Surf and Turf im Piemont

14. Jänner 2014, 16:56
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Das Beste kommt zum Schluss - und Schmeck's wieder einmal auf seine Zweitheimat Nordwestitalien

Einmal muss Schluss sein. Schluss mit den Superlativen und Des-Jahres-Listen. Überhaupt, wenn wir schon mitten im Jänner angekommen sind. Hier wird es also für's Erste einmal ganz gut.

Mitten im Jänner ist natürlich nicht der beste Zeitpunkt für das Piemont. Dicker Nebel, aber noch kein neuer Nebbiolo. Trüffel eher nur in öliger Erscheinungsform, und die Disteln für den Kuchen waren auch schon einmal frischer. Aber Schmeck's muss ja irgendwann anfangen, nach der ersten Euphorie schon vor Wochen seine Erfahrungen aus dem Spätherbst 2013 abzuarbeiten, zu verdauen quasi. 

Also schauen wir nach Cissone, in die Locanda dell'Arco. Ein bisschen Fleisch geht ja immer, und Nebbiolo wird ja auch über einige Jahre immer besser. 

Surf and Turf

Wir beginnen mit einem Hybridkonzept, irgendwo zwischen der gepflegten Lappenform der Carne Cruda (bekannter als messergehacktes Kalb) und Vitello Tonnato - quasi Surf and Turf auf Italienisch. Die Balsamico-Spur, lang schon abgenützt und sohin verpönt, hatte hier für mich durchaus auch Geschmackssinn. Und Herr Bruckenberger, der einzige mir bekannte Mensch, der ähnlich viel Rindfleisch auf einen Sitz verputzen kann wie ich, strahlte ohnehin zufrieden auf Gang 1.


Foto: Harald Fidler

Der Gemüseflan auf Steinpilzsauce mit schwarzem Trüffel schön und gut - aber auch das geht besser.


Foto: Harald Fidler

Herr Bruckenberger kennt hier im Herbst nur eine Antwort auf die Frage, ob es denn auch weiße Trüffel sein sollen, die im Lokal zum hohen Bogen für 25 Euro pro Kopf durchaus reichlich auf die Nudeln gehobelt werden: "Ja, wenn wir schon da sind..." So sieht das dann aus: Trüffel, wie Trüffel halt so ist, wenn er gut ist - eine olfaktorische Sensation und für den Geschmack bleibt hier auch noch einige Kraft. Nur die Nudeln kommen ein bisschen lieb-, farb- und und vor allem ei-los daher in einer Region, die zurecht für ihre knallgelben frischen Tajarin gerühmt ist, zudem ziemlich feucht betten sie die Trüffel.


Foto: Harald Fidler

Ja, es war finster, ja, Kamera und Fidler waren offenkundig etwas überfordert. Aber: Das entbeinte Perlhuhn schmeckte weit besser, als dieses Bild vermittelt. In der ohnehin oft auch schwächelnden Hauptspeisenklasse eine ziemlich solide Performance.


Foto: Harald Fidler

Bruckenberger schien mit seiner Panna Cotta ausgesprochen zufrieden - wiewohl: Da hatte er seine diesjährige Dosis der wundervollen Ziegenmilch-Version in der Trattoria dai Bercau noch nicht - und war damit noch nicht auf das Urmeter der Panna Cotta kalibriert.


Foto: Harald Fidler

Ich wiederum war ziemlich hingerissen von der Saftigkeit der Nusstorte.


Foto: Harald Fidler

Ich Dessertverächter wäre sogar geneigt zu behaupten, das Beste kommt zum Schluss - aber das wäre ungerecht. Grundsolides bis ziemlich gutes Essen. Einfache, praktische Zimmer. Und ein zutiefst unitalienisches, äußerst üppiges und vielfältiges Frühstücksangebot - dem in der Gegend vermutlich nur die viel zu lange schon nicht mehr besuchten Cirios in Madonna della Neve ernste Konkurrenz machen.

Locanda dell'Arco - 45 Euro pro Viergänger, 25 Euro Aufschlag für weiße Trüffel in der Saison. (Harald Fidler, derStandard.at, 14.1.2014)

Schmeck's ist keine professionelle Lokalkritik. Harald Fidler und Freunde schildern hier ihre Erlebnisse beim Essen und Trinken. Als Dilettanten im Wortsinn: Laien, Amateure, Nichtfachleute, die eine Sache um ihrer selbst willen ausüben - also zum reinen Vergnügen. Was nicht immer gelingt.
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