Kreditversicherer besiegeln Schicksale

7. Dezember 2013, 18:46
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Knapp 7000 Lieferanten schützen sich mit ihnen vor Insolvenzen. Das Gewicht der Branche steigt, mit dem Rasenmäher sieht sie sich nicht fahren

Wien - Bei Quelle sperrten sie die Kreditlinie nach der Insolvenz der Versandhausmutter. Elektrogerätehändler Cosmos konnte sie mit seinem Rettungskonzept nicht zu einer Rückkehr in die Deckung bewegen. Bei Dayli stiegen sie gar nie ins Boot; zu realitätsfern erschienen ihnen die Pläne der Drogeriemarktkette. Beim Baumarkt-Konzern Baumax beließen sie es bisher mit Warnschüssen. Die Pleite des Bauriesen Alpine bescherte ihnen Schäden in Millionenhöhe.

Kreditversicherer lösen Kettenreaktionen aus und besiegeln gemeinsam mit Banken Schicksale. Die Zeiten, in denen sie diskret im Hintergrund werkten, sind angesichts prominenter Pleiten vorbei. Und nicht selten spielen sie bei Rettung oder Untergang von Betrieben Zünglein an der Waage.

So unspektakulär ihr Job anmutet, so weitreichend sind die Folgen. Die Branche schützt Unternehmen gegen Gebühr vor dem Risiko, bei Lieferungen um ihr Geld umzufallen, und legt dadurch den Grundstein für Handel und Exporte. Erscheint die Gefahr einer Insolvenz zu hoch, kürzen oder kappen sie die Kreditlinien. Was Lieferanten veranlasst, auf die Bremse zu steigen. Werden diese nicht Zug um Zug bezahlt, leeren sich jedoch rasch die Regale. Ein Teufelskreis beginnt, und Kartenhäuser fallen in sich zusammen.

Unternehmer grollen

Die Krise hat das Geschäftsklima zwischen Versicherern und etlichen ihrer Kunden, die sich im Regen stehen gelassen fühlen, abgekühlt. Ohne Vorwarnung seien da Limits auf null gedreht worden - obwohl Ertrag und Eigenkapital weiter solide seien, klagen Unternehmer. Prämien seien ebenso gestiegen wie Selbstbehalte. Alles in Zeiten, in denen man die Rückendeckung am meisten brauche.

Das Bild, das Versicherer zeichnen, ist differenzierter. Sie verstehe das subjektive Empfinden vieler Betriebe, sagt Susanne Krönes, Expertin bei Coface Austria, "aber wir können nicht heile Welt spielen und Firmen auf dem See tanzen lassen, obwohl sein Eis immer dünner wird". Ihre Branche ist aus ihrer Sicht nie beim ersten Windhauch weg, bleibt so lang im Risiko wie irgendwie vertretbar, auch wenn darüber meist nicht groß geredet wird. "Doch sinkt die Bonität stark, müssen wir reagieren."

Melitta Schabauer, Prokuristin des Marktführers Prisma, erinnert an 2009, wo Schäden dreimal höher waren als Prämien. "Wir können nicht mit wehenden Fahnen mit Firmen untergehen." Atradius-Chef Franz Maier sah Betriebe in den vergangenen Jahren reihenweise umfallen. "Wir müssen Risiken aufzeigen und handeln."

Kreditversicherer beziehen ihre Informationen über Auskunfteien wie Kreditschutzverbände, analysieren Bilanzen und Geschäftsberichte, tauschen sich mit Banken aus und suchen Gespräche mit Ei- gentümern und Managern an Ort und Stelle. Ihre Kunden sind verpflichtet, bei schlechter Zahlungserfahrung Meldung zu tun. Dass bei der Beurteilung von Bonitäten mit dem Rasenmäher drübergefahren wird, weist die Branche zurück. Schabauer: "Es sind schwierige Entscheidungen - noch dazu wenn es um sehr viele Arbeitsplätze geht." Hohe Bedeutung erhalten ihr zufolge daher auch weiche Faktoren abseits harter Bilanzen, wie Vertrauen in Produkte und die Fähigkeit handelnder Personen.

Aktuellen Studien von Atradius zufolge blieben Lieferanten in Österreich heuer auf 5,7 Prozent der offenen Rechnungen sitzen - ein Zuwachs von 78 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Ihre Forderungen absichern lassen sich 6000 bis 7000 österreichische Betriebe. Es ist nur ein Viertel jener, die für die fünf Kreditversicherer hierzulande infrage kommen. Und es sind vor allem kleine Betriebe, die auf ihre Dienste verzichten. Finanziell zu Buche schlagen sich diese in der Regel mit bis zu einem Prozent des Umsatzes. Der Selbstbehalt liegt meist bei 20 Prozent.

Maier ist überzeugt, dass seine Branche mittelfristig mehr an Gewicht gewinnt. Dafür sorgen allein die Regeln von Basel III, die Banken eine höhere Deckung der Kredite mit Eigenkapital vorschreiben. Der Atradius-Direktor erwartet, dass Institute bei der Finanzierung von Forderungen künftig auf eine Rückendeckung durch Kreditversicherer bestehen.

Die Versicherung von Exporten war in Österreich bis 1989 ein Mo- nopol des Bundes. Dann stieg Prisma in den Markt ein und sicherte sich seither mit dem Branchenriesen Euler Hermes als Partner rund 40 Prozent des Geschäfts. Coface fährt unter französischer und Atradius unter spanischer Flagge.

Als Lehrbeispiel für den Nutzen ihrer Arbeit führt die Branche gerne Dayli an: Lieferanten verloren gut 18 Millionen Euro an die Drogeriekette. Versichert war keiner, da Kreditversicherer ob zu vieler offener Fragen die Deckung verweigerten. Ihr Tenor: Hätte die Industrie auf sie gehört, wäre ihr viel Schaden wohl erspart geblieben. (Verena Kainrath, DER STANDARD, 7.12.2013)

  • Dayli musste auf Kreditversicherer verzichten, Ware gab es vielfach nur gegen Bares.
    foto: apa/hochmuth

    Dayli musste auf Kreditversicherer verzichten, Ware gab es vielfach nur gegen Bares.

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