Wie wir überwacht werden

10. Dezember 2013, 02:00
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Vier Alltagsszenarien zeigen, warum sich Bürger für vom Staat gesammelte Daten interessieren sollten

Das fiktive Profil

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Sensible Gesundheitsdaten

Der Wiener Rainer W. ist ein gesundheitsbewusster Mensch, der sich für aktuelle Entwicklungen in der Medizin interessiert. Er trägt beim Joggen ein Fitnessarmband, das seine Werte an die Handy-App und zum Vergleich mit seinen Freunden an ein Online-Portal überträgt.

Wird über einen Durchbruch bei Heilmethoden für Krebserkrankungen berichtet, liest er nicht nur den Artikel, sondern er informiert sich auch auf weiteren medizinischen Seiten darüber. Inhaltsstoffe und Wirkung von Medikamenten googelt er – als kritischer Geist will er nicht auf Werbeversprechern hereinfallen.

Beim Surfen hinterlässt Rainer Spuren. Wer auf den Verlauf seines Browser zugreifen kann, sieht, dass er vieles über Krebs nachgelesen hat. Nicht nur Fachartikel, sondern auch verlinkte Selbsthilfegruppen. Ob Rainer vielleicht nur ein allgemeines Interesse daran zeigt oder jemand in seinem Umfeld erkrankt ist, geht daraus nicht hervor. Wer Zugriff auf diese Daten hat, könnte daraus schließen, dass Rainer selbst erkrankt ist. Was, wenn der Arbeitgeber trotz Verbots das Surfverhalten seiner Arbeitgeber überwacht und einen langen Krankenstand ortet?

Wie sieht es mit Rainers Fitnessarmband aus? Gesundheitsdaten wie die Herzfrequenz, aber auch die mit GPS aufgezeichnete zurückgelegte Strecke werden auf den Servern des Anbieters gespeichert. Was passiert dort mit den Daten? Diese könnten lukrativ an Versicherungen und Krankenkassen weiterverkauft werden.


Politische Einstellung

Anna W., Rainers Frau, ist politisch interessiert und kommt oft bei Informationsveranstaltungen mit Personen ins Gespräch, die sich politisch engagieren. Über Facebook hat sie so viele Freunde hinzugefügt, mit denen sie in losem Kontakt steht. Ihre Bekanntschaften fügen sie zu Facebook-Gruppen hinzu und laden sie zu politischen Events ein. Manchmal klickt sie die Links auf Blogs an, die geteilt werden. Ein bisschen Verschwörungstheorie, kämpferische Ansagen, revolutionäre Ideen und Kommentare zu politischem Geschehen. Auch wenn Anna persönlich eine andere Überzeugung hat, chattet sie gerne über die Themen und liest die Artikel aus Neugier. Ein paar Artikel davon teilt sie auf Twitter.

Was Anna nicht weiß: Einige ihrer Facebook-Freunde werden von der Polizei wegen Verdachts auf terroristische Aktivitäten überwacht. Ob der Verdacht nun begründet ist oder nicht: Annas Kommunikation und Verbindungen mit den Zielpersonen können auch sie verdächtig machen. Durch die gespeicherten Vorratsdaten kann ihre Handy-Kommunikation theoretisch bis zu einem halben Jahr im Nachhinein analysiert werden.

Wer auf Facebook viele Freunde hat, die sich als Anhänger einer bestimmten Partei outen, ist Studien zufolge mit höherer Wahrscheinlichkeit ebenfalls Sympathisant dieser Partei. Die Kommunikation mit verdächtigen Personen macht Anna schließlich bei den Behörden selbst verdächtig. Anna könnte also in Zukunft gezielt überwacht werden.


Gesammelte Standortdaten

Tochter Simone hat bereits eine bittere Erfahrung durch Geodaten machen müssen: Standort-Angaben, die über ein Handy via Mobilfunk und GPS übertragen werden, können Smartphone-Nutzern zum Verhängnis werden.

Bei einer Demonstration im Mai kam es in Wien zu Ausschreitungen. Die Polizei wollte im Nachhinein die involvierten Personen zur Verantwortung ziehen und ermittelte, wer sich zu diesem Zeitpunkt bei der Demonstration befand. Durch Standort-Daten von Handys konnten die Ermittler schnell herausfinden, wer vor Ort war. Simone wurde geladen, zu einer Polizeiwache zu kommen, um eine Zeugenaussage zu machen.

Sie hat sich an diesem Tag allerdings nicht bei der Demonstration selbst aufgehalten, sondern saß in einem Auto und wartete auf eine Freundin. Der Wagen befand sich in unmittelbarer Nähe zum Ort des Geschehens. Sie musste sich den Beamten gegenüber rechtfertigen und beweisen, dass sie nicht anwesend war. Gut, dass Simones Freundin bestätigen konnte, dass die beiden nur zufällig in der Gegend waren.

Die Sache hätte für Simone aber auch anders ausgehen können. Schon beim ersten Gespräch haben die Beamten Simone auch auf ihre politische Tweets, Blogbeiträge und ihre Arbeit bei einer NGO angesprochen. Wie auch ihre Mutter diskutiert Simone in sozialen Netzwerken über Politik. Das alles fanden die Beamten durch eine einfache Google-Suche heraus.


Intelligente Videoüberwachung

An öffentlichen Orten fallen Stefan Überwachungskameras nicht mehr auf. Seit der Sohn von Rainer W. sich mit dem EU-Projekt INDECT beschäftigt hat, machen ihm Videokameras im öffentlichen Raum aber zunehmend Sorgen.

Das Projekt versucht, Algorithmen zu entwickeln, die Behörden helfen sollen, Entscheidungen bei der Terrorismusbekämpfung zu treffen. Stefan hat gelesen, dass INDECT vor allem im städtischen Bereich zum Einsatz kommen soll – dort, wo eben viele Menschen leben und es häufiger zu Vorfällen kommt. Terroristische Bedrohungen sollen durch die Erkennung von "abnormalem Verhalten" frühzeitig erkannt werden.

Zu so einem Verhalten gehört beispielsweise auch das Sitzen auf dem Boden in einem Bahnhof oder einem Flughafen. Wer länger auf einem Platz herumsteht oder plötzlich zu laufen beginnt, macht sich ebenfalls verdächtig. Schnell könnten also auch Stefan oder einer seiner Freunde ins Visier von Behörden geraten.

Personen werden durch das intelligente Videoüberwachungssystem erkannt und ihre Daten mit anderen Datenbanken verglichen – auch mit sozialen Netzwerken wie Facebook, aber vor allem mit Polizeiregistern.

Stefan beruhigt auch die Tatsache nicht, dass dem Projekt eine Ethikkommission beiwohnt. Er befürchtet, dass der Einsatz in Städten wie Wien die Menschen verunsichern und verängstigen könnte. Zudem ist nicht klar, was die Behörden mit all diesen Daten machen werden. Was, wenn diese in falsche Hände gelangen? (br, iww, DER STANDARD, 10.12.2013)

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