Leben nach dem Taifun: Ein Moskitonetz als Decke

4. Dezember 2013, 19:08
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Kurt Behringer baut zusammen mit Einheimischen die ersten Kindergärten und Schulen für die Kindernothilfe in Ost-Samar wieder auf. Dabei geht es auch oft um die Grenzen, wie die Hilfe Spendern präsentiert wird - und wie Katastrophen einen Menschen verändern

Zum Zopf gebundene blonde Haare, ergrauter Zauselbart, hagere Statur, weltfremde Erscheinung - man könnte meinen, die Katastrophe hätte Kurt Behringer aus einer anderen Zeit auf den Philippinen an Land gespült. Doch der Kauz mit dem verschrammten schwarzen Trolley ist der Südostasienchef des Ananda Marga Universal Relief Teams (Amurt) und erfahrener Experte für Aufbauhilfe nach Katastrophen.

Seit einigen Wochen lebt er mitten im Chaos von Salcedo in Ost-Samar. Dort ist der Taifun Haiyan zum ersten Mal auf Land getroffen und hat besonders gewütet. Behringer baut dort im Namen der Kindernothilfe zehn Kindergärten, danach auch Schulen und Häuser zusammen mit Einheimischen wieder auf.

Wie lange er bleiben wird, weiß der 60-Jährige noch nicht. Ein paar Wochen, ein paar Monate, ein Jahr? Wenn er anfängt, zieht er ein Projekt auch durch, bis zum Ende - auch, wenn er danach dann meist für einige Zeit "in ein Loch" fällt. "Ich bin ein Doer-Typ, ich will Ergebnisse sehen", sagt Behringer. "Wenn eine Schule steht, wenn ein Haus steht, kann ich das herzeigen. Ich kann nicht fünf Jahre auf ein Kinderlächeln warten."

Vom Kosovo über Banda Aceh nach Birma

30 Jahre von einer Krise zur nächsten haben Spuren hinterlassen. 1997 ging Behringer dann zu Amurt, nach der Bekanntschaft mit einem brasilianischen Mönch, der sein Leben ganz der Armut verschrieben hatte. Er zieht den Desastern hinterher, ging in den Nachkriegs-Kosovo, half nach dem Tsunami in Banda Aceh und nach dem Zyklon Nargis in Birma.

Dieser Tage hat er Schulkindern in Nord-Cebu gesagt, dass andere dringender Hilfe brauchen als sie. Jetzt sagt er der durstigen Alten in Batang, die ihn um Hilfe bittet: "Unsere Philosophie ist: Wir geben nicht für einen, nur für alle." Dabei weiß er, dass gerade die Psyche der Menschen in solchen Krisen ohnehin besonders leidet und nach einer Katastrophe schnelle Hilfe nötig ist.

In Salcedo hat sich der erste Verzweifelte bereits umgebracht, wie Bürgermeister Melchor Mergal erzählt. Unterwegs sind immer wieder schrill lachende Frauen zu sehen, die den Schmerz offensichtlich nicht verarbeiten können. "Entweder wir machen das sofort oder gar nicht. In zwei, drei Monaten müssen wir nicht mehr mit Psychologen anfangen", sagt Behringer. Aber für den Part ist eine Kollegin zuständig.

Schlafen im Freien

Behringer bezieht sein Lager unter freiem Himmel, ein Moskitonetz als Decke. Das wollen die Regeln von Amurt so. Deren Mitglieder haben allem Weltlichen abgeschworen. Behringer nennt Amurt eine spirituelle Vereinigung, keine religiöse. "Wir haben auch einen Gott, die All-Seele. Aber das ist keiner auf einer Wolke." Sie haben sich voll und ganz der Hilfe für andere Menschen verschrieben. "Service to humanity is service to God", lautet ihr Leitspruch.

15 Modelle für den Wiederaufbau von Kindergärten, Schulen und Häusern hat er sich in drei Jahren auf seinem Computer zusammengestellt. Im Kreis Salcedo sind 31 Kindergärten zerstört, 600 Kinder wurden dort betreut. Bei den Schulen kommt er auf die zehnfache Zahl Kinder. Kurt kalkuliert, wie viele Nägel, Hämmer, Zangen, Dachlatten und Balken nötig sind. Fünf lokale Bauingenieure wird er anstellen. Dann berechnet er, welche Ausstattung er für die Kinder braucht und wie viele Psychologen.

"Wenn wir am Nachmittag zurückkommen, können wir schon ein paar Fotos vom Hausbau machen." Die Energie geht mit ihm durch, er kennt noch nicht einmal die Einkaufsmöglichkeiten. Er will helfen, aber er will der Kindernothilfe auch Material liefern, damit die ihren Spendern möglichst rasch Projekte präsentieren kann. Die Hilfe nach Katastrophen ist auch Geschäft. Wer spektakuläre Bilder anbietet, bekommt höhere Spendengelder. "Die Hilfe ist wichtig, aber sie muss auch beeindrucken", sagt Behringer und fügt hinzu: "Womit der Hilfegedanke manchmal an zweite Stelle rückt." Seine Philosophie ist es, möglichst abseits der Hauptrouten zu helfen, da sei die Not am größten. (Ingrid Müller aus Salcedo, DER STANDARD, 5.12.2013)

  • Kurt Behringer hat über 15 Modelle für den Wiederaufbau von Schulen und Häusern auf seinem Computer gesammelt.
    foto: müller

    Kurt Behringer hat über 15 Modelle für den Wiederaufbau von Schulen und Häusern auf seinem Computer gesammelt.

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