Advent im nordenglischen Newcastle upon Tyne

11. Dezember 2013, 16:36
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Im frühindustriellen, coolen Ambiente der nordenglischen Stadt Newcastle upon Tyne ist der Advent ein Event

Ein wenig erinnert die Szene an Und täglich grüßt das Murmeltier. Denn es gilt ein jährliches Ritual zu feiern - das einer kleinen, heilen Welt. Doch anders als bei der verfilmten Tradition aus Pennsylvania, der zufolge ein Nager das Ende des Winters prognostiziert, blicken im englischen Newcastle upon Tyne alle auf ein bestimmtes Fenster. Es markiert den Beginn der Weihnachtszeit.

Die ersten Neugierigen haben sich vor dem zehn Meter langen Schaufenster des Traditionskaufhauses Fenwick's versammelt und starren auf die bewegliche Deko: Mal sind es Aliens, die hier zwischen flauschigen Plüschrentieren durch die Auslage fliegen, mal schnüren Liliputaner Gulliver zu einem riesigen Weihnachtspaket. Im vergangenen Jahr nahm etwa das Motiv "Rentier-Express" Santas Paralleluniversum liebevoll auf die Schaufel. Heuer geben die Deutschen den Ton an. Denn auch Fenwick's Guckloch blickt noch einmal zurück auf das Jubeljahr für die Gebrüder Grimm: "Märchenwald" lautet das Leitmotiv 2013. Hänsel und Gretel, Rapunzel, Schneewittchen und die Sieben Zwerge verdrehen rhythmisch ihre Gliedmaßen, zappeln hin und her zwischen Lametta. Und im letzten Fenster buckelt sich mechanisch ein deutscher Spielzeugmacher ab. Gewissenhaft schiebt die Holzfigur Sonderschichten im Schaufenster - unbehelligt von lähmenden Arbeitszeitgesetzen.

Märchenhafter Aufwand

"Seit 1971 markiert die feierliche Eröffnung der Fenwick's Christmas Windows den Beginn unserer Weihnachtszeit". Mit diesen Worten bringt Manager Keith Hutton die Quintessenz einer langen Tradition auf den Punkt. Und er weiß auch um die märchenhaften Kosten Bescheid: Heuer habe sich das Kaufhaus die Auslagengestaltung umgerechnet 240.000 Euro kosten lassen. Das ist eine Menge für Zwerge und Feen, die hypnotisierend mit dem Hinterteil wackeln und der Stadt Ablenkung inmitten der weihnachtlichen Kommerzflut bescheren. Vor allem aber klingt das alles ein wenig schrullig, ein bisschen nach Miss Marple. Und so ganz anders, als es der harte Ruf der einstigen Industriestadt vermuten ließe.

Mit dem benachbarten Gates-head ist Newcastle längst zur heißesten Partyzone im englischen Nordosten zusammengewachsen. Sieht so die Abwärtsspirale der Kohlenindustrie aus? Das proletarische Erbe der Geordies - so nennen sich die Bewohner von Newcastle und der weiteren Umgebung - wirkt jedenfalls noch heftig nach. Die MTV-Reality-Show Geordie Shore etwa verhalf ihm zu guten Quoten. Und längst stehen dafür auch exzessive Orte wie der Bigg Market, Nordenglands Antwort auf Mallorcas Ballermann. Dort machen sogenannte "Jägerbombs" - Jägermeister, gemixt mit einem Energydrink - dem bernsteinfarbenen Kultgetränk Newcastle Brown Ale Konkurrenz - und durchgeknallte Feierabendfeen den zappeligen Holzschneewittchen im Schaufenster von Fenwick's.

Aber Newcastle ist nicht nur ein Ort der Spaßkultur, wie schon ein Spaziergang zu den neuen Bauten an der Südseite des Flusses Tyne offenbart: Das in einer ehemaligen Mühle untergebrachte Baltic zählte heute zu den spannendsten europäischen Zentren für Moderne Kunst. Und nur wenige Schritte davon entfernt greift das Dach von Norman Fosters Konzerthalle The Sage den alten Schwung von Newcastles Wahrzeichen - der Gateshead Millenium Bridge - auf. Als erste Brücke, die um die Längsachse rotieren kann, um Schiffen dadurch die Passage zu ermöglichen, schrieb die Konstruktion 2001 Architekturgeschichte - wobei ihr diese Mechanik den Spitznamen Blinking Eye eintrug. Im vergangenen Sommer galt dieses Augenzwinkern übrigens dem Royal Baby: Newcastles Wahrzeichen verwandelte sich zu Ehren der Geburt von Prince George Alexander Louis of Cambridge und dank modernster LED-Technologie in eine hellblaue Stahlschleife. Nicht umsonst wurde das spektakuläre Entree zum Viertel Gateshead Quays bereits mit mehreren hochrangigen nationalen und internationalen Architekturpreisen geehrt.

Reflektiert zwei Jahrtausende

Die Lichter der Avantgarde werfen aber freilich nicht die längsten Schatten auf Newcastle. Immerhin reflektiert die Stadt am Tyne seit der Gründung durch den römischen Kaiser Hadrian ja das Schimmern zweier Jahrtausende. Gregorianische Architekturrelikte und die Saint-Nicholas-Kathedrale aus dem 14. Jahrhundert, Reste des Hadrian-Walles im Osten der Stadt, Robert Stephensons frühindustrielle High Level Bridge repräsentieren hier ganz unterschiedliche Stile und Jahrhunderte. Und diese Vielfalt der historischen Kulissen spiegelt sich auch beim vorweihnachtlichen Flanieren wider.

In den Gassen rund um das zentrale Grey's Monument verströmen britische Weihnachtsmärkte eine starke Prise Charles Dickens. Es ist der ideale Ort, um lokale und saisonale Spezialitäten einzupacken: hausgemachte Marmeladen und Puddings, traditionelle Wildterrine und fruchtige Weihnachtskuchen - alles wie aus dem viktorianischen Bilderbuch. Zucker fürs Auge bietet unterdessen die angrenzende, mit Glas überdachte Markthalle des Grainger Market - es ist ein Stück Gusseisen-Nostalgie, in dem jeden Dezember auch britisches Kunsthandwerk geboten wird.

Überraschend ist auch das Sortiment der Biscuit Factory in der Stoddart Street. Denn das wunderschöne viktorianische Gebäude einer ehemaligen Keksfabrik hält eine Superlative bereit: Über zwei Stockwerke erstreckt sich hier Großbritanniens größte Galerie für Design und Kunsthandwerk. "Wir betrachten uns heute als Künstlerkolonie, die auf mittlerweile 130 Studios angewachsen ist", sagt Rachel Brown, die umtriebige Managerin des Kunst-Kaufhauses, das sich in den zehn Jahren seit der Eröffnung zu einem Gravitationszentrum für den umliegenden Kulturraum entwickeln konnte. "Viele der 2500 Künstler, die hier bereits ausgestellt haben, spiegeln die Geschichte der Region wider: Malcolm Teasdale verarbeitet die Erinnerungen an seine Onkel - allesamt Kohlearbeiter. Oder Emma Tooths Bilder von biblischen Szenen. Sie zeigen unter anderem die Jungfrau Maria im Gold-Top."

Gottessohnmütter im Disco-Outfit sind in Newcastle aber keineswegs der einzige sympathische Flirt mit der proletarischen Geordie-Kultur. Längst profitieren auch verlotterte Tyneside-Viertel wie Shieldfield vom Biscuit-Factory-Boom und von der Eröffnung weiterer Studiokomplexe. Besonders eindrucksvoll gelang das im Fall von "The Holy Biscuit": Die restaurierte Methodisten-Kirche beherbergt nunmehr Pop-up-Ausstellungen und Kunstklassen.

Keine Frage: Party- plus Kaufrausch im frühindustriellen Ambiente ist zweifellos eine der Besonderheiten der nordenglischen Stadt. In der Vorstadt von Ouseburn Valley lautet die neue Devise dagegen: Newcastle-upon-Design. Die Besucher des jährlich im Juli stattfindenden Ouseburn-Festivals werden dem wohl zustimmen, die Gäste der Open-Studios-Tage in Ouseburn sowieso.

Ende der 1990er-Jahre eröffneten am Stadtrand die ersten alternativen Start-ups: originelle Geschäfte für Fahrradreparaturen, die gerne auch Dreier-Tandems zusammenschweißten; Werkstätten von experimentellen Möbeldesignern; ein Szene-Florist, der sich samt bunt gestrichener Ladenfront unter ziegelrote Bögen einer Vorortelinie kuschelte.

Reichlich Raum für Kreative

Locations wie die Toffee Factory - sie diente im Laufe ihrer Geschichte schon als Tierklinik und später als Lagerstätte für tierische Fette - bieten nun reichlich Büroraum für Kreativberufe. Auch die Seven Stories haben sich in einer ehemaligen Fabrik niedergelassen und schreiben dort als Großbritanniens führende Adresse für Kinderliteratur Kapitel Shopping-Geschichte von Newcastle. Und selbst für Simon Bonnin, der gemeinsam mit seinem Bruder Pete an der nahen Foundry Lane die erste Kaffeerösterei in der "Altstadt" eröffnet hat, ist letztlich die Vorstadt Ouseburns "the coolest place in town". (Robert Haidinger, DER STANDARD, Album, 07.12.2013)

  • Dank topmoderner Lichtanlage ist die Millenium Bridge wandlungsfähiger Stimmungsmacher für Newcastle. Derzeit ist sie auf weihnachtliche Atmosphäre programmiert.
    foto: newcastlegateshead image library

    Dank topmoderner Lichtanlage ist die Millenium Bridge wandlungsfähiger Stimmungsmacher für Newcastle. Derzeit ist sie auf weihnachtliche Atmosphäre programmiert.

  • Anreise: Kein Direktflug von Wien. Zum Beispiel mit Lufthansa via Düsseldorf nach Newcastle. Weitere Infos zu saisonalen Verbindungen: www.newcastleairport.com
Vor Ort: Die Region North East unterhält mit "Metro" ein eigenes Netz aus Schnellzügen: Rund 60 Stationen (inkl. Airport) im Großraum Tyne und Wear. Info, Vorverkauf, Fahrpläne sowie Anbindungen zum Bus-, Bahn- und Fährnetz: www.nexus.org.uk
Besonders bequem lassen sich diverse Sehenswürdigkeiten mit einem River-Cruise auf dem Tyne-Fluss erleben.
Weiterführende touristische Infos: www.newcastlegateshead.com; www.visitbritain.com
    foto: newcastlegateshead image library

    Anreise: Kein Direktflug von Wien. Zum Beispiel mit Lufthansa via Düsseldorf nach Newcastle. Weitere Infos zu saisonalen Verbindungen: www.newcastleairport.com

    Vor Ort: Die Region North East unterhält mit "Metro" ein eigenes Netz aus Schnellzügen: Rund 60 Stationen (inkl. Airport) im Großraum Tyne und Wear. Info, Vorverkauf, Fahrpläne sowie Anbindungen zum Bus-, Bahn- und Fährnetz: www.nexus.org.uk

    Besonders bequem lassen sich diverse Sehenswürdigkeiten mit einem River-Cruise auf dem Tyne-Fluss erleben.

    Weiterführende touristische Infos: www.newcastlegateshead.com; www.visitbritain.com

  • Newcastle-Gateshead Winter Festival: Bis 31. 12. findet eine Reihe von Neighbourhood-Festen und Märkten statt. Highlight: Der groß angelegte Silvester-Umzug "New Year's Eve Winter Carneval"
Größtes Kunst-Kaufhaus im UK - jährlich vier wechselnde Ausstellungen: www.thebiscuitfactory.com
Größte Kinderbuchhandlung im UK: www.sevenstories.org.uk
Ouseburns größtes Künstlerkollektiv: www.36limestreet.co.uk
Museum für zeitgenössische Kunst: www.balticmill.com
Unabhängiger Guide für 175 Pubs: www.pubsnewcastle.co.uk
    foto: newcastlegateshead image library

    Newcastle-Gateshead Winter Festival: Bis 31. 12. findet eine Reihe von Neighbourhood-Festen und Märkten statt. Highlight: Der groß angelegte Silvester-Umzug "New Year's Eve Winter Carneval"

    Größtes Kunst-Kaufhaus im UK - jährlich vier wechselnde Ausstellungen: www.thebiscuitfactory.com

    Größte Kinderbuchhandlung im UK: www.sevenstories.org.uk

    Ouseburns größtes Künstlerkollektiv: www.36limestreet.co.uk

    Museum für zeitgenössische Kunst: www.balticmill.com

    Unabhängiger Guide für 175 Pubs: www.pubsnewcastle.co.uk

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