Digitale Ideen für bessere Perspektiven

13. Februar 2014, 19:01
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Künstliche Sinnesorgane, ein Holzwurm, der über Natur und Umwelt nachdenken hilft: Junge IT-Pioniere tüfteln an digitalen Lösungen für eine lebenswertere Welt

Screenager sagen manche zu jenen, die in ihren Teenage- oder Twenjahren den Großteil ihrer Zeit vor dem Bildschirm verbringen. Dass dabei nicht Zeit verplempert wird, sondern zukunftsweisende Ideen entstehen können, machte jetzt zum zweiten Mal das "European Youth Award"- Festival (EYA) in Graz deutlich.

200 Projekte aus ganz Europa

Die Veranstaltung ist ein Wettbewerb für junge Entwickler und Entwicklerinnen unter 30 Jahren, die neue Technologien nutzen, um Gesellschaft und Umwelt positiv zu beeinflussen. 200 Projekte aus ganz Europa wurden heuer eingereicht - vom preisgekrönten spanischen Eyeborg, einem Mikrochip, der Farbtöne in Klänge übersetzt und so Farben für sehbehinderte Menschen erlebbar macht, bis hin zur niederländischen interaktiven Plattform Apna Haq (Unser Recht), das junge Frauen in Asien ermutigen soll, mit modernen Kommunikationsmedien auf soziale Missstände aufmerksam zu machen und gegen sie vorzugehen.

Open Data als Grundlage

Unter den Gewinnerprojekten befand sich dieses Mal auch ein hungriger Holzwurm aus Wien namens Woody. Ausgeschlüpft ist er im Vorjahr im Rahmen einer Lehrveranstaltung an der TU Wien, bei der es darum ging, Material aus dem Open-Data-Katalog der Stadt Wien für eine Anwendung zu verwerten.

Drei Medieninformatikstudenten wählten für sich den Baumbestand. Aus der Kindheit spukte den Mittzwanzigern Florian Jungwirth, Paul Spiesberger und Christoph Wöss das virtuelle Kücken Tamagotchi im Hirn herum, das immer gefüttert werden wollte. Herausgekommen ist mit Unterstützung des Grafikdesigners Georg Steinfelder eine kostenlose Android-App, die auf spielerische Art Bewusstsein für die Wiener Bäume schaffen soll, von denen immerhin 120.000 Gehölze "amtlich" erfasst sind.

Nichts für Stubenhocker

Anders als viele gängige Spiele-Apps ist Woody nichts für Stubenhocker, und das ist voll beabsichtigt, wie Spiesberger betont. Schließlich soll sie dazu beitragen, direkten Bezug zur Natur im urbanen Umfeld herzustellen. Der Nutzer muss sich vor einem der echten registrierten Bäume befinden, um seinen kleinen Holzwurm dort mit einer Handygeste für einen Snack abzusetzen. Auch mit der (Smartphone-)Axt kann dabei ausgeholt werden. Zu bedenken gilt dabei: Wird zu viel abgeholzt, wird es für Woody immer schwieriger, Nahrung zu finden. Geboten wird auch ein umfangreiches Baumlexikon.

Das Quartett hat für Idee und Umsetzung des digitalen Holzwurms schon mehrere Preise eingeheimst. Eine Ausweitung auf Baumkataster anderer Städte sei vorstellbar, meint Wöss. Derzeit werkeln sie in ihrer Freizeit an einer Nachfolge-App, bei der auch die Community eingebunden werden soll. Interessierte sollen dafür Fotos aufnehmen und Beiträge für eine Art Wikipedia für Bäume schreiben können. Über ein Businessmodell nachzudenken, dazu sind sie noch nicht gekommen: "Dazu brauchten wir mehr Zeit - und die haben wir derzeit mit Studium und nebenher Jobben nicht", sagt Jungwirth.

Der European Youth Award geht im Frühjahr 2014 in seine nächste Runde. (Karin Tzschentke, Der Standard, 5.12.2013)

 

  • Einer der Gewinner des European Youth Award: Holzwurm bringt Stubenhockern Baumwelt näher.
    foto: woody

    Einer der Gewinner des European Youth Award: Holzwurm bringt Stubenhockern Baumwelt näher.

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