Punsch: "Der reinste Griff in die Blackbox"

11. Dezember 2013, 15:25
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Bei genauer Kenntnis der Inhaltstoffe in Punsch und Glühwein könnte Konsumenten der Appetit vergehen

Einen "Anschlag auf die Figur" nennt Adventmarktbesucher Markus B. die Vorweihnachtszeit. Kekse, Christstollen und Weihnachtsmänner aus Schokolade gehören da einfach dazu - ebenso heißer Punsch und Glühwein. Dass die Weihnachtsgetränke viel Alkohol und Kalorien beinhalten, ist den meisten bekannt. Was genau in den bunten Bechern steckt, weiß der Konsument allerdings nicht so genau. Experten fordern daher eine genaue Kennzeichnung der Inhaltsstoffe.

"So ein Punsch ist ja der reinste Griff in die Blackbox", sagt Michael Musalek, Institutsvorstand am Anton Proksch Institut und Präsident des Vereins "Alkohol ohne Schatten" am Mittwoch bei einem Pressegespräch in Wien. Welcher Alkohol genau für Punsch verwendet wird, ist oft unklar. Ebenso, wie viel Zucker enthalten ist. Musalek wünscht sich daher von der Politik eine gesetzliche Ausschilderungspflicht der Inhaltsstoffe. Die Konsumenten an den zahlreichen Adventmärkten sollen so einen besseren Überblick über ihren Alkohol- und Zuckerkonsum bekommen.

Immerhin leiden in Österreich rund 600.000 Menschen an Diabetes, eine Million Menschen hat ein Alkoholproblem.  Mehr Information unterstütze einen kompetenteren Umgang mit zucker- und alkoholhaltigen Getränken, sagt Musalek. Vor allem im Spätherbst und vor Weihnachten erlebt der Suchtexperte Jahr für Jahr eine Häufung an Alkoholrückfällen.

"Dann schmeckt's niemanden mehr"

Dass ihren Kunden bei der Kenntnis der genauen Inhaltsstoffe allerdings der Appetit vergehen könnte, befürchtet U. Lehner, Mitbesitzerin eines Punschstandes am Christkindlmarkt am Wiener Rathausplatz. "Wenn die Leute die Zutaten genau analysieren, dann schmeckt's ihnen vielleicht nicht mehr", sagt sie. Traditionell habe ihr Stand immer weniger süßen Punsch angeboten, in diesem Jahr sei ihr das jedoch durch die Marktleitung verboten worden. Begründung: die Qualität der Getränke solle so gehoben werden. "Mir wäre es aber eigentlich lieber, wenn der Punsch nicht so süß wäre", bemerkt Kunde Ersin.

Ein paar Stände weiter erklärt ein Punschverkäufer, dass er seinen Besuchern auf Anfrage gerne über den Alkoholgehalt seiner Getränke Bescheid gibt. 7,5 Prozent Alkohol beinhalte der Punsch, zehn Prozent der Glühwein. Wie viel Zucker und Kalorien pro Becher in seinen Produkten steckt, kann der Verkäufer nicht sagen.

Dabei ist neben dem hohen Alkoholgehalt - schon ein Becher hebt den Alkoholspiegel auf 0,2 bis 0,4 Promille - vor allem der übermäßig hohe Zuckeranteil der Getränke im Blickpunkt der Kritik. Der süße Geschmack verleitet dazu, mehr zu trinken. Für die Herstellung von einem Liter Glühwein werden häufig rund 300 Gramm Zucker verwendet.  Das schlägt sich mit 200 bis zu 400 Kilo-Kalorien pro Becher zu Buche.

Achterbahnfahrt für Blutzucker

"Die eingesetzten Mono- und Disaccharide (Einfach- und Zweifachzucker, Anm. Red.) gelangen rasch ins Blut",  erklärt Bernhard Ludvik, Facharzt für Innere Medizin, Endokrinologie und Stoffwechsel am Wiener AKH, "und sorgen für einen schnellen Blutzuckeranstieg". Durch den raschen Anstieg und den darauf folgenden Abfall des Blutzuckers entsteht ein Hungergefühl, das häufig durch fettreiche Speisen bekämpft wird. Das Punschhäferl und der Langos - eine  traditionelle, aber schlechte Kombination: Der Blutfettspiegel steigt, der Alkohol hindert die Leber am Fettabbau, das Fett reichert sich in der Leber an. Wird häufig viel Alkohol getrunken und fett gegessen, droht mit der Zeit eine Fettleber.

Zum akuten Problem kann Wirkung von Punsch und Glühwein für Diabetiker werden: Steigt der Blutzucker rasch an und fällt dann ebenso schnell wieder ab, droht eine Hypoglykämie (Unterzuckerung, Anm.Red.), die zum Verlust des Bewusstseins führen kann. "Wenn Diabetiker trotzdem unbedingt einen Becher Punsch trinken wollen, dann sollen sie ihn ganz bewusst genießen", rät Ludvik. Eine Angabe der Kalorien oder Broteinheiten wäre für Zuckerkranke da eine Hilfe. Das hält ein Punschverkäufer für nicht zielführend: "Ich sage immer dazu, dass unsere Produkte für Diabetiker gar nicht geeignet sind".

Desinteresse beim Käufer

Dass eine Ausschilderung den Punsch- und Glühweinkonsum mäßigen würde, glaubt ein älteres Ehepaar, das den Adventmarkt am Rathausplatz jedes Jahr besucht, nicht. "Ich denke, die Menschen würden das gar nicht lesen. Im Supermarkt achtet ja auch kaum jemand auf das Kleingedruckte auf den Packungen", sagt der Pensionist, der sich seine Finger an einem Becher Glühwein wärmt. Ähnlich sieht das auch Ersin. Er arbeitet den ganzen Tag im Freien und hat schon seine Stammplätze, an denen er sich mehrmals täglich mit einem Punsch aufwärmt.

"Ich weiß, dass da viel Zucker und Kalorien drinnen stecken. Aber die genaue Zusammensetzung und der Alkoholgehalt interessieren mich nicht", sagt er. Hauptsache, das Getränkt wärmt ihn. "Ein Irrtum", erklärt Ludvik. Ethanol erweitert die Blutgefäße, dadurch entsteht zunächst ein Wärmegefühl. Durch die geförderte Durchblutung gibt der Körper die Wärme aber schneller an die Umgebung ab, es friert einen stärker.

Dass Ersin mehrmals täglich zum alkoholischen Punsch greift, hat für ihn mit sozialem Druck zu tun. "Dass das alkoholfreie Getränk 'Kinderpunsch' heißt, impliziert, dass man zum Kind wird, wenn man keinen Alkohol trinkt", kritisiert Suchtexperte Musalek. "Es wäre mir schon peinlich, einen Kinderpunsch zu bestellen", sagt Ersin.

Zeit der Völlerei

Dass er bei allen Gefahren, die der übermäßige Punsch- und Glühweinkonsum mit sich bringe, die vorweihnachtlichen Getränke nicht grundsätzlich verteufeln wolle, betont Ludvik. Leider hätten jedoch viele den maß- und genussvollen Umgang mit Alkohol verlernt, ergänzt Musalek. Dass die Vorweihnachtszeit für einige als Schlemmerei-Marathon angesehen wird, bestätigt Barbara Degn, Allgemeinmedizinerin in Wien und Vorstandsmitglied der Österreichischen Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin: "Leute, die mit grauenhaften Blutwerten in meine Praxis kommen, nehmen das zu dieser Jahreszeit lächelnd in Kauf".

„Es stimmt, man isst in der Vorweihnachtszeit ohnehin so viel Zucker", sagt eine Jugendliche, die gemeinsam mit Freundinnen durch den Adventmarkt schlendert. Da sei die genaue Angabe des Zuckergehalts im Punsch nicht so wichtig: "Das ist dann eh schon egal". (Sarah Dyduch, derStandard.at, 11.12.2013)

  • Zusammensetzung und Alkoholgehalt im Punsch interessieren viele Kunden nicht.
    foto: apa/herbert neubauer

    Zusammensetzung und Alkoholgehalt im Punsch interessieren viele Kunden nicht.

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