Der Tod des Autors ist die Geburt des Künstlers

5. Dezember 2013, 17:31
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Die Sammelausstellung "Ich bin eine andere Welt" fragt im xhibit der Akademie der bildenden Künste Wien nach den Möglichkeiten von Autorenschaft und danach, wie man Vergangenheit umschreiben kann

Wien - Wenn der moderne Mensch "ich" sagt, dann sagt er damit alles und nichts. Sigmund Freud hat gezeigt, dass der Mensch nicht Herr ist im eigenen Haus, und Roland Barthes hat einige Jahre später auch noch den Autor ermordet.

Was das für das künstlerische Schaffen bedeutet, versucht die Ausstellung Ich bin eine andere Welt im xhibit der Akademie der bildenden Künste in Wien zu ergründen. Videos, Soundinstallationen, Drucke oder Diaprojektionen fragen hier nach Identität, Kollektivität und Individualisierung. Mit dieser Geißel der Postmoderne wird der Besucher gleich im Eingangsvideo begrüßt. Barbara Kapusta zeigt in Der vereinbarte Tag (2011) vier Menschen, die beruflich miteinander zu tun haben. Sie sprechen über Projekte und Vereinbarungen, Geld und Überzeugungen. Ihre Tätigkeit ist diesen Menschen Teil ihres Selbst geworden. Die Vorstellung, die sie sich selbst von ihrem Leben und Sein machen, setzt sie nicht nur selbst unter Druck - sie erschwert auch die Zusammenarbeit.

Bye-bye, Opferrolle!

Mathilde ter Heijne nutzt dagegen nach ihrem Abbild gefertigte Dummies, um sich von sich selbst zu distanzieren. Im Video Mathilde, Mathilde (1999) verweist sie auf Frauenfiguren, die an tragischen Liebesgeschichten zugrunde gehen und Selbstmord begehen - wie Mathilde in François Truffauts Die Frau nebenan. Im Video sieht man, wie ter Heijne eine Puppe, die ihr bis ins Detail gleicht, von einer Brücke ins Wasser wirft - der bildhaft gewordene Versuch, sich der masochistischen weiblichen Opferrolle zu entledigen. Fake Female Artist Life #6 und #7 (2007) besteht aus jeweils einem lebensgroßen Alter Ego der Künstlerin, versehen mit einer Tonspur. Die Künstlerin leiht ihren Körper und ihre Stimme fiktiven Existenzen, genauer: zwei Romanfiguren.

Zwischen Fiktion und Realität oszillieren auch Arbeiten wie jene von Justine Frank, ist diese scheinbar autonome Künstlerin, von der einige Gouachen aus dem The Stained Portfolio gezeigt werden, doch ihrerseits eine Erfindung. Der israelische Künstler Roee Rosen, der selbst mit Arbeiten vertreten ist, hat sie erfunden. In der fiktiven Biografie Franks finden sich Verbindungen mit den Surrealisten, in deren Kreis eine wirklich herausragende Frauenfigur in Wahrheit fehlt. So wie Rosen hier schreibt auch Carola Dertnig einen Teil der Kunsthistorie um: In den C-Prints Lora Sana Otto Muehl (2007) und Lora Sana VIII/1-3 (2005) fügt sie dem Männerbund der Wiener Aktionisten eine fiktive weibliche Protagonistin hinzu. Stellvertretend für jene Frauen, die tatsächlich an den Aktionen teilhatten, aber niemals als Autorinnen erwähnt wurden.

Viele der ausgestellten Arbeiten sind ein eher intellektuelles Vergnügen; sie sind bisweilen sehr textlastig und funktionieren ohne die zusätzliche Information (etwa darüber, was echt ist und was fiktiv) nur bedingt. Andere, wie etwa ter Heijnes Arbeiten oder die Fotoserie des Unknown Artist, der den Kopf eines unbekannten Mannes auf Fotografien sehr wohl bekannter Künstlergruppen montiert, lassen einen dagegen das erleben, was zu beweisen war: Dass das Selbst - auch, aber nicht nur im künstlerischen Kontext - ein sehr brüchiges Ding ist. (Andrea Heinz, DER STANDARD, 6.12.2013) 

Bis 12.1.

  • Mathilde ter Heijne gibt es gleich zweimal als Puppe - dafür hat sie in "Fake Female Artist Life" auch zwei falsche Identitäten. 
    foto: mathilde ter heijne

    Mathilde ter Heijne gibt es gleich zweimal als Puppe - dafür hat sie in "Fake Female Artist Life" auch zwei falsche Identitäten. 

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