Elektroautos: Für Blinde erschreckend leise

6. Dezember 2013, 17:37
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E-Mobilität ist nicht nur ein Öko-Versprechen. Sie ist auch ein Schrecken für blinde Menschen. Hybride ebenfalls in der Kritik

Emissionsreduktionen sind das große Thema der Gesetzgeber und damit auch der Automobilindus­trie. Dabei geht es nicht nur um die Schadstoffe, die aus dem Endtopf blasen, sondern auch im die akustische Belastung, die der Straßenverkehr mit sich bringt. Die Vorschriften der EU werden ständig nachgeschärft, und für einige liegt in der leisen und zumindest vor-ort-emissionsfreien Elektromobilität das heiß ersehnte Paradies. Nicht so aber blinde Menschen.

"Ich bin selbst blind, und durch die zunehmende Zahl dieser Fahrzeuge täglich mehr gefährdet" , schreibt uns Monika Weinrichter vor wenigen Tagen in einer E-Mail. Sie hat sich dem Kampf der leisen Mobilität verschrieben, "da Blindenorganisationen in den letzten Jahren wenig erreicht haben und das Problem in der Öffentlichkeit wenig bis gar nicht bekannt ist" . Die Lösung sieht Monika Weinrichter im verpflichtenden Einsatz von AVAS, einem akustischen Warnsignal für Elek­tro- und Hybridfahrzeuge.

Auch Hybride und Stopp-Start-Funktion im Blickpunkt

Im Oktober 2013 waren in Österreich 1903 Elektrofahrzeuge angemeldet, zeigt eine Abfrage bei der Statistik Austria. Das ergibt einen Anteil am gesamten Kfz-Bestand von unter drei Promille.

Rechnet man anhand der Daten der Statistik Austria die Hybrid- und Elektrofahrzeuge zusammen, so betrug der Anteil am gesamten Kraftfahrzeugbestand im Oktober 0,19 Prozent. Doch noch eine Fahrzeuggattung macht blinden Menschen zu schaffen: jene Fahrzeuge mit Stopp-Start-Funktion, die lautlos an der Ampel stehen und deshalb für sie nicht zu erkennen sind.

"Allein österreichweit sind über 100.000 Menschen hochgradig sehbehindert oder blind" , verweist Weinrichter ebenfalls auf eine Erhebung der Statistik Aus­tria aus dem Jahr 2008 – und fragt: "Sind all diese Menschen wirklich Bürger zweiter Klasse, deren Leben leichtfertig gefährdet werden darf?"

Wahrnehmungsuntersuchung

Ford hat vor kurzem, gemeinsam mit dem Center Automotive Research der Universität Duisburg-Essen, die Geräuschwahrnehmung von Automobilen untersucht. In drei Versuchsreihen wurden Akustik- und Fahrzeug-Wahrnehmungstests mit insgesamt 240 Teilnehmern durchgeführt – darunter auch 35 Personen, die sehbehindert oder blind waren.

"Die Testpersonen mussten Fahrzeuggeräusche in der Vor­beifahrt in verkehrsberuhigten Wohngebieten bei einer Geschwindigkeit von 30 km/h einschätzen und subjektiv das erlebte Gefährdungspotenzial beurteilen" , erklärt Kathrin Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen in HZwei , einem Magazin für alternative Antriebe.

Keine großen Unterschiede

Die Tests ergaben, dass es bei den gemessenen Geschwindigkeiten keine großen Abweichungen im Lärmpegel zwischen Benzinern und Elektrofahrzeugen gab – am geringsten, und mit 2,5 dB "kaum wahrnehmbar" , war der Unterschied zwischen dem Stromos, einem E-Auto auf Opel-Agila-Basis, und einem konventionellen Agila. Deutlich größer hingegen war die Abweichung zu den Dieselfahrzeugen. Aktuelle Luxuslimousinen sind leiser als der Agila, ergänzt Dudenhöffer, und bei Nässe sei der Unterschied noch geringer wegen des lauteren Abrollgeräusches.

Waren die Unterschiede objektiv gemessen gering, waren sie, subjektiv abgefragt, teilweise ganz verschwunden – wie etwa zwischen dem Agila und dem Stromos. "Die erwarteten Unterschiede zwischen Verbrenner und Elektroauto zeigten sich nur bei den Fahrzeugpaaren von Smart und Peugeot Partner. Hier wurden die Elektrovarianten signifikant leiser und einzigartiger wahrgenommen als ihre (Elektro-)Zwillinge", erklärt Dudenhöffer.

Minimallärmpegel in Ausarbeitung

Sie erkannte im Test, dass "Blinde durch das Wort ,Elektroauto' schon ein deutlich höheres Gefahrenpotenzial vermuten als durch das Wort ,Auto mit Verbrennungsmotor'."

Derzeit sei auf Basis der ECE-Richtlinie 51 ein Gesetz in Begutachtung, erklärt ÖAMTC-Experte Steffan Kerbl, das künftig "nicht nur den Maximal-Lärmpegel von Kraftfahrzeugen, sondern auch die Mindestemissionen"  regeln könnte. Ob, wie und wann ein entsprechendes Gesetz kommt, das wäre jetzt ein "Kaffeesudlesen" .

Akustischer Fußgängerschutz

Automobilhersteller verbauen akustische Warnsysteme bereits freiwillig, wie etwa Renault im Twizy oder BMW im i3. "Wir bieten für den i3 ab Mitte 2014 einen akustischen Fußgängerschutz" , erklärt Michael Ebner, Pressesprecher bei BMW Österreich. Zudem gibt es im i3 "mit der Sonderausstattung Driving Assistent Plus die City Auffahrwarnung mit Anbremsfunktion für Fußgänger" .

Doch Maßnahmen auf freiwilliger Basis sind vielen Blinden-Vertretern zu wenig. Die Forderung an die EU-Kommission geht in Richtung nicht genau definiertes, verpflichtendes Mindestgeräusch.

Das würde dann unter Umständen auch konventionell betriebene, moderne Autos treffen, die diese Lärmwerte unterschreiten. (Guido Gluschitsch, DER STANDARD, 6.12.2013)

  • Das Tesla Model S: Eines der wenigen E-Autos, das bislang nicht mit dem AVAS-System ausgestattet ist.
    foto: wolf-dieter grabner

    Das Tesla Model S: Eines der wenigen E-Autos, das bislang nicht mit dem AVAS-System ausgestattet ist.

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