"Es liegt nun in euren Händen"

6. Dezember 2013, 18:16
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Tief ist in Südafrika die Trauer um den Tod von Nelson Mandela, der am Donnerstag im Alter von 95 Jahren verstarb. Doch das Ende ist auch ein Beginn: Das Land muss nun zeigen, dass es den Weg des Freiheitshelden weitergehen kann

Die Nachricht vom Tod des 95-jährigen Helden der südafrikanischen Befreiungsbewegung kommt als Schock für die Menschen, obwohl sich Südafrika schon länger darauf vorbereitet hatte. In der Trauer um den Gründungsvater der demokratischen Nation wird aber gleichzeitig auch sein Leben gefeiert. "Ein Leben, gut gelebt", formuliert es Präsident Jacob Zuma; gefolgt von "Lang lebe Madiba!"

Die Menschen zünden Kerzen an und legen Blumen und Gedenktafeln vor sein Haus, sie singen alte Lieder aus dem Anti-Apartheid-Kampf und tanzen. Mit stündlich mehr Akzeptanz bereitet man sich auf eine Woche der Trauerfeierlichkeiten vor, doch es bleibt dabei: Die Trauer um das Symbol des Freiheitskampfes sitzt bei allen tief. Der Sonntag soll nach dem Willen der Regierung ein Tag des Gebets sein, an dem man über den Weg Mandelas reflektiert, der zur menschlichen Würde geführt und Toleranz statt Hass gelehrt hat.

Abschied nehmen wird Südafrika am Dienstag mit einer öffentlichen Gedächtnisfeier im FNB-Stadion in Soweto, einem Schauplatz der Fußball-WM 2010. Dann wird Mandela öffentlich aufgebahrt - in Pretoria, von wo aus der erste schwarze Präsident fünf Jahre lang regierte. Am 15. Dezember tritt Madiba, so sein Clanname, seine letzte Reise an und wird im Heimatdorf Qunu beigesetzt.

Das Ende eines Kampfes

Hubschrauber kreisten in der Nacht seines Todes über Mandelas Haus, die Polizei sperrte die Zufahrt ab, Menschen weinten und legten Blumen nieder. Im Laufe des Freitagvormittags kamen dann auch immer mehr Menschen in der Township Soweto vor Mandelas früherem Haus zusammen. Dort hatte er noch vor seiner 27-jährigen Haft Anfang der 1960er-Jahre mit seiner damaligen Frau Winnie gewohnt.

In seinem letzten Wohnhaus hatte schon am Mittwoch ein Familientreffen stattgefunden; und was viele Menschen da schon ahnten, wurde kurz darauf wahr: Madiba hat den Kampf um sein Leben aufgegeben. Seit dem Spitalsaufenthalt Anfang Juni hatte er sich nicht mehr erholt und war von einem Ärzteteam rund um die Uhr betreut worden. Noch in dieser Woche hatte seine älteste Tochter Makaziwe Mandela erklärt, er liege zwar auf dem Sterbebett, doch er sei stark und kämpfe.

"Von Grund auf gut"

Nun treffen Beileidsbekundungen aus aller Welt ein. US-Präsident Barack Obama beschrieb Nelson Mandela als "einen der einflussreichsten, tapfersten und von Grund auf guten Menschen, mit dem wir einige Zeit auf dieser Erde teilen konnten".

"Mandelas Tod signalisiert das Ende einer Ära, geprägt von heroischen Errungenschaften seiner Generation", erklärte der frühere Präsident Thabo Mbeki. Ein sichtlich bewegter Erzbischof Desmond Tutu dankte der Familie, dass sie Nelson Mandela mit Südafrika und der Welt geteilt hat. "Wer könnte ihn je vergessen!"

Die tiefe Trauer über den von vielen als größte Ikone des 20. Jahrhunderts verehrten Mandela ist stark, aber trotzdem feiern die Menschen in Südafrika das Leben und die Legende ihres Helden mit lautstarken Gesängen. Sie stimmen Viva Mandela, die Nationalhymne Südafrikas oder auch die Lieder vom Kampf an, der 1994 zu den ersten freien Wahlen des Landes und endgültig zur Befreiung führte.

Erstmals, so sagen viele Südafrikaner, fühlen sie sich ohne Vater und auch ohne jenen Mann, der das Land versöhnt hat. "Tata" (Vater) habe nach den Idealen von Gleichberechtigung und Vergebung den Hass zwischen Schwarz und Weiß überwunden und das Überkommensein von Rassentrennung und Diskriminierung möglich gemacht.

Südafrikas neue Identität

Auch wenn die Wunden im Volk noch tief sind: Südafrika feiert im April 2014 20 Jahre Demokratie und hat, durch Mandelas Wirken, eine neue Identität als Nation herausgebildet. Er gab den Menschen Hoffnung, die eigenen Träume leben zu können. Auch wenn es in den letzten Jahren keine öffentlichen Auftritte und moralische Fingerzeige mehr gab: Er war das Gewissen Südafrikas. Das wird auch durch die Dokumente im Nelson Mandela Centre of Memory sehr deutlich.

In Madibas Worten, die er nach seinem Rückzug im Jahr 2004 verkündete, liegt wohl auch die künftige Herausforderung für Südafrika: "Es liegt nun in euren Händen." Die große Aufgabe für sein Volk ist es jetzt, die Vision Mandelas von einem friedvollen, vereinten Südafrika zu leben. (Martina Schwikowski aus Johannesburg, DER STANDARD, 7.12.2013)

  • Grüße und Botschaften von Bewohnern der Township Soweto bei Johannesburg auf einem riesigen Poster in der Vilakazi-Straße, wo Nelson Mandela viele Jahre lebte.
    foto: reuters/siphiwe sibeko

    Grüße und Botschaften von Bewohnern der Township Soweto bei Johannesburg auf einem riesigen Poster in der Vilakazi-Straße, wo Nelson Mandela viele Jahre lebte.

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