Verrückte Reise in die Todeszone

Gespräch10. Dezember 2013, 17:42
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Der deutsche Regisseur Claus Guth, der das Schubert-Fragment "Lazarus" gestaltet, über das Inszenieren von Todeserfahrung, die Sympathie für "Tatort "-Krimis und die Wiener Staatsoper.

Wien - Was nach dem Tod kommt - das hat Franz Schubert musikalisch nicht endgültig beantwortet. Sein Oratorium Lazarus ist Fragment geblieben. Auch Regisseur Claus Guth weiß leider nicht, was dem Tod folgt. Allerdings weicht er in seiner Schubert-Version dieser Frage nicht aus, indem er Lazarus einfach auferstehen lässt, wie das die biblische Geschichte vorsieht.

Als einer der originellen, subjektiven Regieerzähler, den Figurenseelen und existenzielle Fragen beschäftigen, hat er jene Freiräume, die ein Fragment bietet, mit eigenen Fragen abseits der Bibel bestückt. "Nach der kurzen Beschäftigung mit der Quelle habe ich gesagt: ,Weg damit, das bringt nichts!' Ich möchte keinen religiösen Diskurs auf die Bühne bringen. Mich, der gerne beobachtet und den Psychologie sehr beschäftigt, interessierte mehr: Was sagen Menschen in der Konfrontation mit einem, der im Sterben liegt? Lassen sie sich wirklich auf dessen Situation ein oder reden sie nur über ihre eigene Todesangst? Wie weit kreisen sie nur um sich, wieweit macht das den Sterbenden dann noch einsamer?"

Nach dem Tod Lazarus', mit dem das Fragment endet, hört bei Guth auch die Musik nicht auf: "Musikalisch ist etwa Charles Ives' Komposition The Unanswered Question zu hören. Meine Vorgangsweise: Erst als ich wusste, wie ich weitererzählen werde, habe ich dazu passende Musik gesucht. Thematisch beschäftigte mich - was man aus anderen Kulturen kennt -, den Tod als eine Reise aufzufassen, als etwas, das schon im Leben beginnt."

Interessant für Guth auch: "Wie ragt das, was wir Tod nennen, ins Leben hinein. Ich stelle mir vor, dass Lazarus woanders hingeht und zurückschaut. Wie fühlt sich das Treiben, bei dem ich mitgespielt habe, aus der Distanz an? Er merkt eigentlich, wie absurd das ist, was uns so wichtig vorkommt. Ein Teil der Inszenierung beschäftigt sich mit dieser Distanz. In einem der vier Teile befasse ich mich dann mit den Hinterbliebenen, mit der Präsenz des Toten in ihren Gedanken."

Tödlich verwundet

Irgendwie sei das, so Guth, auch "meine Antwort auf den Begriff Auferstehung. Für die Darsteller war es zunächst nicht einfach, es gibt ja keine dramatischen Szenen, jeder Sänger ist eine Art Autist oder Einzelkämpfer. Da konnte ich nicht einfach mit Opernhandwerk rangehen, musste eine eigene Erzählweise finden." Darin ist Guth, 1964 in Frankfurt geboren, ein Könner. Er ließ bei den Salzburger Festspielen Don Giovanni tödlich verwunden und schuf so delikate Dauerspannung. Er ließ beim Salzburger Figaro eine imaginäre Figur die Charaktere lenken. Und sein Tannhäuser an der Wiener Staatsoper wurde zu einem im Wahn gefangenen Patienten.

Lazarus ist indes ein besonderes Experiment und auch nicht an jedem Opernhaus umsetzbar: "Die Wiener Staatsoper hat bei Regisseuren, was Arbeitsbedingungen betrifft, einen eher schwierigen Ruf. Ich war dann positiv überrascht, als ich dort Tannhäuser inszenierte. Ich konnte sehr genau und konzentriert arbeiten." So ein Projekt wie Lazarus funktioniere "allerdings nur an einem Theater, das ich genau kenne, an einem Haus, an dem man noch viel flexibler sein kann. Das Theater an der Wien ist ja kein Repertoirehaus. Man kann sich hier gewissermaßen auf eine verrückte Reise einlassen."

Lazarus sei aber auch eine ungewöhnlich spannende Komposition, meint Guth. "Schuberts Opern haben oft haarige Libretti, man spürt einen gewissen Krampf, der Form gerecht werden zu wollen. Dann macht er irgendwas einfach der Konvention zuliebe. Lazarus ist anders. Es ist ein Oratorium, nicht für die Bühne gedacht. Da versucht Schubert gar nicht erst, das große dramatische Fass aufzumachen. So bekommt man viel mehr von dem Schubert präsentiert, den man so schätzt."

Dass Lazarus Fragment blieb, ist für Guth sogar ein Vorteil: "Es macht noch mehr Spaß. Dieses Herumstochern gleichsam im dunklen Raum - das gefällt mir."

Spaß würde Guth auch das Filmgenre bereiten: "Ich habe zweimal versucht, an die Filmakademie zu kommen, habe mit 16 Filme gedreht. Und ich sage immer noch: Irgendwann krieg ich die Kurve!" Tatort oder etwas Ähnliches schwebe ihm vor. "Manchmal laufe ich im Theater mit so einem inneren Teleobjektiv herum, deswegen scheint die Kamera irgendwie naheliegend. Außerdem erzähle ich gerne, und dies immer mehr - früher war ich viel formaler." Für Guth "ist das Höchste am Kunstwerk, wenn es gelingt, bizarre Merkwürdigkeiten auszuspielen, und alles gleichzeitig so funktioniert, dass eine größere Menge an Leuten keine andere Wahl hat, als mit dem Spannungsbogen mitzugehen." Deswegen der Gedanke an Tatort. (Ljubiša Tošic, DER STANDARD, 11.12.2013)

  • Regisseur Claus Guth.
    foto: monika rittershaus

    Regisseur Claus Guth.

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