"Wir leben hier in einem offenen Gefängnis"

Interview13. Dezember 2013, 08:38
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Die junge Aktivistin Shazia Khan gehört zur Minderheit der Hazara - Anschläge, Entführungen und Gewalt gehören zu ihrem Alltag

Der Arbeitstag von Shazia Khan endet immer gleich. Sie ruft ihre Mutter an: "Ich lebe noch", sagt sie lapidar, als würde sie nur schnell Bescheid geben, dass sie auf dem Weg ist. Das gleiche machen ihre sechs Geschwister. Seit Shazia mit zehn Jahren ihren ältesten Bruder - damals selbst noch ein Kind - bei einem Anschlag in ihrer Heimatstadt Quetta verloren hat, stirbt ihre Mutter täglich "sieben Tode", wie es die junge Hazara im Gespräch mit derStandard.at formuliert. Der Vater konnte den Tod des Ältesten nicht verwinden und starb wenige Monate später an gebrochenem Herzen. Die Mutter brachte ihre sieben Kinder alleine durch.

In Quetta in der pakistanischen Provinz Belutschistan lebt die größte Hazara-Gruppe des Landes. Die Hazara praktizieren in den Augen fundamentalistischer Gruppen wie Lashkar-e-Jhangvi einen minderwertigen, schiitischen, Islam und sind deshalb seit Jahrzehnten Ziel massiver Anschläge. Shazia Khan sprach mit derStandard.at über ihren Alltag und ihre Art, mit der beständigen Bedrohung umzugehen.

derStandard.at: In Quetta leben mehrheitlich Hazara. Anders als die sunnitische Mehrheit in Pakistan gehören sie der schiitischen Konfession an. Deshalb werden die Hazara immer weider Opfer von Diskriminierungen und Attentaten radikaler Gruppierungen. Wie ist die Situation in Quetta aktuell?

Khan: Die Situation ist fürchterlich und wird auch immer schlimmer. Trotzdem gehen die Menschen zur Arbeit und leben ihr Leben. Wir sind aber massiv eingeschränkt. Wir leben hier in einem offenen Gefängnis.

derStandard.at: Sie haben, neben Freunden und anderen Verwandten, Ihren ältesten Bruder bei einem Anschlag verloren. Wurde je geklärt, wer dahintersteckte?

Khan: Nein, nie. Wir haben das nie genau erfahren. Aber die Terrororganisation Lashkar-e-Jhangvi bekennt sich zu den meisten Attentaten und brüstet sich damit. Wir haben damals mit diesen beiden Menschen, mein Vater starb kurze Zeit später, alles verloren. Für meine Mutter war es wahnsinnig schwierig, ihre Familie durchzubringen. Das hat nur deshalb funktioniert, weil wir Wand an Wand mit weiteren Verwandten und Freunden gelebt haben.

Wir verlieren leider immer noch regelmäßig Freunde und Verwandte bei Anschlägen und Entführungen. Einige meiner besten Freunde wurden auf dem Weg zur Schule getötet. Mein Cousin starb erst vor kurzem durch eine Bombe. Er war noch nicht mal acht Jahre alt. Wir haben die Bilder seines Körpers gesehen. Die fehlende Teile haben wir nie gefunden. Mein Schwager starb ebenfalls bei einem Bombenanschlag. Wir haben ihn an diesem Abend noch gebeten, mit uns zu essen. Er wollte aber unbedingt noch etwas erledigen. Eine halbe Stunde, nachdem er gegangen war, hörten wir die Bombe. Er rief an: "Ich werde jetzt ins Krankenhaus gebracht". Das war das letzte Mal, dass wir mit ihm sprachen. Bei diesem Anschlag kamen 107 Menschen ums Leben. Danach haben wir und zahllose andere Hazara einen Sitzstreik veranstaltet. Wir saßen 72 Stunden lang bei großer Kälte im Freien, Seite an Seite, Männer wie Frauen. Wir wollten einfach etwas tun, damit das endlich aufhört. Der Präsident kam sogar und machte uns Versprechungen. Er werde sich bemühen, die Situation unter Kontrolle zu bringen. Aber es hat sich nichts geändert. 

derStandard.at: Kann oder will die Regierung Ihrer Meinung nach nichts dagegen tun?

Khan: Es ist, wie gesagt, bekannt, dass Lashkar-e-Jhangvi hinter den Attentaten stecken, man kennt die Namen ihrer Führer. Ich weiß nicht, warum die Regierung einfach nichts gegen diese Menschen tut. Man sagt uns immer nur: Wir reden mit Terroristen nicht. Die Hazara zahlen Steuern, wir haben talentierte Leute, die ihr Potenzial für das Land nutzen wollen, wir vertragen uns gut mit den anderen ethnischen Gruppen in Belutschistan.

derStandard.at: Die Situation in Quetta lässt viele, vor allem junge Hazara in der Hoffnung fliehen, sie würden in Australien oder Europa Asyl bekommen.

Khan: Ja. Diese Leute versuchen illegal mit Schleppern zum Beispiel nach Australien zu kommen. Zwei meiner Schwager haben die Überfahrt versucht. Beide werden vermisst. Wir wissen mittlerweile, dass das Boot des einen vor Indonesien untergegangen ist. Das Boot des Mannes meiner ältesten Schwester, die geholfen hat, uns großzuziehen, sank vor den Weihnachtsinseln. Wir wissen bis jetzt nicht, ob sie diese Unglücke überlebt haben, inhaftiert sind, tot sind. Viele kommen auf den Überfahrten um. Hazara scheinen gutes Fischfutter zu sein. Solche und ähnliche Geschichten existieren in jedem Haushalt in unserer Umgebung. Anschläge, Entführungen, Unglücke auf der Flucht. All das gehört für uns zum Alltag.

derStandard.at: Trotzdem haben Sie schon als Schülerin aktiv versucht, die Situation der Hazara in Ihrer Stadt zu verbessern.

Khan: Ja. In der achten Klasse habe ich begonnen zu begreifen, dass ich mein Schicksal mit vielen anderen teile. Ich war so verbittert wegen des Todes meines Bruders und meines Vaters, dass ich das vorher gar nicht gesehen habe. Und ich habe erkannt, dass ich in einer privilegierten Situation bin, weil ich die Schule besuchen kann. Viele meiner Freunde und Bekannten konnten sich Bücher, Uniformen und das Schulgeld einfach nicht leisten. Also versuchten wir, uns zu organisieren. Wir sprachen mit den älteren Schülern, ob sie ihre Bücher zur Verfügung stellen könnten, wir sammelten Geld, um die Gebühren bezahlen zu können. Wir lösten Probleme. Bis zu diesem Moment fühlte ich mich völlig sinnlos.

derStandard.at: Haben Sie sich jemals überlegt, von Quetta wegzugehen?

Khan: Wenn die Situation so bleibt, haben wir bald keine andere Wahl mehr. Aber es ist fast unmöglich, auf legale Weise zu emmigrieren. Es war schon eine Odyssee, für diese Veranstaltung in Wien eine Ausreisegenehmigung zu erhalten. Ich appelliere deshalb an ihr Land, ihre Regierung: Wir wollen nicht unbedingt Bürger Ihres Landes werden, es würde uns schon reichen, Studienplätze und Stipendien zu bekommen, die Möglichkeit, in Europa zu lernen. Wir brauchen Vordenker und Führungspersönlichkeiten, die unser Schicksal in eine andere Richtung lenken können. (mhe, derStandard.at, 12.12.2013)

 
Anschläge gegen die Hazara in Pakistan laut hazara.net

Shazia Khan, 24, lebt in Quetta und arbeitet als Journalistin und Kamerafrau bei Mechid TV. Ehrenamtlich engagiert sie sich in Projekten für von Terror betroffene Frauen und Jugendliche in ihrer Stadt. Khan nahm in Wien bei einer Veranstaltung von "Frauen ohne Grenzen" teil. In Quetta nahe der afghanischen Grenze leben etwa 600.000 Hazara, die schiitischen Glaubens sind. Seit den Achtzigerjahren sind Hazara massiver Gewalt ausgesetzt. In letzter Zeit wird für die Anschläge in Belutschistan vor allem die Terrororganisation Lashkar-e-Jhangvi dafür verantwortlich gemacht.

  • In Quetta gehört der Tod zum Alltag. Allein 2013 wurden bei 30 Anschlägen bisher 278 Menschen getötet. Das sind nur die "offiziellen" Zahlen. 
    foto: reuters/naseer ahmed

    In Quetta gehört der Tod zum Alltag. Allein 2013 wurden bei 30 Anschlägen bisher 278 Menschen getötet. Das sind nur die "offiziellen" Zahlen. 

  • Shazia Khan, 24, lebt in Quetta und arbeitet als Journalistin und Kamerafrau bei Mechid TV.
    foto: honsig

    Shazia Khan, 24, lebt in Quetta und arbeitet als Journalistin und Kamerafrau bei Mechid TV.

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