Ilse Kilic: Wer hat mich erfunden?

8. Dezember 2013, 17:00
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Ich könnte ganz einfach auch erfunden sein als urbane Lebensform in Mitteleuropa, als Hasenfuß mit Lebensangst, als Lebewesen in fröhlicher Melancholie

Als ich als junges Mädchen meine Leidenschaft für das Lesen entdeckte, spielte ich mit dem Gedanken, dass nicht nur die Welten in den Büchern erfunden waren, sondern dass auch die wirkliche Welt quasi in einem Buch stattfand, also nieder- oder aufgeschrieben wurde, irgendwo von irgendwem.

Natürlich bin ich jetzt erwachsen, wobei: Wieso natürlich? Und: Was heißt erwachsen? (Aus dem Wort "erwachsen" habe ich das Anagramm "waechsern" gebaut, dabei fällt mir die Lebenskerze ein, die mit dem Älterwerden herunterbrennt.) Oder wurde ich einfach als Erwachsene, nein, als ältere Frau erfunden, von einem Autor oder einer Autorin, die sich mit dem Leben der Erwachsenen und insbesondere dem Leben älterer Frauen befasst? Einem Autor oder einer Autorin, die sich mit den Fragen des Älterwerdens als Möglichkeit aller Lebewesen befasst?

Eigentlich glaube ich als Erwachsene zu wissen, dass ich keine Erfindung bin und in der wirklichen Welt lebe, einer Welt, die niemand erfunden hat und deren Gesetzmäßigkeiten keinem unbarmherzigen Romancier geschuldet sind. Aber wieso glaube ich das zu wissen? Zum Beispiel, weil ich wirklich bin, ganz klar und ganz und gar "echt", kein Wesen aus Papier, sondern eines, das Freud und Leid empfindet, Entscheidungen trifft und die Konsequenzen der Entscheidungen tragen muss. Aber müssen das nicht auch die Romanfiguren, ja müssen sie nicht ebenfalls den Kausalzusammenhängen gehorchen, die sie nicht völlig durchschauen? Also fast so wie ich? Das wirkliche Leben lässt sich, was Kausalzusammenhänge betrifft, sowieso nicht in die Karten schauen. Hoppla. Und nochmals hoppla. Also, ich lese Bücher, in denen Autorinnen und Autoren Welten erfinden, von denen sie annehmen, dass es sie nur in der Fantasie gibt. Falsch. Es gibt die Welten, irgendwo, außerhalb des Buches, in der Vergangenheit vielleicht oder in der Gegenwart, in einem fernen Land, in der Wohnung nebenan, in einem Traum oder einem Albtraum. Und manchmal ist die beschriebene Welt der wirklichen Welt zum Verwechseln ähnlich.

Ist es also möglich, das Beschriebene mit dem Wirklichen zu verwechseln? Als Kind gelang mir das auf eine für meine Eltern ein wenig beunruhigende, mühelose Art und Weise. Dass Winnetou nur in der Fantasie von Karl May vorkam, konnte ich fast nicht glauben. Dass die Höhlenkinder nicht wirklich im einsamen und unheimlichen Tal überleben, nicht wirklich in spielerischem Ernst das zum Leben Notwendige erlernen bzw. die "wichtigen" Erfindungen der Menschen wie "Löffel" oder "Nähnadel" nachvollziehen, war ebenfalls eine Enttäuschung. Ja, ich erinnere mich an einen Gedanken, den ich bei Adorno erstmals gelesen habe: Die dargestellten Wirklichkeiten wirken manchmal realistischer als die wirkliche Wirklichkeit.

Am I just a Product of a Mind", singt mein Lieblingssänger Kevin Coyne mit der ihm eigenen mutigen Verzweiflung, mit dem ihm eigenen verzweifelten Mut, und ich frage mich, wessen Geistes Produkt ich selbst sein könnte, anders gefragt, wie wohl ein Autor, eine Autorin beschaffen sein müsste, um mich zu erfinden. Wäre sie mir wohlgesonnen? Welche Fragestellung, welche Probleme und Forschungsgegenstände würden durch Vorführen meiner Person im Text illustriert, unterstrichen, beleuchtet oder etwa verdunkelt?

Eine mir schmeicheln wollende Autorin könnte mich zum Beispiel als begabte Schriftstellerin erfinden, die, niemals ganz unbeirrt von den leider knapp bemessenen finanziellen Ressourcen das tut, was Schriftstellerinnen gewöhnlich tun, nämlich schreiben. Halt, den Begriff Begabung lehne ich ab, weswegen ich der mir schmeicheln wollenden Autorin in diesem Punkte widersprechen müsste. Ein Autor, der sich mehr für Norm und Normabweichung interessiert, könnte anhand meiner Person die Frage nach Norm und Devianz stellen. Jemand, der oder die ein soziologisches Feld darstellen will, könnte mich als Bewohnerin des "Fröhlichen Wohnzimmers", als Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung und als Gefährtin des Schriftstellers Fritz Widhalm erfinden.

Eine andere Welt ist möglich

Wer dramatische Lebensläufe zum Thema seines oder ihres literarischen Werkes macht, würde an mir die Wirkungen eines zuweilen auch existenziell bedrohten Lebens ausarbeiten: Sarkasmus und Ironie, aber auch Engagement und Kooperationsbereitschaft. Ferner wäre ich zu erfinden als Cancer Survivor (ich hoffe), als leidenschaftliche Schwimmerin, die sich vorgenommen hat, im Sommer 2014 wiederum den Attersee zu durchschwimmen, als Hüterin des roten Katers der Kollegin Christine Huber, als Mitbesitzerin einer Sammlung von Glücksschweinen, als Gegnerin der romantischen Liebe, als eigentlich ganz normale Person, als ehemaliges pflegendes Kind, als Inhaberin einer sogenannten posttraumatischen Belastungsstörung, als Maturantin des Jahrgangs 1976, als agnostische Fußpilgerin nach Mariazell, als jemand, die gerade ein Butterbrot isst und sich überlegt, wie die wichtige Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen einen passenden Platz in diesem Text finden könnte.

Eine Autorin oder ein Autor mit Interesse an Familiengeschichten könnte mich erfinden als Tochter eines Lehrers und einer Lehrerin und als Enkelin eines Donaudampfschifffahrtskapitäns. Jemand mit Interesse an tierischen Lebensformen im Zusammenhang mit dem urban-städtischen Lebensraum könnte mich als ehemalige Besitzerin eines Dackels erfinden, weiters eines Wellensittichs, eines Meerschweinchens und verschiedener Katzen, ferner auch als Inhaberin von Flöhen und immer wieder und mehr oder weniger dauerhafte Heimstatt diverser einzelliger Lebensformen, deren Präsenz mir mehr oder weniger lebensnotwendig, störend oder bedrohlich erschiene.

Ich könnte auftreten als jemand, die literarische Inhalte durch das Nadelöhr der Form zwängt, um ihnen gewachsen zu sein und die sich an der Spitze dieser Nadel gelegentlich schon die Finger zerstochen hat. Ich könnte auch ganz einfach erfunden sein als urbane Lebensform in Mitteleuropa, als jemand, die schon mal im Gegensatz zum Allgemein Bürgerlichen Gesetzbuch stand, als Hasenfuß mit Lebensangst, als Lebewesen in fröhlicher Melancholie, als jemand, auf deren Grabstein in möglichst ferner Zukunft stehen soll: Eine andere Welt ist möglich.

Ein wenig wohlmeinender Schriftsteller, eine mir als literarische Figur wenig wohlgesonnene Autorin könnte mich auch als jemand erfinden, dessen Lebenserwartung nur bei etwas über 63 Jahren liegt. So hat der Kollege Bernhard Kathan die durchschnittliche Lebenserwartung der Schriftsteller und Schriftstellerinnen der Grazer Autorinnenversammlung errechnet und die Tatsache, dass diese weit unter dem österreichischen Durchschnitt liegt, zumindest teilweise auf die oft prekären Lebenssituationen der Schreibenden zurückgeführt. Würde ich also als Schriftstellerin mit dieser durchschnittlichen Lebenserwartung erfunden, so blieben mit noch etwas mehr als acht Jahre. Das ist nicht wenig. Sehr viel ist es aber auch nicht.

Ja, es sieht so aus, als bräuchte es mehr als einen Autor, mehr als eine Autorin um mich zu erfinden, oder, sagen wir so: Ich erfinde mich einfach nach und nach selbst. Und gelegentlich auch ein bisschen anders. Das geht, vielleicht.

Ich hab ja fast alle Zeit meiner Welt. (Ilse Kilic, Album, DER STANDARD, 7./8.12.2013)

Ilse Kilic, geboren 1958, lebt im "Fröhlichen Wohnzimmer" (www.dfw.at) und betreibt gemeinsam mit Fritz Widhalm ein Glücksschweinmuseum. Zuletzt erschien von ihr das Buch "Wie der Kummer in die Welt kam" im Ritter-Verlag (Klagenfurt/Graz, 2013). 

  • "Der Attersee, den 2014 zu durchschwimmen ich mir vorgenommen habe."
    foto: attersee schifffahrt

    "Der Attersee, den 2014 zu durchschwimmen ich mir vorgenommen habe."

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