Die Hipster-Rapper

12. Dezember 2013, 18:10
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Früher trugen Rapper fast ausschließlich Sportswear, heute greifen sie zu Avantgarde-Mode - Zumindest modisch ist Machogehabe out

Größenwahn gehört im Hip-Hop seit jeher zur Serienausstattung. Bloß die Themen, an denen sich die gigantischen Rapper-Egos heutzutage reiben, sind erstaunlich mainstreamig geworden. US-Superstar Kanye West (36) ist das beste Beispiel: Jüngst rief der ohnehin als schwierig bekannte Künstler in einem New Yorker Radiosender doch tatsächlich seine Fans dazu auf, bis Jänner keine Louis-Vuitton-Produkte mehr zu kaufen. Anlass der wütenden Protestaktion war, dass der CEO der Luxusmarke beim letzten Paris-Besuch von Kanye keine Zeit hatte, sich die jüngsten Entwürfe des Fashion-Aficionados, der auf keiner Modenschau in der Frontreihe fehlen darf, anzusehen. Jay-Z wiederum, ein weiterer US-Hip-Hop-Mogul, treibt es in letzter Zeit verstärkt in die Welt der bildenden Kunst: Nach einer Performance in einer New Yorker Galerie, die sich an Marina Abramovics berühmten Langzeitauftritt im Museum of Modern Art anlehnte, wird er demnächst auf der Art Basel Miami eine Wandskulptur präsentieren, auf der Jay-Z sein eigenes Bild mit dem Picassos fusioniert.

Hip-Hop wird erwachsen

Raus aus dem Ghetto, rein in die Galerie. Der Hip-Hop scheint bei den Spitzenverdienern dieses Genres erwachsen geworden zu sein, zumindest, wenn erwachsen bedeutet, dass man die soziale Schicht nicht verleugnet, in der man mittlerweile angekommen ist. Goldgeprotze passt freilich nur bedingt, wenn man als seriöser Hochkultur-Vertreter angesehen werden möchte. Das merkt man nirgends deutlicher als in der Mode, wo sich im letzten Jahrzehnt einiges verschoben hat.

High Fashion war lange Zeit für neureiche Hip-Hopper eine Möglichkeit, ihren Reichtum ungehemmt zur Schau zu stellen. Bereits in den 1980er-Jahren waren Luxusmarken wie Versace, Gucci, Fendi und Louis Vuitton angesagt. Die Logos konnten gar nicht groß genug sein. Den Höhepunkt erreichte diese Bling-Bling-Phase Mitte der 1990er-Jahre: Platin ersetzte den ohnehin nicht dezenten Goldschmuck, und XXL-Diamanten funkelten. Im Hip-Hop durfte es gern ein bisschen mehr sein. Understatement wurde als Schwäche ausgelegt.

Ursprünglich von Sportswear geprägt

Hip-Hop und Mode waren von Beginn an siamesische Zwillinge, wenngleich die gehypten Labels anfangs eher von Sportswear geprägt waren. In den späten 1970er-Jahren waren es Marken wie Kangol, Pro-Keds und Adidas, die den breitenwirksamen Geschmack diktierten, in den 1980ern und 1990ern machten Rapper Baseballkappen und Neonpullis modern. Oversized hieß das Motto der Stunde, Baggy-Pants gehörten in jeden Kleiderschrank, und Nike wurde eine der führenden Marken.

Bahnweisende Rapperinnen wie Salt-n-Pepa, später TLC und Aaliyah prägten den Hip-Hop-Look insofern spannend mit, als sie ihren Stil dem der Männer anglichen. Anstatt sich als sexy Accessoires von Kerlen zu kleiden, setzten sie offensiv auf ein Tough-Girl-Image mit Boxershorts, schweren Arbeiterstiefeln und Unisex-Look. In den 1990ern gründeten dann zahlreiche Rapper ihre eigenen Kleiderlabels, etwa der Wu-Tang Clan (Wu-Wear), Russell Simmons (Phat Farm), 50 Cent (G-Unit Clothing) oder Lil Wayne (Trukfit). Sonderlich innovativ waren diese Marken, die ästhetisch meist an die alten Zeiten des Hip-Hop anknüpfen wollten, eher selten.

Metrosexuell

Es war tatsächlich vor allem Kanye West, der vor einigen Jahren damit begann, den Blickwinkel zu öffnen. Er knallte dem Hip-Hop-Konsumenten Designernamen um die Ohren, die dieser zuvor wahrscheinlich nicht einmal aussprechen konnte. Der Hipster-Rap war geboren. Früher sangen Rapper bestenfalls über Labels, heute preisen sie im Dauerstakkato Designer, die bei modeaffinen Intellektuellen ebenfalls hoch im Kurs stehen. Kanye fragt auf "Niggars in Paris" (2011): "What's that jacket, Margiela?". Jay-Z widmet Tom Ford auf seinem jüngsten Album Magna Carta ... Holy Grail sogar eine ganze Nummer. Und der aus Harlem stammende A$AP Rocky erwähnt auf seinem aktuellen Album in dem Song Fashion Killa insgesamt 27 Designer von Prada bis zu Balenciaga, von Helmut Lang bis Ann Demeulemeester, die meisten davon auf Frauenkleidung spezialisiert. Im Video sieht man Rocky und Rihanna, eine zentrale weibliche Fashion-Vorreiterin, glücklich gemeinsam shoppen und total harmonisch Modezeitschriften durchblättern. Noch metrosexueller geht es kaum. In dem Song Peso reimt Rocky: "Raf Simons, Rick Owens, usually what I'm dressed in."

Hip-Hop ist in der Understatement-Phase angekommen. Die Rapper haben einen Sinn für Mode-Avantgarde entwickelt. Das traditionelle Konstrukt von Ghetto-Authentizität, sich wie Straßengangs oder Gefängnisinsassen zu kleiden, hat weitgehend ausgedient. Die androgyn-fließenden Schnitte eines Rick Owens sind plötzlich angesagt, der poppig-militärische Unisex-Stil eines Juun.J, die puristischen Entwürfe von Dior-Designer Raf Simons oder die urbane Kleidung von Alexander Wang, dem kreativen Kopf von Balenciaga.

Gefragte Streetlabels wie Hood by Air (HBO) zeigten auf ihrer Schau für den Sommer 2014 irritierend feminin geschminkte Männer mit Glasperlen im Haar, die raffiniert dekonstruierte Sportmode trugen. Und auch das britische Label KTZ (Konkon To Zai), längst ein Favorit in Hip-Hop-Kreisen, setzt auf Unisex-Look mit weiten nomadenartigen Gewändern, die klug mit diversen Modecodes spielen.

Machogehabe ist out

"Hip-Hop war lange sehr uniform, man hatte Angst, zu feminin zu sein. Das gibt es mittlerweile nicht mehr", sagt der New Yorker Fotograf Kevin Amato im Interview mit dem Berliner TV-Sender Fashion Daily, und ist damit sicher kein Einzelfall. Jüngere Rapper wie der offen schwule Frank Ocean (26) beweisen, dass man auch ohne Homophobie und ostentativ zur Schau gestelltes Machogehabe berühmt werden kann. Das schlägt sich natürlich auch im Dresscode nieder, die große Angst der gendermäßig nicht gerade fortschrittlichen Hip-Hop-Gemeinde, als schwul zu gelten, wenn man sich modisch gewagter kleidet, scheint zumindest aufgeweicht.

Lil Wayne tauschte jüngst seine Baggy-Jeans gegen Leoparden-Print-Leggins, und Kanye sorgte 2012 bei einem Solo-Auftritt für Hurrikan-Opfer mit seinem schwarzen Lederkilt von Givenchy über einer engen Lederhose für Verwirrung. Schlägermacho-Kollege Chris Brown machte sich medial über ihn lustig, aber letztendlich hatte Kanye erneut recht. Der aktuelle Trend, rockartige Tunikas über enge Hosen zu tragen, setzte sich nicht nur im Hip-Hop flächendeckend durch.

Selbst Brown ist bei seinem jüngsten Gastauftritt auf dem Video Ready von Fabolous in eine Tunika gehüllt, die wie ein elegantes weißes Damenkleid aussieht. So schnell kann es gehen, dass man als Macho alt aussieht und einfach angezogen bekommt, was gerade in ist. A$AP Rocky (25) meinte jüngst im Interview Magazine, es sei eine Schande, dass die Ablehnung von Homosexualität und Rassismus noch immer so weit verbreitet seien. "Ich denke nicht, dass meine Generation das noch möchte. Wir schreiben schließlich 2013. Wir haben uns weiterentwickelt. Jeder sollte die Möglichkeit haben, sein Leben zu genießen, schließlich lebt man nur einmal."

Chanel goes Hip-Hop

Die Begeisterung der Rapper für High Fashion ist keine Einbahnstraße. Karl Lagerfeld präsentierte bereits 1991 eine Chanel-Kollektion, die stark von Hip-Hop inspiriert war: Das klassische schwarze Chanel-Kostüm wurde aus gestepptem Leder geschneidert und mit schweren Goldketten kombiniert. Die Models trugen übergroße Baseballkappen verkehrt auf dem Kopf. Versace, D&G und Isaac Mizrahi schoben Rap-Kollektionen nach, aber wirklich prägend erwies sich dieser Trend nicht.

Schnell löste ein neuer Hype die Hip-Hop-Begeisterung ab. Zumindest das hat sich grundlegend verändert. Die neue Faszination der High-Fashion-Produzenten für Hip-Hop und seine Protagonisten als ideale Werbeträger scheint dauerhafter zu sein. Keine Marke ist sich mehr zu gut für Hip-Hop. Und mittels Instagram, Twitter und Tumblr ist die neue Generation Rap offen für einen modisch-avantgardistischeren Look, der sekundenschnell weltweit abrufbar ist.

Zwar zielen die meisten Kooperationen noch immer auf Sneakers - Kanye entwarf welche für Louis Vuitton und Nike, eine Zusammenarbeit mit Adidas Y-3 ist für 2014 angekündigt - aber auch das ändert sich rasant. A$AP Rocky plant eine Kollektion mit Raf Simons, der privat sicher keinen Hip-Hop hört. Die meisten High-Fashion-Labels schielen ohnehin gerade verstärkt Richtung Streetstyle.

Givenchy ist das beste Beispiel: Chefdesigner Riccardo Tisci entwarf mit seinem Rottweiler, der aggressiv die Zähne fletscht, einen Verkaufsschlager. Die T-Shirts und Sweater wurden in Hip-Hop-Kreisen ebenso rauf- und runtergebetet wie in Fashion-Blogger-Zirkeln. Keine Frage: Als Hip-Hop-Fan zeitgemäß gekleidet zu sein ist um einiges teurer geworden, als es früher war. Zukunftsweisend ironisierte das Ice Cube bereits 1992 in einem Song: "Us niggaz will always sing the blues / 'cause all we care about is hairstyles and tennis shoes." (Karin Cerny, Rondo, DER STANDARD, 13.12.2013)

  • Kayne West ist die Galionsfigur aller modebewussten Rapper.
    foto: ap / francois mori

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  • Auf seinem jüngsten Album "Magna Carta ... Holy Grail" widmete Musiker Jay-Z dem Designer Tom Ford eine ganze Nummer.
    foto: reuters / benoit tessier

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  • Rapper lieben die Kollektionen von KTZ: Hier die beiden Designer, die ihre nomadenartigen Gewänder auch selbst tragen.
    foto: apa / andy rain

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  • Schwul, na und? Rapper Frank Ocean hat mit seiner sexuellen Orientierung keine Probleme.
    foto: ap / john shearer

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  • Dieses Shirt von Givenchy-Designer Riccardo Tisci wurde zum Verkaufsschlager - insbesondere in der Hip-Hop-Szene.
    foto: francois mori

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    foto: andrea maria dusl
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