Zombies, Pausenclowns und DJs

8. Dezember 2013, 17:23
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Das 23. Nationale Rumänische Theaterfestival in Bukarest bot in zehn Tagen einen Überblick über die interessantesten Produktionen des Landes

Menschenschlangen vor den Theatern. Die in letzter Minute auch ohne Ticket eingelassenen Zuschauer sitzen, hocken, stehen auf allen Gängen und Stufen. Das allein ist für den "westlichen" Gast schon erstaunlich, weil es von ungewohnter Vitalität zeugt. Noch erstaunlicher ist allerdings feststellen zu müssen, wie viele Investitionen hier in den letzten Jahren offensichtlich im Kulturbereich getätigt worden sind.

Das Nationaltheater wird gerade von den Verschandelungen der Ceaușescu-Ära befreit, erstrahlt bereits in neuem, farbigen Glanz und erinnert in seinen kühnen modernistischen Formen fast an Le Corbusiers Chapelle de Longchamp. Außerdem hat es im Zuge der Renovierung den Saal des ehemaligen Operettentheaters übernommen und eine neue, mittelgroße "black box" dazu bekommen. Dem nicht genug, wurde auch das angrenzende, intime Arcub-Theater von Grund auf erneuert. Und die Comedie erhielt in einem zuvor nur als Depot genützten Jugendstilgebäude einen wunderschönen zweiten Saal.

In all diesen Räumlichkeiten und in vielen anderen mehr fand jetzt zum 23. Mal das Nationale Rumänische Theaterfestival statt, das alljährlich im Spätherbst die von einem einzigen Kurator (heuer: Alice Georgescu) ausgewählten besten und interessantesten Produktionen aus dem ganzen Land in Bukarest vereint. Und somit eine perfekte Gelegenheit für in- wie ausländische Besucher bietet, sich binnen zehn Tagen einen Überblick über die letzte Saison zu verschaffen - ohne viel reisen zu müssen. Warum gibt es so ein Festival eigentlich nicht in Österreich?

Zombie-Veranstaltung

Eröffnungsvorstellung und Hauptattraktion der Leistungsschau waren Andrei Șerbans "Trojanerinnen". Sie bildeten einst den Mittelteil seiner legendären Antikentrilogie, die 1974 erstmals bei La Mama herauskam. Jetzt hat er sie als Einzelstück, diesmal mit Sängern statt Schauspielern für die Oper, in Iași inszeniert. Das Revival hinterließ einen zwiespältigen Eindruck. Dem Autor dieser Zeilen, der die ursprüngliche Aufführung 1975 bei der Theaterbiennale von Venedig erlebt hat, erschien es wie ein Schauobjekt aus einem Theatermuseum, wie eine Zombie-Veranstaltung.

Denn Șerban hat eigentlich nichts an seiner Inszenierung geändert. Die wurde damals aber ganz vom Geist und den Stilmitteln der Post-68er- und Hippiezeit (Kunstsprache, performative Elemente, Akteure auf Podeste mitten im Publikum) getragen. Mittlerweile sind aber doch vier Jahrzehnte vergangen. Und wenn der Zeitgeist nicht mehr weht, dann bleibt nur von Stadttheaterbeamten exekutiertes Kunstgewerbe übrig. Ein trauriges Wiedersehen.

Herzzerreißend tragisch und herzerfrischend komisch

Äußerst erfreulich hingegen die jüngste Anstrengung des rumänischen Regie-Altmeisters Silviu Purcărete. Mit Labiches "Ein florentinischer Strohhut" für das Theater von Iași ist ihm eine exemplarische Arbeit gelungen, Lichtjahre entfernt von jeder konventionellen Boulevardtheater-Mechanik. Hier scheint von Anfang an schon alles verloren. Alles ist schäbig: die verkehrt aufgestellten Kulissen, die Kostüme, die Hoffnungen, die Gefühle. Ein Haufen trauriger Gestalten schleppt sich erschöpft von einer unausweichlichen Katastrophe zur nächsten mit zunehmender Gefahr, kollektiv dem Wahnsinn zu verfallen. Ab und zu taucht ein Souffleur auf, dazwischen machen zwei Bühnenarbeiter als Pausenclowns müde Witzchen, gelegentlich trällert eine überdrehte Primadonna aus den Logen ein Liedchen. Es ist herzzerreißend tragisch und herzerfrischend komisch. Ein Meisterwerk.

Es gab Aufführungen nicht nur auf rumänisch, sondern auch auf ungarisch (exzellent: "Der Geizige" aus Sfântu Gheorghe), deutsch (enttäuschend: "Die Möve" aus Temeswar) und jiddisch (unrezensierbare Aufführung, nur aufgrund der Sprache erträglich), von Stadttheatern und kleinen Gruppen, toten (Molière, Shakespeare) und lebendigen (von Mayenburg, Matei Vișniec) Autoren, in winzigen (Unteatru) und riesigen (Oper), schäbigen (Radu Beligan) und prächtigen (Odeon) Locations.

Rümänischer Nestroy

Für  den ausländischen Besucher stellte natürlich der Fokus auf den außerhalb der Landesgrenzen wenig gespielten "rumänischen Nestroy" Ion Luca Caragiale (1852-1912) eine besondere Attraktion dar. Wie interessant es auch war, seine populären Komödien "Der verlorene Liebesbrief" oder "Herr Leonida" kennenzulernen, den stärksten Eindruck hinterließ doch Caragiales einzige Tragödie "Năpasta" ("Ungerechtigkeit").

Was zweifellos an dem jungen Regisseur Radu Afrim lag, der sich dieses seltene und seltsame Werk, in dem eine Frau den Mörder ihres Mannes heiratet und sich an ihm rächt, auf völlig ungenierte Art zu eigen machte - mit Doppelbühne, Live-DJ, Live-Sängerin und einem extrem bildlichen und physischen Darstellungsstil bis hin zu einer zehnminütigen grotesken Modeschau am Schluss. Man mag als Fremder möglicherweise überhaupt nicht verstanden haben, worum es da eigentlich geht, aber schön und faszinierend anzuschauen war es allemal. (Robert Quitta, derStandard.at, 8.12.2013)

  •  Andrei Șerbans "Trojanerinnen".
    foto: rumänische theaterfestival bukarest

     Andrei Șerbans "Trojanerinnen".

  • Luca Caragiales Tragödie "Năpasta".
    foto: rumänische theaterfestival bukarest

    Luca Caragiales Tragödie "Năpasta".

  • Labiches "Ein florentinischer Strohhut" in der Inszenierung des rumänischen Regie-Altmeisters Silviu Purcărete.
    foto: rumänische theaterfestival bukarest

    Labiches "Ein florentinischer Strohhut" in der Inszenierung des rumänischen Regie-Altmeisters Silviu Purcărete.

  • "Der Geizige" aus Sfântu Gheorghe.
    foto: rumänische theaterfestival bukarest

    "Der Geizige" aus Sfântu Gheorghe.

  • "The Ugly One" von Marius von Mayenburg.
    foto: rumänische theaterfestival bukarest

    "The Ugly One" von Marius von Mayenburg.

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