Aus dem Schatten in die ewigen Jagdgründe

9. Dezember 2013, 07:11
posten

Wie die Schatten der Vergangenheit noch die schönste Gegenwart verdunkeln: Daniela Kranz inszeniert Henrik Ibsens "Die Wildente" als klinisch kalte Versuchsanordnung

St. Pölten - Manche Menschen mögen keine Fotoalben. Womöglich haben sie die tödliche Gefahr erkannt, die in der Vergangenheit lauert. Weil nur ein Detail, aus einem anderen Blickwinkel besehen, alles verändern kann.

Es ist dieses gefährliche Spiel, das Gregers Werle (Tobias Voigt) in Henrik Ibsens Die Wildente mit seinem Jugendfreund Hjalmar Ekdal (Johannes Schmidt) treibt; er will ihm die Augen über seine Lebensumstände öffnen. Tobias Voigt macht das im Landestheater Niederösterreich mit Erlöser-Attitüde: diabolisch in seiner Selbstgewissheit, bieder in seiner gewöhnlichen Bigotterie. Sein Vater hatte einst den alten Ekdal (Helmut Wiesinger) in den Bankrott getrieben und den jungen Ekdal mit seiner ehemaligen Geliebten Gina (Gerti Drassl) verkuppelt. Die 14-jährige Hedvig Ekdal (Lisa Weidenmüller) - in Wahrheit natürlich eine Werle.

Schattenrisse im Tunnel

Benno Ifland spielt diesen Werle mit all der Selbstgerechtigkeit, die einem Unternehmer sein Geld verleiht. Zwanghaft macht es ihn aber auch: Er öffnet den Mund beim Sprechen, als müsste er jeden Muskel einzeln anweisen. Seine Sätze spuckt er aus, als hätte er die Buchstaben im Mund zuvor einzeln auf ihre Konsistenz überprüft. Dieser Mann mag vieles sein - natürlich ist er nicht.

Daniela Kranz' Inszenierung ist eine Versuchsanordnung von bisweilen klinischer Kälte. Hinter einer Leinwand sieht man anfangs noch die jeweils Abwesenden als Schattenrisse. Der große Scheinwerfer aus Ekdals Fotoatelier ist eine der wenigen Requisiten, und dass in seinem Schlaglicht die Figuren zu Schattenrissen werden - das sind am Ende die dunklen Schatten, welche die Vergangenheit auf das Leben der Ekdals wirft. Die Bühne (Ausstattung: Jutta Burkhardt) ist ein sich nach hinten verengender weißer Tunnel. Nur Hedvig trägt Farben, alle anderen sind in Schwarz-Weiß gekleidet. Das entspricht ihrem Denken: entweder - oder.

Ab und zu posieren die Figuren vor einem altmodischen Apparat für ein Foto, als wollten sie ihre Vorstellungen von sich selbst und ihrem Leben bannen. Bezeichnenderweise entgleisen ihnen während der Belichtungszeit jedes Mal Bewegungen und Gesichtszüge. Aber das will hier keiner wahrhaben. Johannes Schmidt, dessen Hjalmar Ekdal wie ein großes, naives Kind jede Verantwortung verweigert, zerfließt vor Selbstmitleid, als er erfährt, dass Hedvig nicht sein Kind ist.

Deren namen- und lautlose Verzweiflung aber findet keinen Platz auf der Bühne. In dieser durchkalkulierten Welt, in der jeder nur glaubt und empfindet, was er soll, ist ihre tiefe, unvermittelte Trauer fehl am Platz. Sie geht auf den Speicher (in St. Pölten tatsächlich ein Wald, der mittels Video auf die Bühne projiziert wird), in dem sich ihr Großvater ein Jagdrevier mit allerlei Kleintieren eingerichtet hat, und jenen Weg, der eigentlich der dort gehaltenen Wildente bestimmt war: in die ewigen Jagdgründe. Das ist traurig. Weil diese so präzise wie kluge Inszenierung aber weiß, dass es Eindeutigkeiten im Leben nur ganz selten gibt, bleibt etwas zurück. Ein zweifelndes: Oder? (Andrea Heinz, DER STANDARD, 9.12.2013)

Bis 11.1.

  • Schwarz auf Weiß und die Vergangenheit immer im Nacken: Gerti Drassl als Gina Ekdal in "Die Wildente".
    foto: alexi pelekanos

    Schwarz auf Weiß und die Vergangenheit immer im Nacken: Gerti Drassl als Gina Ekdal in "Die Wildente".

Share if you care.