Nahtoderfahrung und Zirkus - Top oder Flop?

Ansichtssache8. Dezember 2013, 18:31
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So viele gute Nachrichten gab es selten in den ersten Minuten eines "Tatorts". "Schwindelfrei" beginnt mit der frohen Kunde, dass LKA-Ermittler Murot seinen Tumor los ist.  

foto: orf/ard/katrin denkewitz

Weil so eine Nahtoderfahrung bekanntlich ganz neue Freiheiten bringt, tut er gleich etwas total Verrücktes: Er lädt seine Assistentin Wächter nach Fulda in den Zirkus ein. Die lässt vor Aufregung gleich den Telefonhörer ins Badewasser plumpsen.

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Die Folge (nach einem Buch und in der Regie von Autor Justus von Dohnányi) ist eine ganz außerordentliche. Alles stimmt hier - so wie die hässlichen Uralt-Tapeten zu den pelzverbrämten Mänteln und hohen Hacken passen, auf denen Wächter durch die Geschichte stöckelt. Wie ein Traum schwebt diese Geschichte über der Erde. Aber weil es halt ein Krimi ist, zeigt die Welt da draußen dann doch ihr hässliches Gesicht: Eine Frau verschwindet aus dem Zirkuszelt.

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Ein Nervenkrimi wird es nicht mehr, und das liegt nicht nur an der verräterischen Besetzungsliste (wann hätte Uwe Bohm je den Guten gespielt?). Aber wie Dohnányi hier die Gruppendynamik im Zirkus zeigt, wie er Josef Ostendorf als Direktor mit näselnder Stimme von Mitbestimmung reden und Diktatur üben und zwei alte Damen im Kaffeehaus über Murot und seine Damenbegleitung tratschen lässt - das sagt vielleicht mehr über die Ursprünge des Bösen aus als jede kriminaltechnische Untersuchung.

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foto: orf/ard/katrin denkewitz

Es endet mit dem schönsten Geständnis aller Zeiten: in Reimform, mit einer Bauchredner-Apparatur dem Mörder buchstäblich in den Mund gelegt. Wenn mal eine "hopps" gehe, wen kümmere das schon, sagt er. "Mich", sagt Murot. An diesen Tatort wird man sich lange erinnern. (Andrea Heinz, DER STANDARD, 9.12.2013)

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"Ein "Tatort', der komplett um seinen Hauptdarsteller herumgezimmert wurde: Als Orchester fungieren hier die Rhythmus Boys, Tukurs Begleitcombo bei seinen Konzerttourneen; Logiklöcher versucht er einfach am Klavier zuzuklimpern", urteilt Christian Buß im "Spiegel". "Erfolglos, leider. Autor und Regisseur Justus von Dohnányi hatte zuvor schon Tukurs Wallace-"Tatort" in Szene gesetzt; was da als kunstvoll ausgeleuchteter und elegant rhythmisierter Irrsinn erstrahlte, ist jetzt aber nur noch fahler, fauler Zirkuszauber."

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"Die Episode ist Nummernrevue und Theaterstück und Schauspielerfilm: eine von Kameramann Karl-Friedrich Koschnick traumschön gezeichnete Zirkusgeschichte. Gesichter hinter zerbrechlichem Glas. Schweres Eisen, das den Zirkuszelten im Brachland Halt geben soll. Und das Geständnis wird in Versform vorgetragen in einem Tatort, der sich nicht verkniffen darum bemüht, einer zu sein. Also: ein Liebhaberstück", schreibt Holger Gertz in der "Süddeutschen Zeitung".

Wie hat Ihnen dieser "Tatort" gefallen? Top oder Flop? (red, derStandard.at, 8.10.2013)

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