"Wissenschaft kann man nicht einfach zusperren"

Interview10. Dezember 2013, 22:27
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Österreich habe nicht erkannt, dass Wissenschaft langfristige Investitionen braucht, kritisiert Dieter Imboden, Chef des FWF-Aufsichtsrats - Peter Illetschko fragte nach

STANDARD: Österreichische Wissenschafter protestieren gegen die kolportierte Eingliederung des Wissenschaftsministeriums in das Wirtschaftsministerium. Wäre so eine Zusammenlegung wirklich problematisch, oder reagiert man da übertrieben ängstlich?

Imboden: Es wäre sicher keine gute Idee, das Wissenschaftsministerium in das Wirtschaftsministerium einzugliedern. Die Öffentlichkeit würde dadurch vor allem einen Eindruck gewinnen: Wissensgewinn wird nur dann gefördert, wenn er wirtschaftlich umgesetzt werden kann. In der Schweiz hatten wir übrigens die genau gleiche Situation: Die Forschung ging vom Innendepartement in die Volkswirtschaft. Es gab den gleichen Aufschrei wie bei Ihnen: Man meinte, die Forschung werde nur zum Zwecke ihrer wirtschaftlichen Umsetzung gefördert. Zum Glück hat sich das bisher nicht bewahrheitet. Aber in der Schweiz hat die Grundlagenforschung einen hohen Stellenwert, das schützt diese auch im Wirtschaftsdepartement. Ich meine, in Österreich ist die Grundlagenforschung weniger gut verankert und damit in größerer Gefahr bei der Wirtschaft.

STANDARD: Wenn man den Spit- zen der Koalitionsregierung zuhört, ist der Stellenwert der Forschung hierzulande mindestens genauso hoch. Können Sie einen Vergleich ziehen?

Imboden: Man findet in Österreich Forschung zwar wichtig, hat aber leider nicht erkannt, dass die Grundlagenforschung langfristige Investitionen braucht. Es gibt einzelne Initiativen wie das IST Austria in Maria Gugging. Das ist der heroische Versuch, das im Zeitraffer zu schaffen, wofür die ETH Zürich fünfzig Jahre gebraucht hat: ein international renommiertes Hochschul- und Forschungszentrum zu werden. Nur was passiert mit den Universitäten rund um das ISTA? Die kriegen zu wenig, um international konkurrenzfähig zu bleiben. Man will das ISTA zum Leuchtturm machen, gibt ihm aber nicht die ideale Umgebung einer blühenden Universitätslandschaft. Das wird auch den Forschern in Maria Gugging zu wenig sein. So wird das ISTA ein Leuchtturm in der Wüste.

STANDARD: Diese Situation ist nicht plötzlich eingetreten. Wann sind Fehler gemacht worden?

Imboden: Österreich lag nach dem Krieg am Boden. Da musste natürlich viel Aufbauarbeit geleistet werden. Danach hat man es aber verabsäumt, die Bedeutung der Wissenschaft in der Kultur dieses Landes zu verankern. Das geht nicht von heute auf morgen. Da braucht es Geduld. Das hat die Schweiz. Wir sind ja in gewisser Weise ein bisschen langweilig: Wir erleben keine besonderen Höhepunkte, aber eben auch keine Tiefpunkte. Wir sind Durchschnitt. Aber genau das ist das Geheimnis einer wirkungsvollen Forschungspolitik: stetig ein klares Ziel zu verfolgen, ohne ständiges Auf und Ab. In Österreich glaubt man dagegen, dass Grundlagenforschung Luxus ist, dass es etwas ist, was man sich leisten kann, wenn genug Geld da ist, aber auch zusperren kann wie irgendeine kleine Theaterbühne, die zu wenige Besucher hat. Man bedenkt nicht, dass das Zusperren weitreichende Folgen haben würde.

STANDARD: Von welchen Folgen sprechen Sie?

Imboden: Wir reden hier von keinem Unwetter, das sichtbare Folgen hat. Man sieht nach dem Zusperren keine gebrochenen Dämme oder überfluteten Dörfer. Die jungen Wissenschafter würden das Land verlassen, und auch die Industrie würde darunter leiden. Ihr würden die Leute fehlen, die die kreativen Ideen haben. Sie braucht die von Neugier getriebene Grundlagenforschung. Was glauben Sie, warum IBM in Rüschlikon in der Schweiz ein Grundlagenforschungslabor eröffnet hat, in dem freie Forschung betrieben wird? Man wollte die kreativen jungen Leute mit Ideen bei sich haben. Das brachte zwei Nobelpreise.

STANDARD: Fehlt der Industrie in Österreich also der Weitblick?

Imboden: Nein, die Industrie weiß, dass sie Grundlagenforschung braucht, wenn sie Ideen für künftige Innovationen bekommen will. Aus irgendeinem Grund glaubt man aber, dass Österreich einen Standortnachteil hat. Das stimmt nicht. Österreich ist ein attraktives Land, hat eine gute Infrastruktur und ganz ausgezeichnete Wissenschafter. Der Standortnachteil entsteht erst durch die Unterdotierung der Grundlagenforschung im Allgemeinen und des Wissenschaftsfonds FWF im Besonderen.

STANDARD: Der Ruf nach mehr Geld ist seit Jahren zu hören. Ist Ihnen diese dauerhafte Wiederholung nicht schon langweilig?

Imboden: Nein, sie ist notwendig. Der FWF kann ab 2016 nicht mit dem derzeitigen Budget von etwa 210 Millionen und schon gar nicht mit einer dringend notwendigen Steigerung rechnen. Laut dem derzeitigen Stand hat er dann nur das Geld aus dem Bundesvoranschlag zur Verfügung, also etwas mehr als 100 Millionen Euro. Im schlimmsten Fall kann er keine neuen Bewilligungen aussprechen. Das bedeutet aber auch, dass man schon jetzt auf die Bremse steigen müsste, weil die bewilligten Projekte ja mehrere Jahre laufen. Schon heute müssen viele exzellente Anträge abgelehnt und damit gerade den jungen Menschen die Zukunftsperspektiven genommen werden. Mich erinnert das an die Zeit, als die chemische Industrie in Deutschland fünf Jahre lang keine Uni-Absolventen anstellte. Diese Jahrgänge gingen ganz einfach verloren.

STANDARD: Es gibt eine FTI-Strategie der Regierung, in der von Wachstum die Rede ist.

Imboden: Bisher wurde die Strategie nicht umgesetzt. Das ist ein Papier mit viel Weitblick. Davon ist derzeit nichts zu merken. Diese Diskrepanz zwischen dem, was geschrieben wurde, und dem, was umgesetzt wird, ist mir unbegreiflich. Ich höre dann nur die Frage: Woher kommt das nötige Geld?

STANDARD: Und? Haben Sie eine Antwort?

Imboden: Es ist eine Frage der Prioritäten. Natürlich kann man nicht mehr Geld ausgeben, als da ist. Da bin ich sofort bereit zuzustimmen. Nur müsste man die heiligen Kühe, die es auch in Österreich gibt, ein wenig schröpfen, um zu Geld zu kommen. Da kennen Sie sich besser aus als ich. Ein Land wie Österreich, das verhältnismäßig reich ist, gut dasteht und nicht mehr als 100 Millionen Euro in die Förderung des kompetitiven Anteils der Grundlagenforschung investiert, nimmt sich nicht ernst. Hier handelt es sich schließlich um kein Entwicklungsland. (Peter Illetschko, DER STANDARD, 11.12.2013)


Dieter Imboden (70) studierte theoretische Physik. Er promovierte an der ETH Zürich und wurde 1988 Professor für Umweltphysik. Von 2005 bis 2012 war er Forschungsratspräsident des Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (SNF). Seit Anfang 2012 ist er Aufsichtsratsvorsitzender des FWF

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  • Dieter Imboden: "Das IST Austria ist der heroische Versuch, das im Zeitraffer zu schaffen, wofür die ETH Zürich 50 Jahre brauchte."
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    Dieter Imboden: "Das IST Austria ist der heroische Versuch, das im Zeitraffer zu schaffen, wofür die ETH Zürich 50 Jahre brauchte."

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