Ex oriente lux: Pisa auf japanisch

Kommentar der anderen6. Dezember 2013, 18:54
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Die Erleichterung über die wiedergefundene Mittelmäßigkeit der hiesigen Schüler bei Pisa ist zu wenig

Die heimische Reaktion auf das eher mittelmäßige Abschneiden bei Pisa 2012 war recht österreichisch: genügsame Erleichterung, wenigstens nicht weiter zurückgefallen zu sein; Schadenfreude, dass das "Gesamtschulland" Finnland nicht mehr ganz oben ist; Neid auf den Leistungszuwachs der Schweiz und Unbehagen über den spektakulären Aufstieg Polens. Und dazu jede Menge selbstgebastelte Mutmaßungen wie manche Länder zu ihrer Position in der Pisa-Rangreihe gekommen sind.

Ein schönes Beispiel dafür war die von den Befunden der internationalen Bildungsforschung unangekränkelte Behauptung des Mathematikers Rudolf Taschner hier im Standard, der Erfolg der ostasiatischen Länder beruhe "natürlich" auf "Drill für Pisa".

Kreative Didaktik

It ain't necessarily so. Hätte er, was einem pädagogisch interessierten Mathematiker durchaus zuzumuten wäre, Kenntnis von der großangelegten Studie, die den Mathematikunterricht in Deutschland, den USA und Japan verglichen hat, hätte er erfahren, dass der japanische Mathe-Unterricht nicht auf Drill beruht, sondern auf einer höchst kreativen, die Kinder aktivierenden Mathematikdidaktik. Und hätte er wissen wollen, was sich aus Pisa lernen lässt, wäre ihm der 2011 publizierte OECD-Bericht "Strong Performers and Successful Reformers in Education" zur Verfügung gestanden, der die Faktoren und Rahmenbedingungen der bei Pisa erfolgreichen Schulsysteme analysiert.

Schulsysteme sind nun einmal hochkomplexe Organisationen, in denen zahlreiche Faktoren (die Qualität der Lehrerschaft, die Struktur des Schulsystems, der Bildungsgrad der Eltern, die Lernbereitschaft der Schüler etc.) zusammenwirken. Schulleistungen sind daher "multikausal" zu erklären; es kann sehr wohl sein, dass ähnliche Leistungen zweier Länder bei Pisa durch ganz unterschiedliche nationale Gewichtungen dieser Faktoren zustande kommen. Sich bloß einen Faktor herauszuklauben und darüber zu spekulieren, führt in die Irre.

Im Interview mit Taschner fragt Lisa Nimmervoll, wie die Dominanz der ostasiatischen Länder bei Pisa zu erklären ist. Wer den Film Alphabet gesehen hat, dem mag bei dieser Frage der arme chinesische Knabe eingefallen sein, der von seiner überambitionierten Mutter von einem Mathematikwettbewerb zum anderen gequält wurde. Aber: Wie repräsentativ ist dieser Schüler denn für das riesige chinesische Schulwesen?

Im Falle Südkoreas meint selbst der sehr "leistungsfreudige" Andreas Schleicher, der bei der OECD das Pisa-Projekt leitet, dass dort die gesamtnationale Obsession mit Schulleistungen ein besorgniserregendes Maß erreicht hat. Ich will versuchen, mich der Nimmervoll'schen Frage am Beispiel jenes fernöstlichen Landes zu nähern, das nicht erst seit Pisa, sondern schon bei früheren internationalen Schulleistungsvergleichen immer wieder Spitzenpositionen einnimmt - Japan.

Japan gehört zum Einflussbereich des Konfuzianismus, in dem Lernen, die Institution Schule und der Beruf des Lehrers eine außerordentlich hohe Wertschätzung genießen. Das Wort für Lehrer, "sensei", hat die Konnotation eines Ehrentitels für eine weise Person, der man Respekt und Gehorsam schuldig ist. Der Lehrberuf ist in Japan so attraktiv, dass sich siebenmal so viele Universitätsabsolventen mit Lehrerbildung bewerben als aufgenommen werden. Hätten österreichische Lehrergewerkschaftsfunktionäre eine Ahnung, wie umfassend (" all-inclusive"), wie stolz und wie hochbedankt von der Elternschaft ihre japanischen Kollegen ihre Berufsrolle ausüben, würden sie wahrscheinlich kollektiv Harakiri begehen.

Japanische Lehrer verbringen üblicherweise Montag bis Freitag von etwa acht Uhr bis etwa 17 Uhr in ihrer (Ganztags-)Schule. Nach Beendigung des formellen Unterrichts um etwa 15.30 Uhr betreuen sie die vielen künstlerischen oder sportlichen Klubs, oder sie geben lernschwachen Kindern Förderunterricht.

Sitzenbleiben gibt es in Japan nicht. Es gehört zum kollektiven Berufsethos der japanischen Lehrerschaft, dass möglichst alle ihre Kinder die Lernziele der neunjährigen Gesamtschule erreichen, und das in heterogenen Klassen mit durchwegs 35 bis 40 Kindern. Was ihnen die Arbeit erleichtert, sind die sogenannten han, Gruppen von fünf bis sechs Kindern, die sowohl hinsichtlich Disziplin als auch Lernfortschritt füreinander verantwortlich sind.

Mehr Zeit zu lernen

Diese Entlastung der Lehrer führt dazu, dass japanische Schulklassen im internationalen Vergleich erheblich mehr Zeit für gezieltes Lernen (" time-on-task") haben. Nach verlässlichen Schätzungen erhalten japanische Kinder im Vergleich zu amerikanischen während ihrer neunjährigen Pflichtschulzeit zwei "zusätzliche" Jahre Unterricht, nicht nur deswegen, weil das Schuljahr länger und die Ferien kürzer sind als in den westlichen Ländern, sondern weil viele Kinder drei- bis viermal pro Woche nach dem Unterricht auch noch eine "Juku-Nachhilfeschule" besuchen; nicht weil sie von Misserfolg bedroht sind, sondern weil sie ihre Chancen bei der Aufnahmsprüfung für die Oberstufe erhöhen wollen. Manche Jukus sind Filialen riesiger nationaler Nachhilfeketten, andere das "Kleingewerbe" pensionierter Lehrer.

Im Unterschied zu westlichen Müttern sind japanische Mütter davon überzeugt, dass Lernerfolg weniger von Begabung, sondern vielmehr von Fleiß abhängt. Manche Kinder empfinden diese allgegenwärtige Lernzumutung als belastend. (Nur so nebenbei: Die Suizidrate unter Kindern und Jugendlichen ist in den USA höher als in Japan.)

Muse kommt nicht zu kurz

Das Musische kommt dennoch nicht zu kurz. Alle Schüler lernen mindestens ein Musikinstrument, und die meisten Mittelschulen für Zwölf- bis 15-Jährige haben riesige, exzellente Blasorchester.

Viele japanische Kinder und ihre Eltern verlassen sich beim Schulerfolg nicht allein auf die irdische Nachhilfe. In Kioto gibt es den Kitano-Tenmangu-Schrein, bei dem man selbst in den Sommerferien feierlich gekleidete Schulklassen mit ihren Lehrern antrifft.

Die Kinder erflehen den Beistand des Himmels, nicht für Pisa, sondern für die Oberstufenaufnahmsprüfung; die Lehrer beten möglicherweise darum, dass ihnen Lehrergewerkschaftsbosse wie die österreichischen erspart bleiben.  (Karl Heinz Gruber, DER STANDARD, 7.12.2013)

KARL HEINZ GRUBER (Jahrgang 1942) lehrt Vergleichende Erziehungswissenschaft an der Universität Wien und ist Research Fellow an der Universität Oxford. In den vergangenen 25 Jahren hat er viele Monate in japanischen Schulen verbracht. Er war Mitglied und für zwei Jahre Chairman des Governing Board des OECD Centre for Educational Research in Paris.

  • Karl Heinz Gruber: irreführende Spekulationen.
    foto: standard/urban

    Karl Heinz Gruber: irreführende Spekulationen.

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