Im Gewinnen alles verlieren

5. Dezember 2013, 17:24
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Ivana Müllers Choreografie "In Common" im Brut Theater Künstlerhaus

Wien - Die Liebe zum Beispiel. Alle haben sie erlebt, Bücher über sie gelesen, Liebesfilme und -dramen gesehen, eine Menge Schmachtfetzen gehört und dazu getanzt. Aber ist damit die Liebe wirklich verstanden? Genauso geht es mit Gemein- und Gesellschaften. Jeder lebt in einer, über sie gibt es ebenfalls Unmengen an Information. Aber das Zusammenleben bleibt trotzdem - schwierig.

Also muss das Material weiter durchgearbeitet werden. Die aus Kroatien stammende, in Paris und Amsterdam lebende Choreografin Ivana Müller macht das mit Nachdruck, Vergnügen und Witz. Sie gehört zu jenen Tanzschaffenden, die nicht Schritte oder Bewegungsphrasen choreografieren, sondern Konstellationen von Menschen in überraschende und gut lesbare Zeichenkombinationen verwandeln.

Im Brut-Theater Künstlerhaus hat Müller nun ihr neues Stück In Common auch dem Wiener Publikum vorgestellt. Es ist eine erfrischende, schöne Arbeit geworden, in der zehn Männer und Frauen beinahe fröhlich in die Fallen der gemeinschaftsbildenden Tatsachen führen. Da sind einmal die Gewinner. Sie werden durch Ausleseverfahren ermittelt. Die Auswahl geht immer so lange, bis ein Individuum eine besondere Eigenschaft vorweisen kann, die es vom Rest der Gruppe unterscheidet.

Damit entsteht auch etwas, das Müller "süße Tyrannei" nennt. Der Gruppendruck: Wenn man außerhalb des allgemeinen Konsensbogens denkt und sich scheut, laut darüber zu reden. Oder die Absurdität von demokratischen Prozessen, in denen Mehrheiten gegen Qualitäten ausgespielt werden. Das kennen alle. Und Ivana Müller reibt es ihren Zuschauern genüsslich unter die Nasen. Ihre künstlerischen Verfahren sind einfach, aber bestens durchdacht. Die Tänzer verbinden sich mit- und separieren sich voneinander durch Wortkombinationen und verschiedene Positionen, die sie zueinander einnehmen. Auf den Boden ist ein Plan geklebt, der dem Gemeinschaftswesen Strukturen unterjubelt. Am Schluss steht als "Strip Market" wieder ein Gewinnspiel. Wer im Jahr an den meisten Orten war, gewinnt. Wer am meisten wertvolles Zeug hat, gewinnt. Wer sich am originellsten verkleidet hat, auch (Jeanne d'Arc gewinnt knapp vor dem Hotdog).

Übrig bleibt eine von abgelegten Kleidungsstücken zugehängte Figur, die gerne noch etwas sagen möchte. Aber ihre Worte dringen nicht mehr durch all die Stoffschichten. Der ultimative Gewinner ist so letztlich eine von allen guten Geistern verlassene Witzfigur. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 6.12.2013)

  • Fröhliches Arbeiten an der Gemeinschaftsbildung in Ivana Müllers "In Common".
    foto: sanne peper

    Fröhliches Arbeiten an der Gemeinschaftsbildung in Ivana Müllers "In Common".

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