Vom Kollektiv zur Ein-Mann-Herrschaft

9. Dezember 2013, 05:30
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Nordkoreas Herrscher Kim Jong-un scheint sich im internen Machtkampf durchgesetzt zu haben. Beobachter halten einen neuen Atomtest für möglich, mit dem Kim seine Spitzenposition konsolidieren will.

Die acht mächtigsten Männer Nordkoreas gaben ihrem Oberbefehlshaber Kim Jong-il im Dezember 2011 das letzte Geleit. Geführt von Sohn Kim Jong-un - dem sein Onkel Jang Song-taek folgte, damals die graue Eminenz der nordkoreanischen Politik -, hielten die Vertreter von Partei, Regierung und Militär mit der schwarzen Limousine Schritt. Auf deren Dach lag der Sarg mit dem an einem Herzinfarkt gestorbenen Diktator.

Das vereinte Auftreten der acht Funktionäre war Pjöngjangs Signal an die Welt: Von nun an führt ein neues Kollektiv unter Vorsitz des gerade erst 28 Jahre alten Kim Jong-un die Geschäfte so, als ob sein Vater noch mit an Bord wäre.

Zwei Jahre später ist Kim keine bloße Galionsfigur mehr, sondern auf dem Weg zum allmächtigen Machthaber, der sich von niemandem mehr den Steigbügel halten lässt. Fünf der Gefährten, die im Trauerzug mitgingen, hat er inzwischen entmachtet, darunter alle vier Militärs. Südkoreas Wiedervereinigungsminister Ryoo Kihl-jae sagte vor dem außenpolitischen Ausschuss des Parlaments in Seoul: "Wenn das eine geplante politische Säuberung war, stehen wir vor dem Beginn der neuen Ära Kim Jong-un." So zitierte ihn die Zeitung Chosun Ilbo.

Neue Atom-Aktivitäten

Zugleich mehren sich Anzeichen, dass Kim zur Konsolidierung seiner Macht zum Ende des Jahres wieder die Atomkarte ziehen will. Satellitenbilder zeigten entsprechende Aktivitäten und verräterische Dampfwolken über Nordkoreas Atomreaktor Yongbyon aufsteigen. Sie deuten auf die Vorbereitung für einen Atomtest hin, den bereits vierten des Landes, berichtete am Freitag Südkoreas Nachrichtenagentur Yonhap. Zuletzt hatte Nordkorea am 12. Februar einen unterirdischen Atomtest durchgeführt.

Der chinesische Nordkorea- Beobachter und Politikforscher Zhang Liangui von der Parteihochschule in Peking hält einen die Welt erneut provozierenden Atomtest für gut möglich. Nach innen würde er in Nordkorea als Signal der Stärke gewertet. Das passe zu den Machtkämpfen, mit denen Kim einen Schlussstrich unter seine Übergangszeit zieht.

Sein jüngster Schachzug sei die politische Ausschaltung seines Onkels Jang Song-taek gewesen, die schon im November von Südkoreas Geheimdiensten gemeldet worden war. Ihr soll die Hinrichtung von zwei untergeordneten Vertrauten des Onkels wegen angeblicher Korruption vorausgegangen sein. "Wir wissen nicht, was diesen Machtkampf ausgelöst hat. Aber eine so wichtige Nachricht würde sich nicht so lange halten, wäre sie nur ein Gerücht."

Als stellvertretender Vorsitzender der Verteidigungskommission und mit seiner Familienanbindung habe der Onkel zwei Jahre lang den Königsmacher für Kim gespielt: "Auf Dauer konnte es nicht zwei Machtzentren in Nordkorea geben", so Zhang zum Standard. Unterschiedliche Ansichten über die weitere Entwicklung könnten eine Rolle gespielt haben. Jang habe für einen Ausbau der Wirtschaft plädiert, da das Land bereits über Atomwaffen zur Abschreckung verfüge. Damit brachte er die Armee gegen sich auf. Kim habe in der Mitte gestanden. Jetzt werde er sich wahrscheinlich wieder der Armee zuwenden.

Die undurchsichtige Lage in Nordkorea war auch Thema der Gespräche, die US-Vizepräsident Joe Biden mit Chinas Staatschef Xi Jinping vergangene Woche führte. Ein US-Delegationsmitglied deutete an, dass selbst die mit Pjöngjang politisch verbündeten Chinesen über die aktuellen Entwicklungen innerhalb der nordkoreanischen Familiendiktatur offenbar nicht informiert sind.

Onkel unter Hausarrest

Für Chinas und Südkoreas Experten fügt sich das rätselhafte Puzzle in Nordkorea Stück um Stück zusammen. Kim Jong-un folgt mit seinen brutalen Säuberungskampagnen den Traditionen von Vater und Großvater. Sein Onkel Jang, der mit der einzigen Schwester von Kims Vater verheiratet ist, stehe unter Hausarrest, meldete die gut vernetzte südkoreanische Zeitung JoongAng Ilbo. Der 67-Jährige müsse jeden Tag "Selbstkritiken" schreiben.

Nordkoreas Medien deuteten die innenpolitischen Veränderungen bisher nur an: Die Rodong Sinmun, Zeitung der Koreanischen Arbeiterpartei, forderte "absolute" Loyalität für Kim. In den vergangenen Wochen hatte sie anspielungsreich geschrieben: "Jeder kann plötzlich zu einem Verräter werden, gleichgültig, wie lange er loyal zur Partei gestanden ist."

Gewissheit über die neue Machtstruktur und wie weit die Umbesetzungen unter Alleinherrscher Kim gehen, erhofft sich Nordkoreaforscher Zhang Liangui spätestens am 17. Dezember: Da jährt sich der zeremoniell begangene Todestag von Präsidentenvater Kim Jong-il zum zweiten Mal. Sohn Kim wird die Gedenkfeiern mit seinen Militär- und Parteiführern in Pjöngjang ausrichten. (Johnny Erling aus Peking, DER STANDARD, 9.12.2013)

  • Das nordkoreanische Staatsfernsehen KCTV zeigt, wie Jang Song-taek während eines Treffens des Politbürs des nordkoreanischen Zentralkomitees abgeführt wird.
    foto: epa/yonhap south korea

    Das nordkoreanische Staatsfernsehen KCTV zeigt, wie Jang Song-taek während eines Treffens des Politbürs des nordkoreanischen Zentralkomitees abgeführt wird.

  • Von Nordkoreas Fortschritten bei seiner Waffenmodernisierung hält Peking offenbar nicht viel. Die neue Ausgabe des chinesischen Militärmagazins "Panzer und Panzerwagen" wählte als Titelbild dieses Foto von einer diesjährigen Militärparade in Pjöngjang. Doch Kim könnte auch wieder die Atomkarte ziehen.

    Von Nordkoreas Fortschritten bei seiner Waffenmodernisierung hält Peking offenbar nicht viel. Die neue Ausgabe des chinesischen Militärmagazins "Panzer und Panzerwagen" wählte als Titelbild dieses Foto von einer diesjährigen Militärparade in Pjöngjang. Doch Kim könnte auch wieder die Atomkarte ziehen.

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