Die Gottesanbeterin ist hart im Nehmen

9. Dezember 2013, 17:28
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Die deutsch-britische Performancegruppe Gob Squad führt mit dem Stück "Dancing About" und klingendem Spiel glaubwürdig vor, was die sogenannten wahren Geständnisse des Lebens sind

Biblisch ist der Tanz um das Goldene Kalb bis heute. Als richtig zeitgemäß geht nun aber erst der Tanz um eine Gottesanbeterin durch. Solch ein Insekt sitzt seelenruhig im Zentrum des nicht ganz unaufgeregten Stücks Dancing About der deutsch-britischen Performancegruppe Gob Squad, das im Roten Salon der Berliner Volksbühne zu erleben ist. Mit Western Society war die renommierte Gruppe vor kurzem im Wiener Brut-Theater zu Gast.

Sehr westlich geht es auch in Dancing About zu. Da tanzen erst einmal fünf sympathische Personen, die sich mit jeder Menge grün bemalten Pappendeckeln als Gottesanbeterinnen verkleidet haben. Die Darsteller sind allesamt Mittdreißiger, wie wir alle dank des Gebots der ewigen Zeitgenossenschaft zu sein haben.

Das Quintett imitiert unter Betonung seiner Qualitäten als Nicht-wirklich-Profis eine Art modernen Tanz. Dabei wird sofort klar, dass sich die Zuschauer mit der begeisterten Bewegtheit der Darsteller, die sich über die körperliche Ausdruckskunst hier bitte nicht lustig machen wollen, identifizieren sollen.

Die Tänzer meditieren erst einmal so freimütig wie hingebungsvoll über das Abdriften weg von der nüchternen Realität: "Wir verlieren uns mithilfe des Internets - mit Alkohol", oder: "Wenn wir richtig gut scheißen." Die Gruppe Gob Squad liebt es auch hier ganz offensichtlich, ab und zu ein wahres Wort gelassen auszusprechen.

Tänzer tragen schwere Lasten

Sobald dieser aufheizende Maskentanz geschafft ist, wird eine echte, kopfüber in einem Glaszylinder verharrende Gottesanbeterin auf die Bühne gestellt. Das Tier ist von einer kleinen Kamera dauerüberwacht und groß auf einer Projektionsleinwand zu sehen. Dieses Insekten-Alien rufen die Darsteller an wie ein Orakel: "Wir haben das Recht, etwas von dir zu erwarten." Sie erwarten höheres Verständnis. Vielleicht sogar eine Art Absolution. Und sie beginnen zu beichten.

Ein Mann nähert sich dem schimmernden Glaszylinder und bekennt vor dem Tier, dessen Weibchen den Ruf haben, ihre Männchen nach dem Akt als Nachtisch zu verspeisen, ein nicht allzu großes Geheimnis: "Wir denken zu oft daran, was andere über uns denken." Eine Frau fügt an: "Wir sind gut darin, anderen Schuldgefühle zu vermitteln."

Der Mensch trägt eine schwere Last mit sich. Gewalt und Alkohol kommen über das Geständnis genauso ins Spiel wie das Gespenst der Steuererklärung. Der Steuerberaterin wird sogar ein leidenschaftlicher Extratanz gewidmet: "Anja, ich liebe dich!", gellt es zum Playback des Popschlagers I Turn to You des ehemaligen Spice Girls Mel C. Mitreißend gibt einer der Darsteller auch die Geschichte der wirklich perfekten, überwältigenden zweiten Liebe einer nicht mehr ganz jungen Mutter zum Besten.

"Was wollt ihr von mir?", fragt die Gottesanbeterin nach einer Weile aus ihrem Gehäuse. Sie wollen, was sie notfalls auch im Fernsehen tun, wenn sie nur dürfen: Von sich reden und dabei etwas herauslassen, sie wollen über das tanzen, was das Menschsein des postmodernen Wesens ausmacht. Zum Beispiel sich in einen Filmstar verknallen oder gar verschämt den eigenen Namen googeln. Mann kann auch über das Aussehen eines Penis im Vergleich zu der Attraktivität seines Trägers sinnieren - und den daraus erwachsenden inneren Konflikt sinnlichst herauszutanzen. Man geniert sich nicht, zu einigen wenig ambitionierten Ballettfiguren zu eröffnen: "We enjoy having anal sex."

Freude des Geschlechtlichen

Über die zahlreichen Freuden und Leiden des Geschlechtlichen gibt es der äußerlich geduldigen Gottesanbeterin - und dem innerlich amüsierten Publikum - viel zu sagen und zu springen. Noch mehr geht dann nur noch beim Thema Tod. Ein Highlight: "Dieser Tanz nennt sich Der Begräbnisplaner!" Ein anderes Lied kommt als Geschichte über einen Großvater daher, der seiner Enkelin zeigte, wie ein Zungenkuss geht. Der Opa ist schon gestorben. Da wird die Musik laut, das Insekt in seinem Glasgefängnis beginnt langsam, sich aufzurichten. Auf dem Bühnenboden wird ein von oben gefilmtes Stillleben arrangiert und Voyage, Voyage, eine Schmonzette der Sängerin Desireless aus den 1980er-Jahren, dazu eingespielt. Eine Darstellerin flüstert der Gottesanbeterin zu: "Verstehst du, was ich meine?" Die aber antwortet nüchtern: "Uns fehlt eine gemeinsame Sprache."

Tanzen, nicht schweigen

Ja, so sind sie, unser Gottesanbeterinnen, sie tanzen nicht. Menschen tun das sehr wohl. Sie tanzen, worüber sie nicht sprechen können (Ludwig Wittgenstein hätte dieser Satz wahrscheinlich Würgreiz verursacht). Aber sie schweigen nicht. Nie. Und das ist es, was Gob Squad in diesem Stück wunderbar beredt sagen und tanzen. Hoffentlich kommt es dann bald auch einmal nach Wien. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 10.12.2013)

Die nächste Vorstellung an der Berliner Volksbühne findet diese Woche am 13.12. statt, 2014 dann am 2. Jänner.

  • Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man tanzen: Die Gob Squad geben in Berlin das Stück "Talking About".
    foto: david baltzer

    Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man tanzen: Die Gob Squad geben in Berlin das Stück "Talking About".

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