Der Körper als Kampfzone

Ansichtssache6. Dezember 2013, 10:59
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Eine Ausstellung im 15. Wiener Bezirk setzt sich auf künstlerische Weise mit Körpernormen und Krankheit auseinander.

Fett- und Zuckersteuer, Boni-Systeme für Nichtraucher oder höhere Versicherungsbeiträge für Menschen, die einen ungesunden Lebensstil pflegen sind Beispiele dafür wie der Einzelne durch Belohnung, Bestrafung, Disziplinierung und Kontrolle zu einer Modifizierung und Optimierung seiner "physikalischen Ausstattung" - sprich Gesundheit - angehalten werden soll. Dabei handelt es sich um eine Entwicklung, die bereits im 19. Jahrhundert ihren Anfang nimmt, und die der französische Philosoph Michel Foucault als "Vereinnahmung des Lebens durch die Macht" beschrieben hat.

Eine Ausstellung im 15. Wiener Bezirk widmet sich unter dem Titel "Körpersubjekte" genau dieser "Verwaltung und Bewirtschaftung des Lebens" und will mit fünf künstlerischen Positionen die Vielschichtigkeit aktueller Gesundheitsdiskurse thematisieren und problematisieren.

foto: ivonne thein

"Zweiunddreißig Kilo" heißt die 14-teilige Fotoserie der deutschen Fotografin Ivonne Thein, von der nun sechs Bilder erstmals auch in Österreich zu sehen sind. Hintergrund der Arbeit ist die in den USA Mitte der 1990er-Jahre entstandene Internetbewegung "Pro Ana", die Anorexia nervosa (Magersucht) zu einer neuen, positiven Lebenseinstellung erhebt. Dabei handelt es sich nicht um Selbsthilfegruppen im herkömmlichen Sinn. - Ganz im Gegenteil, die Betroffenen machen sich auf den einschlägigen Seiten gegenseitig Mut und geben sich Tipps, wie der in ihrer Vorstellung ideale Wunschkörper erreicht werden kann. Diesen Körperkult, der die Krankheit zum souveränen Lebensstil erhebt, rückt Ivonne Thein ins Zentrum ihrer Bilder.

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foto: ivonne thein

Formal orientieren sich die Inszenierungen an der klassischen Modefotografie - also jenem System, das nicht selten von magersüchtigen Protagonistinnen bevölkert wird. Allerdings tragen die Models in Theins Bildern keine Designerstücke, sondern weiße Bandagen, die von Klammern zusammengehalten werden. Auch der Blick ist - entgegen der gängigen Darstellungsweise - nicht auf den Betrachter gerichtet. "Ich wollte nicht, dass für den Betrachter eine Identifikation mit den abgebildeten Frauen möglich ist. Auf diese Weise wird das Hauptaugenmerk auf das Verhältnis von Körper und Inszenierung gelegt", erläutert die Künstlerin. Denn das Gesicht eines Menschen erzählt über sein Leben, lässt Geschichten im Kopf des Betrachters entstehen und wirft auch Fragen über die Biografie der abgebildeten Mädchen auf. - "Das wollte ich auf jeden Fall verhindern, denn meine Bilder sollen keinesfalls Betroffenheit auslösen", so Thein.

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foto: oliver zöhrer/claudia köhn

Die Pose ist auch das zentrale Stilmittel der beiden Künstler Claudia Köhn und Oliver Zöhrer. In "Distorsion" nehmen sie die Idealisierung des Körpers in den manieristischen Bildern des deutschen Renaissancemalers Lucas Cranach des Älteren (1472-1553) als Ausgangspunkt. Im Versuch die religiös-verklärten Darstellungen von Venus, Grazie und Amor in einem Triptychon nachzustellen, verweisen sie auf den unnatürlichen Charakter der Körperidealisierung, die durch den vollständigen Verzicht auf Requisiten und einen "sinnstiftenden" Hintergrund noch zusätzlich hervorgehoben wird. Grazie und Venus werden allerdings nicht von Frauen repräsentiert, sondern durch einen männlichen Körper ersetzt: "Schließlich sind mittlerweile auch Männer zunehmend dem Druck ausgesetzt, ihre physikalische Ausstattung permanent zu optimieren und dem neoliberalen Maximierungsdogma zu unterwerfen", erklärt Oliver Zöhrer.

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foto: günther brandstetter

Den Anstoß für das Projekt "Mühlbergergut" von Günther Brandstetter gab die Wirklichkeitskonstruktion städtischer Bundesdenkmalämter und deren Inventarisierungstechniken, die - zumindest oberflächlich - auf Strategien des Bewahrens, Erhaltens und Rettens basieren. Dabei nimmt der Fotograf exemplarisch einen denkmalgeschützten und nach wie vor bewohnten Vierkanthof in Augenschein und stellt den üblicherweise ästhetisierenden Abbildungen von der Fassade, Innenansichten der Lebens- und ehemaligen Wirtschaftsräume entgegen. Das Resultat ist eine fünfteilige Serie, in der sich die zunehmend schlechter werdende körperliche Konstitution der betagten Bäuerin zwangsläufig auch in der räumlichen Konstruktion von Innen und Außen manifestiert.

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foto: günther brandstetter
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foto: derstandard.at/gueb

Laut einer kürzlich erschienen Umfrage zählt die Ärzteschaft zu jener Berufsgruppe, der die größte Wertschätzung entgegengebracht wird. Für 76 Prozent der Deutschen gehören die "Götter in Weiß" zu jener Profession, vor der sie die meiste Achtung haben. Der Handwerker schneidet im Vergleich dazu (36 Prozent) relativ schlecht ab, obwohl beide Berufsgruppen auf eine ähnliche Tradition verweisen können. - Denn bis zum Aufkommen der akademischen Chirurgie führte der Bader oder Wundarzt mit handwerklicher Ausbildung - der sogenannte Handwerkschirurg - Operationen am Menschen durch.

Diese Diskrepanz illustrieren Christian und Regina Walter sowie die Bühnenbildnerin Victoria Philipp mit ihrer Installation "UniHacke 1", bei der ein Tischler in einer detail- und maßstabsgetreuen Nachbildung das Bein einer Patientin amputiert. Konterkariert wird die Szenerie durch ein Modell im Maßstab 1:20, in dem eine Chirurgin - also das Subjekt des "Wissens" - Bretter für einen Paravent zuschneidet. In beiden Fällen ist das Werkzeug das gleiche - eine Säge.

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foto: bast[h]ard

Praktiken zur absoluten Lustmaximierung thematisiert das Duo "bast[h]ard" in seiner Fotostrecke "Grüße aus Mariazell". Autoerotische Handlungen, die etwa durch Asphyxie zu einem übersteigerten sexuellen Empfinden führen sollen, sind für das Künstlerteam primär das Produkt der "Erlebnisgesellschaft", die auf diese Art ihrem Leben den "ultimativen Kick" verleihen will. "Nicht selten ist das ein persönliches Drama am Rande der Groteske", so das Künstlerduo.

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foto: bast[h]ard

Ausstellung: Körpersubjekte
Ort: fotok [2] Galerie, Reindorfgasse 38, 1150 Wien
Vernissage: Freitag, 6. Dezember 2013, 19 Uhr
Dauer: 7. bis 21 Dezember 2013
Öffnungszeiten: Do. und Fr.: 16 bis 20 Uhr, Sa.: 11 bis 16 Uhr
Kuratorin: Marietta Mühlfellner

Am Dienstag, den 10. Dezember 2013 um 19 Uhr findet begleitend zur Ausstellung das künstlerisch-wissenschaftliche Diskussionsforum "Das neoliberale Körperideal - Heilsbringer oder Krankmacher?" statt.

(red, derStandard.at, 6.12.2013)

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