Ganz anders in Österreich?

Glosse11. Dezember 2013, 12:51
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Meine letzte Kolumne mit dem Titel "Anders in Kroatien" hat ein kleines Missverständnis aufgedeckt. Einige Leser glauben, ich sei Journalist, würde aber nicht objektiv berichten. Hier die kurze Richtigstellung: Ich bin kein Journalist, ich bin ein Autor.

Meine Kolumne ist keine objektive Berichterstattung sondern ein subjektiver, kommentierender Blick aus dem hofseitigen Fenster. Die Meisten meiner Texte sind ein manchmal besser, manchmal schlechter gelingender Versuch von Literatur. Und eben manchmal auch Meinungsäußerung. Punkt.

Was ist "anatürlich" ?

"Wenn es gut ausgestaltet ist, dann sollten die Pflegekinder besser ins Heim als zu einem homosexuellen Paar. Gleichgeschlechtliche Elternschaft ist anatürlich." Fast wörtlich schrieb ich dieses Zitat in meiner letzten Kolumne. Doch diesmal zitiere ich nicht die Kroatin Željka Markić, sondern den Österreicher Wendelin Mölzer aus einem Interview mit dem Standard vom 14. November 2013.

Nun ist Wendelin Mölzer keineswegs das, was mein Kumpel Josip im fernen Australien als "Katholiban" bezeichnet. Wendelin ist der Sohn von Andreas Mölzer und wie sein Vater FPÖ-Politiker und Journalist. Also "Urgestein" der Freiheitlichen Partei Österreichs. Doch offenbar deckt sich das Bild von Wendelin und Željka in diesem Punkt. Mölzer Junior und Markić sind der Meinung, dass ein Kind natürliche Liebe und natürliche menschliche Wärme von homosexuellen Paaren nicht bekommen kann.

Wohl weil bereits Homosexualität per se eben "anatürlich" sei. Zum Kotzen!

Die Sache mit den Eierstöcken

Es ist nur kurze zwanzig-plus Jährchen her, da diskutierte man auch in Österreich, ob Frauen am olympischen Marathon teilnehmen dürfen. Zum Besten der Frauen, selbstverständlich, hatte man damals doch Angst, den Frauchen würden beim längeren Laufen womöglich die Eierstöcke aus der Mumu fallen.

Heute haben wir in Wien ein Dialogzentrum, ausgedacht und finanziert von Saudi Arabien und laut Frau Claudia Bandion-Ortner "eine wunderbare Chance für Österreich, sich als Gastgeberland für den Dialog zu positionieren" (Wiener Zeitung, 21. 11. 2012).Ein Jahr später, am 15.11.2013 lese ich im Profil, dass Frau Bandion-Ortner über eine Sprecherin ausrichten lässt, das Fahrverbot für Frauen in Saudi Arabien sei kein Thema für einen Dialog im Dialogzentrum, man widme sich dieses Jahr dem Bild der Religionen im Schulunterricht. Warum auch nicht? Schließlich ist es wissenschaftlich erwiesen, dass die Körperhaltung beim Autolenken den Eierstöcken der Frauchen nicht bekommt "und bei ihren Kindern klinische Probleme hervorrufen kann". Zumindest im Universum des Scheich Saleh bin Saad al-Lohaidan, dem Rechtsberater eines Psychologen-Verbandes in der Golf-Region. (Standard 1. 10 .2013) Was soll es da noch für Dialog geben?

Ich könnte nun Frau Bandion-Ortner Fragen, wie sie als ehemalige Justizministerin einer Republik mit säkularer, laizistischer und humanistischer Verfassung jemandes handlangende Dienste für eine notorische Nichtdemokratie beurteilt. Ich könnte sie auch fragen, wie sie als Frau über dieselbe notorische Nichtdemokratie denkt, die den Dialog mit der weiblichen Bevölkerungshälfte mittels Knute zu führen pflegt und diesen Knutendialog mit allen Frauen auf dem Planeten als wünschenswerten Zustand empfindet. Und vor allem könnte ich fragen, was sie von Frauen hält, die sich von solchen Leuten das politische Ausgedinge mitfinanzieren lassen. All das und noch viel mehr könnte ich Frau Bandion-Ortner fragen, aber ich kann nicht.

Weil ich erst mal speib´n gehen muss.

Anders woanders

Richte ich meinen Blick auf den Rest meiner explodierten Heimat, wie es ein(e) Leser(in) fordert, dann komme ich vom Reihern gar nimmer zurück.

In Serbien veranstaltet die Orthodoxe Kirche "Entschwulungstherapien", während sich Vladika (Bischof) Kacavenda mit jungen Männern im Bett wälzt  und patriotisch-faschistische Mobs Homosexuelle mit Latten durch Belgrad jagen. In Montenegro muss man nicht einmal an einer Gay Pride Parade teilnehmen, um dem Tod ins Auge zu blicken. Es genügt zu versuchen eine Bürgerinitiative für die Rechte homosexueller Mitbürger zu gründen. In Bosnien gelingt es den Vertretern der drei Religionsgemeinschaften des Landes, die in den Schulbuchgremien sitzen, immer wieder, Homosexualität als des schwarzen Sheitans Werk in die Köpfe von Schulkindern zu trichtern. Zu Mazedonien und dem Kosovo fehlt mir schlicht die Kraft, einen Blick auf den Stand der Dinge zu Frauenrechten und den Rechten der ethnischen und sexuellen Minderheiten zu werfen. Slowenien ist ethnisch (fast) homogen aber katholisch genug um dieselbe Homophobie wie in Österreich, zur Grundlage politischer Handlungen zu setzen, die eine Gleichstellung der Rechte von Homosexuellen mit der Heterosexuellen Bevölkerung verhindern.

Habe ich etwas vergessen?

Dass die Partei von Papa und Sohn Mölzer seit Übervater Haiders "Putsch gegen Steger" so gut wie nie eine Volksbefragung gefordert hat, die sich nicht gegen eine Minderheit gerichtet hat? Dass Haider, genauso wie die Buchstabenkrieger von Vukovar, höchste demokratische Gremien ignoriert und, je nach Bedarf, auch spitzbübisch genasführt hat, als es um zweisprachige Ortstafeln in Kärnten ging?

Dass Kardinal Schönborn sich als Proponent des "Intelligent Design" in die Reihen jener gestellt hat, die Kindern in der Schule blanken Unsinn als Wissenschaft servieren wollen? Dass ein Arzt, der öffentlich auslabert, zu viel Sport sei für Mädchen schädlich, gerade noch als was-weiß-ich-wofür-Sprecher für die Vertretung einer Religionsgemeinschaft verhindert werden konnte?

Nein! All das habe ich nicht vergessen. Was ich jedoch vergessen habe ist die Antwort auf das dummdreiste Pseudoargument, es sei woanders doch auch nicht besser als in Kroatien. Und hier ist meine Antwort: Im fortschreitenden 21. Jahrhundert wäre es verdammt Zeit, dafür zu sorgen, dass das Anderssein kein Anlass für Unterdrückung, Verfolgung und Ermordung ist. Oder für ein faschistoides Referendum in Kroatien. (11.12.2013, daStandard.at)

  • Anders in Deutschland. Zwei als Soldaten verkleidete Männer küssen sich auf dem Christopher Street Day (CSD) am 20.07.2013 in Frankfurt am Main.
    foto: dpa/fredrik von erichsen

    Anders in Deutschland. Zwei als Soldaten verkleidete Männer küssen sich auf dem Christopher Street Day (CSD) am 20.07.2013 in Frankfurt am Main.

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