Dorfversammlung in Äthiopien: "Hatten keine Ahnung von Folgen der Entwaldung"

Interview6. Dezember 2013, 17:47
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Wie sehen die Bewohner eines Dorfs in Äthiopien ihre Lage? Was sind ihre Probleme, und was halten sie von Entwicklungshilfe? Tobias Müller hat der Dorfversammlung von Yabela einige Fragen gestellt

Menschen für Menschen (MfM) hat den Standard auf eine Reise zu zwei ihrer Projektgebiete in Äthiopien eingeladen. Als die NGO-Mitarbeiter und die Journalisten nach Yabela kommen, findet gerade eine Dorfversammlung statt.

Standard: Hat Ihnen die Arbeit von MfM etwas gebracht?

Abebe Begi: Die Verbesserungen hier sind nicht in Worte zu fassen. MfM steht für uns gleich neben Gott. Früher war es undenkbar, dass Autos in unser Dorf kommen, bis MfM den Feldweg gebaut hat. Wir hoffen sehr, dass wir auch bald die Verbesserungen bekommen, die die anderen Projektgebiete bereits haben. Wann bekommen wir Brunnen oder ein Gesundheitszentrum?

Standard: Warum sollten Menschen in Europa für Menschen in dieser Gegend spenden?

Lemesa Dissasa (Dorfältester): Äthiopien ist an sich schon ein sehr armes Land, wir hier sind noch ärmer. Es gibt hier überhaupt nichts. Wir haben viele Probleme, die wir allein nicht bewältigen können.

Standard: Können Sie ein paar Beispiele nennen?

Dissasa: Es gibt kein sauberes Wasser, es ist voller Amöben, wovon wir Durchfall bekommen. Es gibt nicht genug Schulen, unsere hier ist 1972 gebaut worden und zerfällt. Es gibt kein Spital, viele Frauen sterben bei der Geburt oder auf dem Weg ins nächste Dorf. Die Rinder sind krank, und es gibt keine Veterinärmedizin. Es gibt keine richtige Straße nach Kachisi, die nächste größere Stadt ...

Mann aus der Menge: ... Es gibt immer mehr Menschen und immer weniger zu essen. Die Ernten werden immer schlechter, es gibt nicht genug Rinder. Früher ging es uns viel besser.

Standard: Warum wird die Ernte immer schlechter?

Mann aus der Menge: Das Land wurde wegen Missmanagements entwaldet, das führte zu Erosion, jetzt ist der Boden nicht mehr fruchtbar. Die Bauern brauchen große Mengen Dünger, und der ist zu teuer.

Beyene Debelo: Früher gab es hier sehr große Bäume, aber sie wurden alle gefällt. Wir hatten vor zehn Jahren keine Ahnung von den Folgen der Entwaldung, erst MfM hat uns das erklärt. Niemand wusste bis vor ein paar Jahren etwas von Familienplanung. Wer heiratete, bekam mehr und mehr Kinder.

Standard: Hat sich das geändert?

Debelo: Die meisten verhüten nun.

Berhanu Bedassa (Leiter MfM-Äthiopien und Übersetzer): Ein großes Problem ist die Versorgung. Das Wissen ist da, aber die Leute bekommen die Mittel oft nicht.

Standard: Wir waren vorher an der Quelle, wo die Leute aus dem Dorf Wasser holen. Die Rinder stehen dort direkt neben der Wasserstelle, dabei ist Viehmist einer der wesentlichsten Gründe für verschmutztes Trinkwasser. Warum ändern Sie das nicht?

Dissasa: Wir wussten lange nicht, dass die Tiere das Wasser verschmutzen, dank Kursen von MfM und der Regierung ist uns das nun bewusst. Wir haben allerdings noch nicht alles umgesetzt.

Standard: Was gibt es für Möglichkeiten, Ihre Lage zu verbessern?

Debelo: Das größte Problem ist immer noch die Straße. Wir versuchen seit zehn Jahren, eine direkte Straße den Berg hinauf nach Kachisi zu bauen, aber wir schaffen es nicht. Letztes Jahr zum Beispiel gab es einen Erdrutsch nach der Regenzeit, der hat sie wieder zerstört. Der Krankenwagen kommt deswegen nicht hierher, genauso wenig wie die Lkws. Wir haben keinen Zugang zum Markt in Kachisi und können unsere Waren hier nicht verkaufen.

Rupert Weber (MfM-Österreich-Geschäftsführer): Die Leute spenden leider nicht gern für Straßen. Es ist viel leichter, Geld für Kinder zu sammeln. Dass aber Straßen genau diesen Kindern oft helfen würden, verstehen oder sehen viele nicht.

Standard: Tut die äthiopische Regierung genug, um dieser Gegend zu helfen?

Bedadssa: Diese Frage sollten Sie den Leuten nicht stellen, sie werden sie nicht öffentlich beantworten wollen. Kommendes Jahr sind Wahlen, und da sind politische Fragen heikel. (Tobias Müller, DER STANDARD, 7.12.2013)

Yabela ist ein Dorf im Westen Äthiopiens, etwa 200 Kilometer von der Hauptstadt Addis Abeba entfernt. MfM hat vor einem Jahr begonnen, das Gebiet um das Dorf zu entwickeln, insgesamt sollen mehr als 1200 Haushalte davon profitieren. Demnächst soll ein neuer Brunnen entstehen, die EU und MfM arbeiten gemeinsam an einer besseren Straße. Weil diese derzeit zu schlecht ist, kann die Schule nicht renoviert werden - die Lkws kommen nicht durch. Finanziert wird das gesamte Gebiet von einem österreichischen Großspender. Die Dorfbewohner sind - wie bei allen MfM-Projekten - verpflichtet, bei den Arbeiten zu helfen oder sie selbst zu erledigen.

  • Bewohner von Yabela im Westen Äthiopiens bei ihrer Dorfversammlung. Für die Menschen hier das größte Problem: Es gibt keine richtige Straße in die nächste Stadt, sie können ihre Produkte nicht verkaufen.
    foto: tobias müller

    Bewohner von Yabela im Westen Äthiopiens bei ihrer Dorfversammlung. Für die Menschen hier das größte Problem: Es gibt keine richtige Straße in die nächste Stadt, sie können ihre Produkte nicht verkaufen.

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