TV-Duelle, Langeweile und mediale Mauerblümchen

Rezension6. Dezember 2013, 05:30
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Warum Stefan Petzner Jörg Haider im Wahlkampf vermisste und Stronach ein "Wut-Manager" ist, analysieren Thomas Hofer und Barbara Tóth in ihrem neuen Buch

Auch wenn es noch keine Regierung gibt, die Wahlen liegen bereits mehr als zwei Monate zurück. Der Politberater Thomas Hofer und die Journalistin Barbara Tóth haben Parteien und politische Beobachter Bilanz über den Wahlkampf ziehen lassen und ein Buch herausgebracht. In "Wahl 2013. Macht, Medien, Milliardäre" analysieren insgesamt 22 Autoren den Wahlkampf. Die Wahlkampfleiter und Parteiinsider kommen zu Wort. Hofer stellt gleich zu Beginn fest, dass alle Parteien - bis auf die Neos - unter ihren Möglichkeiten geblieben sind.

Das Buch bringt auch erstaunliche Details zum Wahlkampf: Neos-Unterstützer Hans Peter Haselsteiner hat nicht nur den Neos finanziell geholfen, sondern auch der ÖVP gespendet. Die ÖVP hat sich aber gegen eine Veröffentlichung entschieden, um die Neos und Haselsteiner nicht noch präsenter zu machen.

Team Stronach als Motor für die ÖVP

Als Motor für die ÖVP bezeichnet der Politikberater das Team Stronach: "Hätte das Team Stronach nicht im FPÖ-Wählerteich gefischt, die ÖVP wäre wohl im Match Faymann gegen Strache auf verlorenem Posten gestanden." Er sieht große Mängel in den Strategien der Parteien. Beispielsweise habe Stronach seine politischen Ziele beziehungsweise sein Antreten zu früh bekanntgegeben. Auch mit den TV-Auftritten von Stronach geht Hofer hart ins Gericht. "Anstatt sich als erfahrener und besonnener Wirtschaftskapitän zu inszenieren, gab Stronach bei seinen TV-Auftritten den leicht entflammbaren Wutmanager mit Stilelementen eines Beppe Grillo", schreibt Hofer. Auch Tillmann Fuchs, ehemaliger Wahlkampfmanager vom Team Stronach, versucht die Auftritte seines früheren Parteichefs in dem Buch nicht zu verteidigen. Gelassenheit im Fernsehen zeigen zu können verlange viel Übung und Training. Im Laufe des Wahlkampfes habe sich die Bewegung verändert und wurde zunehmend vom "Bauchgefühl übernommen". Fuchs bezeichnet Stronach als eine Mischung aus Robbie Williams und Robin Hood, mitunter wegen seiner Unberechenbarkeit.

Nach den ersten missglückten TV-Duellen wollte Stronach laut Hofer aussteigen und einen neuen Spitzenkandidaten installieren. Die Wahl fiel einmal mehr auf Ex-Magna-Manager Sigi Wolf, der aber ablehnte, auch weil die Bundesliste bereits fixiert war.

Petzner über Bucher: "Mediales Mauerblümchendasein"

Stronachs Auftreten brachte nicht nur seine eigene Partei, sondern auch die FPÖ aus dem Konzept. Wahlkampfleiter Herbert Kickl habe sich jahrelang auf eine Konfrontation zwischen Parteichef Strache und Bundeskanzler Faymann gefreut, nun musste er auf einen neuen Herausforderer im Protestwählerlager reagieren. Doch für Lothar Höbelt, Historiker und FPÖ-Querdenker, war der Wahlkampf langweilig, da es nur um die Mobilisierung der eigenen Wähler ging. Straches Dilemma dabei: Wie kann man Haiders Stimmen erben und sich gleichzeitig von seinem Erbe distanzieren? Trotzdem zeigt sich Höbelt zufrieden mit dem Auftreten seiner Partei. Denn die FPÖ verstand es seiner Ansicht nach, "aus der Not eine Tugend zu machen und Langeweile als Zeichen der Mäßigung und Läuterung zu verkaufen".

Jörg Haider ist auch Thema bei Stefan Petzners Beitrag über das BZÖ, die Partei, aus der er mittlerweile ausgeschlossen wurde. Er analysiert das Scheitern der Orangen und attestiert dem zurückgetretenen Parteichef Josef Bucher "fehlendes Leadership". Außerdem habe er es verabsäumt, Jörg Haiders Erbe fortzuführen und den verstorbenen Landeshauptmann in den Wahlkampf zu integrieren. In dem Beitrag, der keine Abrechnung sein soll, beschreibt Petzner Buchers Medienpräsenz als "mediales Mauerblümchendasein". Interne Erhebungen hätten ergeben, dass der Bekanntheitsgrad des Parteichefs weit abgeschlagen hinter anderen Spitzenpolitikern liegt. Er konnte nicht klar herausarbeiten, wofür das BZÖ eigentlich steht. Als es ihm dann mit der "Genug gezahlt"-Kampagne gelungen ist, "kam jemand aus Kanada geflogen und machte dieses mühsame Aufbauwerk mit einem Schlag wieder zunichte".

Grüne Rollenspiele

Den Grünen hingegen attestiert Hofer eine professionelle Vorbereitung auf die TV-Duelle: Sie versuchten die Debatten möglichst realitätsnah zu trainieren, was bedeutet, dass Geschäftsführer Stefan Wallner Michael Spindelegger mimte und der Wiener Klubobmann David Ellensohn sich als Heinz-Christian Strache versuchte. Bei der Themenwahl stellt Hofer fest, dass die Neos Themen angesprochen haben, die sich die Grünen nicht getraut haben anzusprechen – wie eine tiefgreifende Pensionsreform.

Die Wahlkampagne der SPÖ beschreibt Hofer als Rückzugsgefecht: Die Partei setzte nicht auf parteiübergreifende Botschaften, sondern konzentrierte sich nur noch auf die Basis mit den klassisch gehaltenen Sujets Arbeit, Bildung und Pensionen. Aber die Mobilisierungsschwäche der SPÖ konnte die ÖVP nicht für sich nützen. Mit dem Slogan "Willkommen Zukunft" hob sie sich zwar von den anderen Parteien ab, die auf rückwärtsgewandte Botschaften setzten, aber sie konnte das Versprechen nicht einlösen. Die Debatten um das Lehrerdienstrecht und die Auftritte des Beamtengewerkschafters Fritz Neugebauer zeigten das Gegenteil. (Marie-Theres Egyed, derStandard.at, 6.12.2013)

Info: Thomas Hofer und Barbara Tóth (Hg.): "Wahl 2013. Macht, Medien, Milliardäre" ist im Lit-Verlag erschienen und kostet 24,90 Euro.

  • Nachbetrachtungen zur Wahl: Thomas Hofer und Barbara Tóth haben ein Buch mit Analysen zur Nationalratswahl herausgegeben.
    quelle: lit

    Nachbetrachtungen zur Wahl: Thomas Hofer und Barbara Tóth haben ein Buch mit Analysen zur Nationalratswahl herausgegeben.

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