, dass das Wohlwollen, die Bescheidenheit, die Ehrlichkeit positive und kraftvolle Werte sind und unserem Handeln zugrunde liegen sollten. Leider verhalten wir uns nicht immer diesen Werten entsprechend, aber im Herzen unseres Glaubens ist es unser Wunsch, bessere Menschen zu werden, gut zu anderen zu sein und Spitzenleistungen in allem was wir machen zu erreichen.  Mit diesen Eigenschaften kann die muslimische Jugend einen sehr positiven Beitrag in Europa leisten.

daStandard.at: Worin sehen Sie die größten Herausforderungen der muslimischen Jugend in Europa?

Al-Kaddo: Aus meiner Sicht ist die größte Herausforderung ihre eigenen Werte zu leben und ihr Potenzial trotz sozialer und wirtschaftlicher Hindernisse voll auszuschöpfen. Die Klarheit über unsere Werte zu behalten und unser Handeln täglich zu verbessern, das ist der ständige Kampf. Das ist die gemeinsame Herausforderung aller Menschen. Aber wir haben auch soziale, politische und wirtschaftliche Herausforderungen, der sich viele muslimische Gemeinden heutzutage stellen müssen  - niedriger Bildungsstand, Rassismus, Islamophobie, Einschränkungen der Religionsfreiheit - all das sind Realitäten. Gleichzeitig beschäftigen sie die Fragen, die alle Jugendlichen beschäftigen: welchen Weg sie gehen sollen, damit sie ihre Wünsche verwirklichen können, einen sicheren Arbeitsplatz zu finden usw.

daStandard.at: Gibt es nicht auch spezifische Probleme, mit denen Muslime in Europäer stärker konfrontiert sind. Beispielsweise in der Politik, wenn es um rechte Parteien geht?

Al-Kaddo: Vor Kurzem haben wir einen Bericht über den rechtsextremen antimuslimischen Diskurs basierend auf Forschungsinterviews mit Jugendlichen aus sechs verschiedenen europäischen Ländern veröffentlicht. Diese Forschungsinitiative löste eine Debatte über den Aufstieg der Rechtsextremisten mit den europäischen Institutionen aus. Außerdem ist deutlich geworden, welch negative Auswirkungen rechtsextreme Politik auf das Wohlbefinden, die Integration und die Identität der europäischen muslimischen Jugendlichen hat.

daStandard.at: Woran liegt es denn, Ihrer Ansicht nach, dass es immer noch so viele Vorurteile gegenüber der muslimischen Bevölkerung in Europa gibt?

Al-Kaddo: Die Vorurteile und die negativen Bilder, die sich einige Menschen über Muslime bilden liegen oftmals daran, dass sie noch nie in ihrem Leben einen Muslim getroffen haben. Sie beziehen sich oft nur auf Informationen aus zweiter Hand. Um einen gesellschaftlichen Zusammenhalt zu schaffen müssen wir aktiv daran arbeiten Räume für Menschen mit unterschiedlicher Herkunft und Religion zu schaffen, damit sie sich gegenseitig kennenlernen und miteinander arbeiten.

daStandard.at: Was muss getan werden um ein friedliches Zusammenleben in Europa zu erreichen?

Al-Kaddo: Wir müssen selbstkritischer werden und unsere Werte mehr reflektierenden -  Europa ist ein Kontinent, in dem wir stolz auf unsere fortschrittlichen Werte, Freiheiten, Demokratien und Menschenrechte sind. Wir müssen reflektieren, ob wir diese Werte leben und ob alle Gruppen in der Gesellschaft diese Rechte genießen. Wir sollten Polarisierungen und tiefgehende Ungleichheiten aus dem Weg gehen - egal ob wirtschaftlich, sozial, kulturell oder religiös. Vor allem jedoch sollten wir den politischen Missbrauch von Differenzen vermeiden, der zu einer Abspaltung der Gesellschaft führen kann. (Nermin Ismail, 13.12.2013, daStandard.at)

Hajar Al- Kaddo ist 1986 in England geboren. Sie ist in Irland aufgewachsen und hat dort zuerst Chemie dann Energie- und Umwelttechnologie studiert. Seit 2007 ist sie Vorstandsmitglied von FEMYSO.

Links:

www.letsgreenup.org

Femyso auf Twitter

 

  • "Aus meiner Sicht ist die größte Herausforderung ihre eigenen Werte zu leben und ihr Potenzial trotz sozialer und wirtschaftlicher Hindernisse voll auszuschöpfen", sagt Hajar Al- Kaddo über die Herausforderungen für die jungen Muslime in Europa.
    foto: femyso

    "Aus meiner Sicht ist die größte Herausforderung ihre eigenen Werte zu leben und ihr Potenzial trotz sozialer und wirtschaftlicher Hindernisse voll auszuschöpfen", sagt Hajar Al- Kaddo über die Herausforderungen für die jungen Muslime in Europa.

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