Nadeln und buzzen

19. Dezember 2013, 13:54
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Die Sucht piesacken oder auf der Suche nach der ultimativen Raucherentwöhnungs-App

Bestechlichkeit zahlt sich aus
Von Günther Brandstetter

Am 8. Dezember 2013, 23:58 war es soweit: Ich habe mich zum letzten Mal mit meiner Geliebten getroffen. Ein schöner Abschied, fürwahr. Als hätte sich die Gute noch einmal so richtig für mich ins Zeug gelegt. Nur wir beide, alleine in der Kälte - den letzten Zügen entgegenfiebernd. Und dann ist sie erloschen: Die Liebe. - Schön wär’s! Der erste Gedanke am nächsten Morgen: A Kaffeetscherl und a Tschick. So wie immer. Nein, ganz schlechte Idee! - Schnell die Reset-Taste drücken. Noch einmal von vorne: Ein richtiges Frühstück - ohne Koffein, dafür mit Gaugau.

Der erste Gedanke nach dem Essen: Und jetzt eine Zigarette! Nein, ganz schlechte Idee! Reset. Der erste Gedanke beim Weg zur U-Bahn: Noch schnell eine rauchen! Nein, sehr schlechte Idee! Dann eben nach dem Aussteigen! Nein, ebenfalls schlechte Idee! Und so geht es weiter und irgendwann stelle ich mir die Frage: Wann habe ich eigentlich nicht geraucht?

Das wiegt schwer. Bringt den Kopf zum Schwitzen. Macht konzentriertes Arbeiten schier unmöglich. Der Körper reagiert. - Auf das, was ich mir da ausgedacht habe und nun zu meiner Wirklichkeit werden lasse. Ein Restleben ohne Zigarette. Zwar noch nicht so richtig vorstellbar, aber zumindest schon einige Stunden eine wahre Aussage.

Schocktherapie

Die Kollegin steht leicht unter Schock. Damit hat sie nicht gerechnet. Vor wenigen Tagen haben wir noch gemeinsam im Freien Rauch aus unseren Mündern geblasen. Und nun das: Um 15 Uhr habe ich meinen ersten Akupunktur-Termin. Nicht nur die Ohren werden für 30 Minuten angebohrt. Etwa 20 Nadeln stecken in mir - verteilt auf Füße, Hände, Bauch und Gesicht. Das alleine macht mich noch nicht zum Ex-Raucher, sollte aber helfen die Spitzen des Entzugs zu kappen.

Bei mir hat es gewirkt, bilde ich mir zumindest ein. Nach der halbstündigen Perforierung fühle ich mich entspannter und auch die Gedanken kreisen weniger häufig um den Trennungsschmerz. Im Abstand von zwei Tagen folgen zwei weitere Treffen mit den Nadeln. Das sollte reichen.

Die erste nikotinfreie Woche war weniger schlimm als erwartet. Nun folgt der schwierige Teil. - Die Zeit, in der die Abstinenz zur Normalität werden sollte. Tage, in denen es gilt neue Verhaltensstrategien zu entwickeln. An der Bushaltestelle, beim Spazierengehen, im Kaffeehaus, nach dem Essen... Davor fürchte ich mich, besonders jetzt - vor Weihnachten.


Ab heute wird gebuzzt
Von Regina Walter

"Apps sind hip", sagt meine Tochter - und hip will ich als über 40-Jährige und als Mutter erst recht sein. Ich begeb mich also gleich in meinen Appstore und probiers mal mit den Suchbegriffen "rauchfrei" und "Nichtraucher". Gut 25 Raucherentwöhnungs-Apps spuckt mein iPhone umgehend aus, nicht weniger hat das Android-Teil meiner Tochter anzubieten.

Ich will schon den Hut drauf hauen, aber der Kollege lässt sich mittlerweile sogar schon die Ohren nadeln. Was ist dazu im Vergleich schon das bisschen Durchackern von ein paar Apps.

Suggerierte Endgültigkeit

"Da.stinkts.net" geht sich namentlich nicht aus. "Rauchen verboten" und "Meine letzte Zigarette" - diese suggerierte Endgültigkeit demotiviert mich. Raucherentwöhnung mit Selbsthypnose ist mir für 27,99 Euro zu teuer.

Ich lade wahllos ein paar Gratisapps herunter und begebe mich auf die Suche nach der ultimativen App. "Aufgehört am" und "Rauchfrei seit" bekomme ich in etlichen Apps zu lesen. Und "Du hast dir gespart" - was auch immer, sei es Teer, Nikotin, Zigaretten oder Geld. Steigende Lebenserwartung, aktuelle Regenerationsstufen, Rauchstatistiken, Sparziele. - Nichts davon stößt bei mir auf Interesse. Warum muss ich etwas über die Kohlenmonoxidwerte in meinem Blut oder die Flimmerhärchen in meiner Lunge wissen? Ich fühl mich gänzlich unverstanden von sämtlichen App-Machern, bis ich über "OneLess" stolpere.

Eine weniger

Das ist es. Ich taste mich an das ersehnte Ziel langsam heran. "Drück den Buzzer für die nächste Zigarette" - das ist genau mein Niveau. Keiner der mich bevormundet. Ich muss keine Einträge machen, und auch sonst verlangt mir die App mit dem sympathischen Namen keinerlei Leistungen ab. Ich verschaff mir jetzt mal einen Überblick, führ mir die Realität vor Augen, beschönige ab heute nichts mehr. Jede Zigarette wird ab jetzt gnadenlos gebuzzt. Den Kollegen ignorier ich ab heute. Der ist nämlich schon den zehnten Tag rauchfrei. (Günther Brandstetter / Regina Walter, derStandard.at, 19.12.2013)

  • Placebo-Effekt oder nicht? - Egal, nach der jeweils halbstündigen Nadelperformance war der "Trennungsschmerz" kaum mehr spürbar.
    foto: marietta mühlfellner

    Placebo-Effekt oder nicht? - Egal, nach der jeweils halbstündigen Nadelperformance war der "Trennungsschmerz" kaum mehr spürbar.

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