Meister auf den zweiten Blick

7. Dezember 2013, 17:46
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Infrarot- und Röntgenaufnahmen entlarven Verkanntes: zwei Beispiele, die derzeit die Fachwelt intensiv beschäftigen

Unter dem Titel "Ein unbekannter Raffael in Wien" hatte das Neue Wiener Tagblatt am 1. Jänner 1924 über einen spektakulären Kunstankauf berichtet. Demnach habe der Bankier, Unternehmer und Schriftsteller Richard Kola (1872-1939) für 420 Millionen Kronen ein von Forschern bislang unbeachtetes Porträt Papst Julius II. erworben. Gemäß dem Verbraucherpreisindex entspricht das einem heutigen Gegenwert von etwa 163.000 Euro.

Nun, 90 Jahre später, genießt das Bildnis über eine eigene Ausstellung im Städel-Museum (Frankfurt) jenen öffentlichen Ruhm, den ihm die Wissenschaft jahrzehntelang verwehrt hatte.

Ob sich die Kola-Erben darüber freuen? 2007 hatten sie das Gemälde dem Dorotheum zur Versteigerung übergeben. "Das vorliegende Porträt geht auf ein früher Raffael zugeschriebenes Bildnis zurück, von dem mehrere Repliken existieren. Es galt in der jüngeren Vergangenheit als eigenhändiges Werk von Raffael oder Sebastiano del Piombo", informierte der Katalog. Das erwähnte Gutachten stammte jedoch aus dem Jahr 1905, eine aktuellere Expertise hatte man jedoch nicht eingeholt, deklarierte das Werk als "Nachahmer" und taxierte es auf 8000 bis 12.000 Euro.

Am Tag der Auktion war es unverkauft geblieben, so nützte der deutsche Kunsthändler Hans Ellermann die Gunst der Stunde und erwarb es für 10.400 Euro. Gute zwei Jahre später verkaufte dieser es an das Städel-Museum in Frankfurt, wie dieses im Dezember 2011 verlautbarte.

Angaben zum Ankaufspreis wollte das Museum mit Verweis auf eine Stillschweigevereinbarung nicht machen. Ein sieben-, womöglich achtstelliger Betrag? Es folgte kein Dementi, nur ein schlichtes "kein Kommentar". Wiewohl die deutschen Steuerbehörden - die in der Causa Gurlitt nachweislich wenig zimperlich agierten - genau daran Interesse haben könnten: Denn den Deal hatte Ellermann als Privatsammler mit Hauptwohnsitz in der Schweiz abgewickelt, wie seitens des Museums damals auf Anfrage zu erfahren war.

Vom "Nachahmer" hatte sich das Gemälde jedenfalls innerhalb vergleichsweise kurzer Zeit und lukrativ zu einem "Raffael und Werkstatt" verwandelt. Neben der Kabinettausstellung (bis 2. Februar 2014) informiert nun auch ein detaillierter Katalog (Imhof-Verlag) "zu Bildtypus, Genese und Zuschreibung".

Den Beweis gegen die Kopie-Theorie lieferte eine gemäldetechnologische Analyse, die einen Blick unter die sichtbare Farbschicht gewährt, konkret auf die durch eine Infrarot-Reflektografie sichtbaren Unterzeichnungen. Laut Jochen Sander, zuständigem Städel-Kurator, würden diese an markanten Stellen deutlich von der Ausführung abweichen und seien damit als Indiz für einen "echten" kreativen Prozess zu werten. Ein Kopist hätte sich von Anbeginn an die Vorlage gehalten.

Die deutlichen Qualitätsschwankungen der Malerei erklären Sander und Jürg Meyer zur Capellen, Autor des Raffael-Werkverzeichnisses, mit dem für eine Werkstatt üblichen Arbeitsprozess. Zusammengefasst: Das Antlitz des Papstes stamme von Raffael, der Rest von seinen Gehilfen.

Lukrative Deals

Auch bei einem diese Woche bei Sotheby's (4. 12.) in London versteigerten Gemälde spielte eine Röntgenaufnahme eine essenzielle Rolle. Im Dezember 2003 war bei Christie's in Paris ein als "Circle of Rubens" ausgewiesenes Porträt eines unbekannten Mannes versteigert worden: für 17.000 Euro. Kurz darauf erwarb es der aktuelle Einbringer und investierte in die Erforschung. Diese brachte zutage, dass es sich um ein Schlüsselwerk handelt, das zwei große Meister verlinkt. Denn Peter Paul Rubens hatte hier ein Bild von Diego Velázquez übermalt.

1628/29 weilte Rubens für längere Zeit in Madrid, hatte Zugang zum Atelier seines spanischen Kollegen und, so die Schlussfolgerung von Experten, verwertete eine bereits bemalte Leinwand. Das darunter verewigte Bildnis stamme von Velázquez und weise Ähnlichkeiten mit zwei heute im Prado befindlichen Porträts (von Philip IV. und dessen jüngeren Bruder Don Carlos) auf. Darüber, ob es sich bei dem von Rubens gemalten Bildnis um ein Mitglied des spanischen Hofes oder sogar um Velázquez handelt, herrscht noch Rätselraten.

Unter hartnäckiger Beteiligung eines russischen Interessenten überstiegen die Gebote Mittwochabend jedenfalls rasant den aktuellen Schätzwert (400.000- 600.000 Pfund). Den Zuschlag erteilte Sotheby's einem amerikanischen Privatsammler erst bei 3,21 Millionen Pfund bzw. umgerechnet 5,49 Millionen Euro. (Olga Kronsteiner, Album, DER STANDARD, 7./8.12.2013)

  • Im Falle des im Dorotheum verkannten Papst-Porträts ...
    foto: dorotheum

    Im Falle des im Dorotheum verkannten Papst-Porträts ...

  • ... belegt die Infrarotaufnahme laut Experten die Pinselführung Raffaels und seiner Werkstatt.
    foto: städel museum

    ... belegt die Infrarotaufnahme laut Experten die Pinselführung Raffaels und seiner Werkstatt.

  • Bei dem von Christie's als Rubens-Umkreis unterschätzten Porträt ...
    foto: sotheby's

    Bei dem von Christie's als Rubens-Umkreis unterschätzten Porträt ...

  • ... gelang wiederum der zweifelsfreie Nachweis samt einem darunter liegenden Gemälde von Velázquez.
    foto: sotheby's

    ... gelang wiederum der zweifelsfreie Nachweis samt einem darunter liegenden Gemälde von Velázquez.

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