"Skandaltierschutz entspricht mir nicht"

12. Dezember 2013, 05:30
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Jurist Antoine F. Goetschel konnte die Tierwürde in der Schweizer Verfassung verankern - Emotionale Kampagnen sind nichts für ihn

Von marktschreierischen Parolen im Bereich Tierschutz hält Antoine F. Goetschel nichts. "Man muss sowohl mit dem Problem, als auch mit der Lösung kommen", sagt er im Gespräch mit derStandard.at. Eigentlich ist er als Anwalt in seiner Kanzlei in Zürich tätig und betreut vor allem Fälle aus dem Gebiet des Erb-, Vereins-, Stiftungs- und Vertragsrechts. Doch seit 1985 widmet er sich nebenbei intensiv dem Tier in Recht und Ethik. Statt mit Bildern, will der Jurist mit Zahlen und Fakten wachrütteln. Statt auf emotionalisierte Kampagnen setzt er auf sachliche Diskussion.

In den 80er-Jahren hat er die "Stiftung für das Tier im Recht" mitbegründet und war maßgeblich daran beteiligt, dass die Schweiz - als erstes Land - die Würde des Tieres im Jahr 1992 in der Verfassung verankert hat. Darauf wurden die Tiere vom Sachstatus gelöst. Auch für die Einführung des weltweit einzigartigen Amts des Rechtsanwalts für Tierschutz in Strafsachen im Kanton Zürich hat er sich erfolgreich eingesetzt. Diesen Posten übte er als insgesamt dritter Amtsträger schließlich auch drei Jahre selbst aus.

derStandard.at: In Ihrem aktuellen Buch "Tiere klagen an" fällt die für ein Tierrechtsbuch sachliche Darstellung auf. Die erste Kapitelüberschrift lautet "Liebe oder Recht: Womit erreicht man mehr?". Liegt das an Ihrem juristischen Background, oder glauben Sie, dass durch eine nüchterne Diskussionsbasis mehr erreicht werden kann, als durch Schockbilder und Emotionalisierung?

Goetschel: Für mich persönlich reicht es, bestimmte Umstände zu beschreiben, ohne emotionale Erhöhung. Kommt die Identifikation mit dem Opfer zu stark dazu, bekommt man zwar in den eigenen Kreisen Zustimmung. Aber wenn es darum geht, etwas in rechtlicher Hinsicht zu bewirken und an den Grundstrukturen zu verändern, braucht man eine Mehrheit in der Regierung, im Parlament, in der Ortschaft.

Da nützt einerseits ein Aufzeigen von Missständen und andererseits aber auch eine gewisse Toleranz bei Umständen, die einem zwar nicht passen, aber noch rechtens sind. Skandaltierschutz, der sich wie Tarzan, statt von Liane zu Liane, gleichsam von Skandal zu Skandal hangelt, liegt mir selbst nicht. Man kann keine Verfassung nur mit marktschreierischen Parolen ändern. Man muss sowohl mit dem Problem, als auch mit der Lösung kommen.

derStandard.at: Seit Jahrzehnten gibt es Forderungen, dass gewissen Affen Menschrechte zugestanden werden. Unlängst wollten zum Beispiel US-Tierschützer Personenrechte für Schimpansen erstreiten. Halten Sie diesen Ansatz tierrechtlich für zielführend?

Goetschel: Die Besserstellung jener Tiere, von denen der Mensch annehmen kann, dass sie ihm ähnlich sind, zu Lasten jener, wo der Sympathiewerte geringer ist, wie etwas bei den Schweinen oder Wirbellosen, halte ich für ungünstig. Da ist mir der Ansatz des schweizerischen, holländischen oder südkoreanischen Tierschutzgesetzes sympathisch, durch den man die Würde des Tieres schützt. Damit erfasst man auch die Nutztiere und Wirbellosen. Das erscheint mir zielführender.

derStandard.at: Dass die Schweiz eine Sonderstellung in Sachen Tierrecht hat und die Würde der Tiere in der Bundesverfassung verankert ist, liegt auch an Ihrem Engagement. Tiere gelten dadurch nicht mehr als Sache, sondern als Lebewesen. Welche Vorteile ergeben sich dadurch in der rechtlichen Handhabe?

Goetschel: Mir erscheinen die Vorteile darin zu liegen, dass wir mit einer neuen Betrachtungsweise auf die Tiere zugehen. Tiere vor Leid, Schmerz und Schäden zu schützen ist zwar wichtig. Doch das greift heute zu kurz. Wir können ihnen mittlerweile viel mehr antun, als ihnen "bloß" Schmerz zuzufügen. Vieles ist erlaubt oder bleibt straffrei, weil man das Leid des Tieres nicht nachweisen kann. Wenn man ihnen aber nun eine eigene Würde zuerkennt, dann kommt dadurch ein Eigenwert zum Ausdruck.

derStandard.at: Sie waren im Kanton Zürich Tieranwalt. Eine ungewöhnliche Berufsbezeichnung. Wie kam es dazu, dass Sie dieses Amt ausgeübt haben?

Goetschel: Seit den 80er-Jahren habe ich mich neben meiner normalen Anwaltskanzlei für die Besserstellung von Tieren in Recht und Ethik eingesetzt. Ich habe zahllose Strafanzeigen eingereicht, die jedoch in nichts mündeten, sondern höchstens Wirbel in den Medien machten. Oft habe ich dann auch erst über die Medien erfahren, dass ein Strafverfahren eingestellt wurde.

Mit Tierschutzfreunden habe ich nach Lösungen gesucht. Das mündete darin, dass wir eine Volksinitiative eingereicht haben. Daraus entstand unter anderem der Rechtsanwalt für Tierschutz in Strafsachen im Kanton Zürich. Zunächst konnte ich 15 Jahre lang meine zwei Vorgänger betreuen, bis ich 2007 das Amt selbst wahrgenommen habe.

derStandard.at: Kann dadurch Tierquälerei besser strafrechtlich verfolgt werden?

Goetschel: Die strafrechtliche Verfolgung hat auch wegen des Amtes im Kanton Zürich einen hohen Stellenwert erreicht. Das Amt hat mit 30 Fällen pro Jahr begonnen und mit 180 bis 200 Fällen im Jahr 2010 aufgehört. Sämtliche strafrechtliche Entscheide im Tierschutz werden auch heute im Netz veröffentlicht und können daher ausgewertet werden. Daher wissen wir, ob beziehungsweise, dass das Tierschutzrecht genauso konsequent angewendet wird, wie etwa das Straßenverkehrsrecht.

derStandard.at: Sie sind seit fast 30 Jahre mit Fällen von Tierquälerei konfrontiert. Gibt es Geschichten, die besonders in Erinnerung bleiben?

Goetschel: Ein Fall war bei einem Geflügelzüchter. Ich wurde gemeinsam mit einem Verantwortlichen für Ordnungswidrigkeiten auf seinen Hof eingeladen. Dort standen große 60-Liter-Milchkannen aus Metall. Wir fragten, was sich darin befindet. Der Landwirt antwortete, dass er das tote Geflügel darin aufbewahrt und die Kannen einmal in der Woche abtransportiert werden. Auf Nachfrage meines Begleiters hat er eine Kanne geöffnet und da lag tatsächlich ganz oben ein noch lebendiges Huhn. Der Landwirt hatte wohl keine Lust, es zu töten.

derStandard.at: Ist es der Umgang mit Nutztieren, wo es oft Missstände gibt?

Goetschel: Ja, ein ähnliches Beispiel war jenes eines Schweinetransporteurs. Der Lastwagen war überbelegt. Bei der Ankunft am Schlachthof hatten von 35 Schweinen zwei Beinbrüche und eines war zerdrückt worden. Der Schweinetransporteur hat sich so gerechtfertigt: "Das nimmt man in Kauf. Solange mehr als 30 ankommen, stimmt die Quote wieder." Ich war Fahrer beim Bundesheer. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass die "Quote stimmt", wenn von 35 Rekruten nur 32 lebend oder unverletzt ankommen.

Es sind weniger die Einzelfälle von extremer Tierquälerei, die mich nachhaltig schockieren. Die Kaltblütigkeit im Alltag beunruhigt mich.

derStandard.at: "Tierliebe" jedoch kann auch Schaden anrichten, wie Sie im vierten Kapitel über Heimtiere beschreiben. Gibt es hier ein Muster, das sich wiederholt?

Goetschel: Das Tier hat eigene Bedürfnisse, die unabhängig von unserer Betrachtungsweise sind. Liebe ersetzt die Kenntnis um die Bedürfnisse der Tiere nicht. Mir ist jemand viel sympathischer, der weiß, wie wichtig zum Beispiel Sozialkontakte für den Hund sind, als jemand, der ihn verhätschelt, in ihm einen kleinen Menschen sieht und damit eigentlich seine Würde verletzt.

Wir haben hunderte Bücher, welche Bürste man für welches Hundefell verwenden soll. Aber die Frage, ob gewisse Tiere überhaupt in einer Stadtwohnung gehalten werden sollten, kommt kaum zum Ausdruck. Das finde ich schade. (Julia Schilly, derStandard.at, 11.12.2013)

Zur Person

Antoine F. Goetschel ist ein Schweizer Rechtsanwalt. Er ist ehemaliger Rechtsanwalt für Tierschutz in Strafsachen des Kantons Zürich. Er war Geschäftsleiter und Stiftungsrat-Vizepräsident der von ihm 1994 gegründeten Stiftung für das Tier im Recht. Er setzte sich erfolgreich für die Lösung der Tiere vom Sachstatus im Schweizer Recht, die Ergänzung der Würde der Tiere in der Schweizer Bundesverfassung und das Verbot von sexuellen Handlungen mit Tieren ein. Er hat zwölf Bücher und mehr als 50 Aufsätze zu dem Thema Tier in Recht und Ethik verfasst. Darüber hinaus ist er Lehrbeauftragter an der Universität Zürich.

Stiftung für das Tier im Recht

http://images.derstandard.at/2013/12/03/1385211507486-nachhaltig.jpgAntoine F. Goetschel
Tiere klagen an.
FISCHER Scherz Verlag
272 Seiten

  • Tiere vor Leid, Schmerz und Schäden zu schützen sei zwar wichtig, greift aber heute zu kurz, meint Anwalt Antoine F. Goetschel.
    foto: © nicole bökhaus

    Tiere vor Leid, Schmerz und Schäden zu schützen sei zwar wichtig, greift aber heute zu kurz, meint Anwalt Antoine F. Goetschel.

  • Von Skandalkampagnen mit Kunstblut, nackter Haut und Emotionalisierung des Thema Tierschutz hält er wenig. Damit bekomme man höchstens Zustimmung in den eigenen Reihen. Nur durch sachliche Argumente könne man jedoch die Grundstrukturen ändern.
    foto: reuters/christian charisius

    Von Skandalkampagnen mit Kunstblut, nackter Haut und Emotionalisierung des Thema Tierschutz hält er wenig. Damit bekomme man höchstens Zustimmung in den eigenen Reihen. Nur durch sachliche Argumente könne man jedoch die Grundstrukturen ändern.

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